Der Charme des Trödelmarkts hält sich noch bedeckt. © Benjamin Lauterbach

Fünf Euro Eintritt pro Person. Hinter dem Kassenbereich beginnt der Rundgang mit einer kleinen historischen Ausstellung zum Thema Reitsport. Alte Sättel, Pokale, Poster, ein großes Plastikpferd. Während ich die Exponate in den Vitrinen begutachte, sieht sich Mutter die menschenleeren Ausstellungsräume an. "Sind wir wirklich die einzigen Besucher? Man muss ja Angst haben, dass gleich der Schlossgeist kommt." Wir passieren einen engen Durchgang und erreichen eine große Lagerhalle. Hier geht es nicht mehr um Reitsport, sondern übergangslos ums Boden- und Geräteturnen. Auf gusseisernen, im Hallenboden versenkten Maschinen stehen zwei alte Barren, ein Bock, an den Wänden Wimpel und Plakate, alles aus den zehner und zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. An den Wänden erzählen zudem Postkarten und Zeitungsartikel von den Anfängen des Turnsports und von seinem Erfinder: Friedrich Ludwig Jahn. Ich frage Mutter, ob ihr Friedrich Ludwig Jahn noch ein Begriff sei. "Natürlich! Ich bin doch in Hamburg auf die Jahnschule gegangen."

Im Mittelgang plötzlich ein erstes Hinweisschild: "Olympia 1936". Auch hier wieder Vitrinen, Poster, Zeitungsartikel, dazu die obligatorischen Fahnen und Wimpel. Mutter zeigt auf eine Postkarte, auf der das Berliner Olympiastadion abgebildet ist: "Na, das wäre was für deine Großmutter gewesen. Die war damals zu Olympia in Berlin. Da war ich aber noch gar nicht auf der Welt, wahrscheinlich bin ich zu jung für diese Ausstellung." Als ich bemängele, dass es keine Tondokumente oder Bildschirme mit Filmaufnahmen gibt, antwortet Mutter: "Ich finde ohnehin das Gebäude viel interessanter. Schau mal hier, die alten Sicherungskästen. Oder da oben, dieser fahrbare Kran unter der Decke, der nennt sich Laufkatze. Damit konnte man schwere Gegenstände quer durch die Halle transportieren. Irre." Ich starre an die Decke, kann aber Mutters Begeisterung für die Industriebrache nicht teilen. Stattdessen verweise ich darauf, dass wir uns ja eigentlich laut Ankündigung in einem Freizeitpark befinden sollten, nicht aber in einem Museum. "Und was soll eine Frau meines Alters in einem Freizeitpark machen? Autoscooter fahren?"

"Hier ist das ganze Jahr über Weihnachten"

Richard K. Rode, Eigentümer und Organisator des Senioren-Freizeitparks in Borken © senioren-freizeitpark.de

Als ich unnötig lange vor einer Büste von Friedrich Ludwig Jahn verharre, mahnt Mutter zur Eile. "Wenn wir in dem Tempo weitergehen, sind wir morgen früh noch hier." Dabei sind seit unserer Ankunft nicht einmal zwanzig Minuten vergangen. Vor uns liegt jetzt ein Cafébereich, die Tische dekoriert mit Tannenzweigen und roten Kerzen, an den Wänden Weihnachtsschmuck, die Böden ausgelegt mit riesigen Wohnzimmerteppichen. Das Café hat geschlossen, die Deckenbeleuchtung ist ausgeschaltet. Aus dem Halbdunkel nähert sich ein drahtiger, agiler Herr im Sakko. Er trägt ein seidenes Halstuch statt Krawatte, sein Lächeln wirkt, als freue er sich aufrichtig, uns zu sehen. "Hier ist das ganze Jahr über Weihnachten", sagt er zur Begrüßung und fügt an: "Hallo, ich bin hier der Chef." Dass wir auf den Gründer des Freizeitparks treffen, ist Zufall. Ich habe Mutter und mich nicht angemeldet, wir wollten unbeeinflusst und mit möglichst naivem Blick über das Gelände gehen. Doch jetzt, da wir den Eigentümer und Organisator Richard K. Rode vor uns haben, stelle ich ihm doch einige Fragen, die er bereitwillig beantwortet. Vor 18 Jahren habe er die Gebäude zusammen mit seiner Frau gekauft, seitdem sei man rund um die Uhr mit der Erhaltung beschäftigt. Alle modernen Gebäude seien vor dem Verkauf von der Stadt abgerissen worden, lediglich die historischen habe man stehen lassen. Mutter und ich sollen uns die Terrakotta-Armee nicht entgehen lassen, sie beschließe den Rundgang ganz am Ende, viele Besucher brächen leider zu früh ab. Wir bedanken uns und gehen weiter. "Welche Besucher?" fragt Mutter.

Um genau 11.37 Uhr haben Mutter und ich eine Erscheinung: Wir sehen ein weiteres Besucherpaar. Die beiden Rentner überholen uns schnellen Schrittes, einen Golden Retriever an der Leine führend. Ich nicke den beiden komplizenhaft zu, woraufhin der Mann stehen bleibt und fragt: "Wie kommt man hier eigentlich raus aufs Gelände? Unser Hund muss mal." Ich kann ihm die Frage nicht beantworten. Die Hallenfenster sind abgeklebt, die Türen verschlossen, der Senioren-Freizeitpark spielt sich in größtenteils abgedunkelten Lagerhallen ab, ein paar rote Papppfeile weisen den Weg, die Orientierung verliert man hier schneller als den Glauben an Besucherströme. Wenige Meter weiter werben Hinweisschilder für einen Trödelmarkt, doch als wir die Verkaufsräume betreten, sind alle Stände mit Planen und riesigen Tüchern abgedeckt, weit und breit ist kein Händler zu sehen. Ich erkläre Mutter, dass Richard K. Rode sein Vermögen unter anderem mit der Organisation von Floh- und Antik-Märkten gemacht habe, während sie einige freigelegte Waren inspiziert. "Wenn du wissen willst, was ich mir nicht zum Geburtstag wünsche, dann schau mal unter diese Planen."

"Für Leute mit Rollator völlig ungeeignet"

Eine knappe Stunde ist vergangen, Mutter und ich haben den Rundgang im Erdgeschoss beendet. Wir erreichen eine breite Treppe, im Obergeschoss wartet der zweite Teil des Senioren-Freizeitparks auf uns. Mutter wird zum ersten Mal ungeduldig: "Gibt es hier keinen Fahrstuhl? Das ist doch alles nicht seniorengerecht. Für Leute mit Rollator völlig ungeeignet. Vierzig Stufen in den ersten Stock, dann überall diese Unebenheiten am Boden, die schlechte Beleuchtung. Hier muss man wirklich aufpassen, wo man hintritt." Kurz überlege ich, ob das Fazit unseres Senioren-Freizeitpark-Tests damit vielleicht schon feststeht, doch Mutters Interesse wird im ersten Stock neu entfacht. Der Rundgang beginnt hier mit einer Ausstellung über das Dritte Reich. In Glaskästen liegen Carepakete, wie sie von den Amerikanern nach dem Zweiten Weltkrieg über Berlin abgeworfen wurden. Eines ist noch verschnürt, ein zweites ausgepackt, angerostete Konservenbüchsen glänzen im Licht der Deckenfluter. "Carepakete konnte man sich in Hamburg damals in speziellen Läden abholen. In Hamburg wurden die Pakete ja nicht von Rosinenbombern abgeworfen", erzählt Mutter und geht mit der Nase ganz dicht an die Schaukästen. "Man musste zwar stundenlang für diese Pakete anstehen, aber am Ende war das Auspacken ein richtiger Festakt." Müdigkeit ist Mutter plötzlich überhaupt nicht mehr anzumerken, sie kommentiert jedes Exponat ausführlich, setzt die Ausstellungsstücke in Verbindung mit ihrer Familiengeschichte. Der Senioren-Freizeitpark wird nun doch noch zu einer Art Zeitreise, weil dieser Teil der Dauerausstellung einer jüngeren Vergangenheit gewidmet ist, die potenzielle Besucher des Parks noch selbst erlebt haben. "Und aus solchen Hakenkreuzfahnen haben sich die Frauen nach dem Krieg Kleider geschneidert. Natürlich ohne das Hakenkreuz. Das wurde vorher rausgeschnitten. Ich hatte auch so ein feuerrotes Kinderkleid mit meinen fünf Jahren."

Im ersten Stock des Senioren-Freizeitparks haben wir den Eindruck, als folge der Rundgang nun einer Chronologie, einem inhaltlichen roten Faden. Hier zeigt der Freizeitpark seine Stärke. Auf die Ausstellungsstücke zum Dritten Reich folgen Exponate zur Geschichte der DDR und zum Kennedy-Mord. "Als Kennedy erschossen wurde, war ich mit meinem ersten Mann auf der Autobahn. Wir machten Halt an einer Raststätte. Im Essbereich stand ein kleiner Schwarz-Weiß-Fernseher auf einer Anrichte, und davor saßen Truckerfahrer auf Barhockern, so richtig große Kerle. Die waren regelrecht in sich zusammengefallen und heulten wie Schlosshunde. Da wussten wir sofort, dass irgendwas Schlimmes passiert sein musste." 

Mutter ist jetzt wie ausgewechselt. Nicht mehr die alten Lagerhallen des ehemaligen Braunkohlekraftwerks stehen im Mittelpunkt ihres Interesses, sondern Zeitungsartikel und Fotos, Türöffner in die eigene Vergangenheit. Leider ist dieser Teil der Ausstellung klein, nach fünfzehn Minuten haben wir ihn durchschritten. Und auch mit der chronologischen Anordnung ist es plötzlich vorbei. Auf den Bereich zum Kennedy-Attentat folgen Ausstellungsstücke aus dem Deutschen Kaiserreich. Als wir eine Krankenliege entdecken, mit der im Ersten Weltkrieg Verwundete aus den Schützengräben geholt wurden, deutet Mutter darauf und sagt: "Wenn dieser Rundgang nicht bald zu Ende ist, musst du mich nachher damit zurück zum Auto tragen."