Kotzbus. Das höre ich oft auf diesen Partys in Berlin, Frankfurt oder München, auf denen man immer so schnell gefragt wird, wo man herkommt. Ich sage Cottbus, und es kommt dieser Spruch, und meistens klingt er böser, als er gemeint ist. Er soll eher eine Art Schulterklopfen sein, weil ich es zu ihnen geschafft habe, heraus aus dieser Stadt voller Nazis, Arbeitslosen und Plattenbauten. Cottbus, das ist für viele ein braunes, bestenfalls graues Nest tief im Osten, wo es Wölfe gibt, Polen nah ist und die Mongolei auch nicht mehr weit. Ich gehe mir dann immer ein Bier holen.

Auf dem Weg fällt mir ein, wie auch ich gehadert habe mit meiner Heimatstadt, mit ihrer Enge und Biederkeit. Kaum 100.000 Einwohner, das wird schnell zu klein. Aber geht es jemandem aus Paderborn nicht auch so? Und klar, es gibt Arbeitslose, mehr als in vielen anderen Ecken dieses Landes, und Plattenbauten, die aber nichts tun, und leider auch noch so manchen Nazi. Das Merkwürdige ist ja, dass Fremde vor allem dort gehasst werden, wo es keine gibt. Da hilft nur die Konfrontationstherapie: Hinfahren, angucken! Wer einen Nazi sieht, fast immer ist es ein dummer Halbstarker, zeigt ihm den Mittelfinger. Bringt die weite Welt nach Cottbus! Das ist das einzige, was dieser schönen Stadt noch fehlt. Schön? Ja, schön!

Die Bibliothek der Technischen Universität in Cottbus von den Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron, hier das sehr ungraue Treppenhaus, war die "Deutsche Bibliothek 2006". © REUTERS/Hannibal Hanschke

Die Innenstadt mit den frisch angepinselten Barockhäusern rund um den Altmarkt würde viele andere deutsche Metropolen neidisch machen. Das einzige Jugendstiltheater Brandenburgs sowieso, von innen wie von außen. Vor der alten Stadtmauer könnte man einen Mittelalter-Film drehen, der dann wiederum im Weltspiegel, einem der ältesten Kinos der Republik, aufgeführt werden könnte. Die neue Universitätsbibliothek hat Architekturpreise abgestaubt. Das pittoreske Fußball-Stadion des örtlichen FC Energie hört auf den rührendsten Namen ever: Stadion der Freundschaft. Und wenn Sie Glück haben, treffen Sie den Cottbuser Postkutscher, der Zungen bricht, indem er den Cottbuser Postkutschkasten blank putzt, und nebenbei Touristen durch die Stadt führt.

Selbst der Ortsteil Sachsendorf-Madlow, vor der Wende von der DDR als größte Plattenbausiedlung Brandenburgs gefeiert, später in dramatischen Artikeln überregionaler Zeitungen als No-Go-Area verdammt, hat Charme. Die Hälfte der in Beton gegossenen Sozialistenträume wurde saniert und bunt bemalt, die andere abgerissen, wodurch eine surreale Stadtlandschaft entsteht, inklusive aufgeplatzter Straßen, die ins Nichts führen wie in einem Endzeitfilm.

Am Schönsten ist die Stadt aber am Fluss. Rund um die Spree, deren Ufer 200 Kilometer stromabwärts in Berlin größtenteils zubetoniert sind, ist es grün wie auf dem Land. Ein Park reiht sich dort an den anderen, man kann stundenlang am Fluss entlanglaufen und muss schon genau hinschauen, um mal irgendwo Beton durch die Bäume lugen zu sehen. Ganz im Süden befindet sich der Branitzer Park, der größte, schönste und verrückteste der Stadt. Das liegt an seinem Schöpfer.

Der Name Fürst Hermann von Pückler-Muskau klingt nach Biedermeier, dabei war der Mann ein früher Gigolo, war gar der größte Frauenheld Preußens. Ihm konnte keine widerstehen, und umgekehrt auch nicht. Selbst Goethe notierte das neidisch. Mit Pückler-Anekdoten lassen sich viele langweilige Partys in Berlin, Frankfurt oder München auflockern: Wie er in London eine Kutsche mit Papageien füllen ließ und sie der Angebeteten, einem Papageien-Fan, vor die Tür fuhr. Wie er wegen eines durch eine Frauengeschichte verursachten Duells seinen Dampfer in die USA verpasste. Oder wie er als 80-jähriger Generalleutnant die Schlacht bei Königgrätz verschlief und dafür auch noch ausgezeichnet wurde.

Pückler war auch Schriftsteller. Er verfasste ein Werk namens Tutti Frutti, das Hella von Sinnen prüde aussehen lässt. Als Weltreisender verschlug es ihn hierhin und dorthin. Von einer Reise in den Sudan brachte er ein 14-jähriges Mädchen namens Machbuba als Sklavin und Liebhaberin mit nach Hause.

Vor allem aber war er Gartenkünstler, und der Branitzer Park wurde das Produkt seiner Beklopptheit. Inspiriert von englischen Landschaftsparks ließ Pückler Seen und Kanäle graben. Mit dem Aushub modellierte er Hügel; in der Niederlausitz, die flach wie ein Brett ist, sind es die einzigen Erhebungen weit und breit. Er ließ tonnenweise Mutterboden herankarren, weil ihm der Brandenburger Sandboden, nun ja, zu sandig war. Zudem ließ er Pyramiden aufschütten. In einer von ihnen, der Seepyramide, fand der Fürst seine letzte Ruhe – zumindest das, was von ihm übrig war: Sein Herz wurde in Schwefelsäure aufgelöst, der Körper in Ätznatron, Ätzkali und Ätzkalk gebettet. Er wollte es so.

Noch ein Bier, irgendjemand?

Kennen Sie auch eine unterschätzte Stadt? Warum ist sie unterschätzt? Schreiben Sie Ihre Hinweise einfach in die Kommentare!

1 Bibliothek der Brandenburgisch-Technischen Universität (Platz der Deutschen Einheit 2): 2006 ausgezeichnet mit diversen Architekturpreisen

2 Staatstheater Cottbus (Schillerplatz 1): Brandenburgs einziges staatliches Theater. Im Jugendstil gebaut, von innen und außen ein Traum. Und gespielt wird dort auch stark.

3 Kino Weltspiegel (Rudolf-Breitscheid-Straße 78): Das zweitälteste noch betriebene Kino Deutschlands feierte 2011, mit einer Wiedereröffnung nach der Sanierung, seinen 100. Geburtstag.

4 Dieselkraftwerk Cottbus (Uferstraße/Am Amtsteich 15): Früher Kraftwerk, heute Museum für zeitgenössische Kunst, Fotografie und Plakat. Der Fokus liegt auf ostdeutscher Kunst.

5 Branitzer Park (Kastanienallee): Großer, grüner Landschaftspark mit Schloss und den zwei weltweit einmaligen Erdpyramiden, der Landpyramide und der Seepyramide, unter der die sterblichen Überreste von Fürst Pückler und seiner Frau Lucie liegen.

6 Stadtwächter (Mauerstraße 1): Rustikales Lokal in der 600 Jahre alten Stadtmauer. Warmes Essen (Schnitzel!) bis in die Nacht, gute Stimmung bis tief in die Nacht. Sehr hübsch auch die Mini-Terasse.

7 Da Nando (Deffkestraße 10): Bester Italiener der Stadt. Deshalb zweite Heimat der Fußballer des FC Energie.

8 Mosquito (Altmarkt 22): Gute Cocktails direkt am schönen Marktplatz, der guten Stube der Stadt. Allerdings hohe Dichte von Solariums- und Fitnessstudiofans.

9 Marie (Marienstraße 23, siehe auch Haus 23): Eine der wenigen alternativen Kneipen in Cottbus mit einem herrlichen Sommergarten, gelegen in einem verfallenen Hinterhof. Gleich ums Eck kann im legendären Gladhouse gefeiert werden.