Im letzten und gleichzeitig größten Bereich des Senioren-Freizeitparks geht es um China. "Chinesische Ästhetik reizt mich eigentlich überhaupt nicht", erklärt Mutter, und ich versuche mich als Motivator, indem ich darauf verweise, dass wir es vermutlich bald geschafft haben. Doch auch ich merke erste Anzeichen von Erschöpfung. Die Vielzahl der Exponate nötigt einem zwar Respekt vor der Sammlerleistung ab, aber nach gut 90 Minuten Rundgang ist auch mein Interesse an fernöstlichen Memorabilien gering. Wir eilen vorbei an chinesischem Fensterschmuck, chinesischen Tonfiguren, chinesischem Mobiliar. Alles erinnert an die Inneneinrichtung eines China-Restaurants aus den achtziger Jahren. Vor uns erhebt sich eine riesige Buddha-Statue, fünf Meter hoch, in der Luft hängt der Geruch von Räucherstäbchen, die Fenster der Halle sind mit roten Folien abgeklebt. Plötzlich taucht aus dem Halbdunkel eine Chinesin im traditionellen Hanfu-Kleid auf. Ob sie uns weiterhelfen könne, sie beantworte uns gerne alle Fragen zur Ausstellung. Mutter und ich sind so perplex, dass uns keine Fragen einfallen. Wir bedanken uns und gehen weiter, die Chinesin folgt mit einigem Abstand. Mutter kommt ganz dicht an mich ran. "Vielleicht ist das der Schlossgeist. Wir könnten die Dame fragen, ob ein China-Restaurant Teil des Parks ist und ein Mal Ente süß-sauer bestellen."

Mutter mit Exponaten © Benjamin Lauterbach

Gut zwei Stunden sind vergangen, als wir den letzten Raum des Senioren-Freizeitparks erreichen. Vor uns reihen sich Hunderte chinesische Krieger zu einem beeindruckenden Gesamtbild. Die lebensgroße Terrakotta-Armee ist das Herzstück der Ausstellung, aus gutem Grund: Im Scheinwerferlicht der ansonsten abgedunkelten Halle wirkt sie majestätisch, bedrohlich. Ich versuche, ein Foto zu machen, doch meine Spiegelreflexkamera ist mit den Lichtverhältnissen überfordert, die Bilder verwackeln. Warum die Räumlichkeiten allesamt so lichtarm sind, dass man sogar Mühe hat, Unebenheiten am Boden zu erkennen, bleibt an diesem Sonntag ein ungelöstes Rätsel. "Siehst du hier irgendwo eine Erklärtafel?" fragt Mutter mich vom anderen Ende der Halle. Ich verneine. "Schade, dass man hier nirgendwo etwas zu den Ausstellungsstücken lesen kann. Man muss doch wissen, woher diese Figuren kommen, ob es Kopien oder Originale sind und was so eine riesige Armee kostet." Ein paar Minuten stehen wir noch stumm vor den unbeweglichen Kriegern, dann machen wir uns auf die Suche nach dem Ausgang. Doch die Hallentüren sind verschlossen. "Die werden ihre Besucher bestimmt nicht den ganzen langen Weg zurücklaufen lassen", gibt sich Mutter optimistisch. "Irgendwo muss es hier eine Abkürzung oder ein Treppenhaus geben, sonst schreib' ich dem Herrn Rode einen Brief."

"Durcheinander, aber nicht uninteressant"

Mutter wird einen Brief schreiben. Es gibt nämlich keine Abkürzung, auch kein Treppenhaus, keinen Aufzug. Die Besucher des Senioren-Freizeitparks müssen die zurückgelegte Wegstrecke ein zweites Mal bewältigen, inklusive aller Treppen, dunkler Gänge, Trittfallen am Boden wie Teppiche oder den über die Jahrzehnte ausgetretenen Belag. Als wir endlich wieder den Parkplatz erreichen, lässt sich Mutter erschöpft auf den Beifahrersitz meines Wagens fallen. Ich erwarte ein vernichtendes Fazit, werde aber überrascht: "Das war schon alles sehr spannend. Bewundernswert, was dieser Herr Rode zusammengetragen hat. Dann diese riesigen Hallen, was da wohl allein der Unterhalt kostet?" Ich weise Mutter darauf hin, dass sie ruhig kritischer sein darf, aber sie bleibt bei ihrer wohlwollenden Haltung: "Das ist zwar alles arg durcheinander, aber nicht uninteressant. Ich hätte mir höchstens Erklärtafeln gewünscht. Und mehr Licht, Senioren sehen doch ohnehin nichts mehr. Bei dieser Dunkelheit brechen die sich noch die Haxen." Ich starte den Wagen. Wir rollen vom Parkplatz, auf dem mittlerweile ein gutes Dutzend Fahrzeuge sowie ein Reisebus stehen. "Aber dass man nicht auf das Gelände kann, dass es nirgendwo Türen raus in einen Innenhof gibt, ist im Grunde eine Frechheit. Der Park wirbt doch mit seinem Standort, dann will ich die Gebäude auch von außen sehen und mal an die frische Luft."

Unsere Rückfahrt führt uns ein zweites Mal durch mittelhessische Dörfer, noch immer ist keine Menschenseele zu sehen. Als wir endlich einen geöffneten Gasthof mit Gartenbereich ausfindig machen, sitzt dort ein Blasorchester und spielt Heimatlieder im Takt kauender Kiefer. Ob ich weiterfahren soll, will ich von Mutter wissen, aber sie winkt ab: "Es ist 14 Uhr. In einer Stunde bekommen wir hier auf dem Land nirgendwo mehr etwas zu essen." Wir suchen uns einen möglichst abgelegenen Tisch und bestellen unter dem ohrenbetäubenden Lärm der Trompeten zwei Rumpsteaks. Dann schweigen wir uns eine Weile an. Als die beschürzte Kellnerin uns die dampfenden Teller auf den Biertisch stellt, sagt Mutter: "Ich habe mir in meinem ganzen Leben kein Rumpsteak so hart erarbeitet wie dieses hier."