"Ganz Deutschland ist jetzt auf Achse", hat der ADAC mitgeteilt: "An diesem Wochenende gibt's Rekordstaus."

Wobei: Dass "ganz Deutschland" unterwegs ist, stimmt natürlich nicht. Ganz Deutschland tut ja nie irgendetwas. Ganz Deutschland schaut den Tatort? Nö. Ganz Deutschland guckt WM-Finale? Nicht einmal das. Eine der wenigen Aussagen mit "ganz Deutschland", die zutrifft, ist, dass ganz Deutschland nicht in Frankreich liegt. Aber Rekordstau, das klingt dann doch nach einer Erfahrung, die man mal gemacht haben sollte.

Was mich betrifft, ich betrachte Autofahren nicht als Hobby, sondern als bequemes Übel. So ein Auto kann ganz hilfreich sein, keine Frage. Aber ob die Kiste jetzt blau oder weiß ist, ja Gottchen. Ich saß ein einziges Mal am Steuer eines Porsches; ein Freund, der einen fährt, schickte mich damit auf eine Besorgungsfahrt. Ich fand das Zündschloss nicht, schnell wurde es mir zu blöd, und ich bestieg ein Damenrad. Der Wind pfiff mir um die Nase auf meinem Weg in die Dorfapotheke, es war ganz fantastisch. Das Rad, die Bahncard 100, der Nachtzug – das ist Freiheit.

Das beruhigende Geräusch eines Zuges allein, wenn er aus dem Bahnhof ausfährt: dedim, dedim, dedim!

Im Auto dagegen: bwwww. Staubsaugen ist Musik dagegen.

Aber man will natürlich nicht borniert sein. Wenn die größte Gruppe der Deutschen Urlaub mit dem Auto macht, wird schon irgendetwas dran sein. 2013 soll es in Deutschland Staus in einer Gesamtlänge von 830.000 Kilometern gegeben haben, heißt es in einer ADAC-Zeitschrift. Nehmen wir an, der Club übertreibt, weil ihm daran gelegen ist, die Mehrheitsfähigkeit des Autofahrens zu betonen. Oder weil er neue Autobahnen fordert. Nehmen wir an, es gibt halb so viel Stau. Dann wäre das immer noch ein Schneckenrennen, das zehn Mal um den Äquator führt.

Was ist so toll an einer vollen Autobahn, dass so viele Leute auch noch ihren Sommerurlaub darauf verbringen, wie dieses Wochenende, an dem nun auch in den letzten Bundesländern die Ferien begonnen haben? Was erlebt man so auf der Autobahn?

"Panino oder Baguette?" – "Brötchen."

Es ist 11 Uhr. Der Blick von einer Berliner Fußgängerbrücke verspricht viel, der Verkehr stadtauswärts auf der A 100 stockt. Also los. Schlüssel. Zündschloss. Drehen. Bwww.

Erster kleiner Rückschlag: Der Verkehr stockt nur für 500 Meter. 12 Uhr. 12.10 Uhr, 12.30 Uhr. Das Radio erzählt tolle Geschichten: "A 24 Hamburg-Berlin zwischen Wittstock/Dosse und Herzsprung in beiden Richtungen Behinderungen durch Schmuckverkäufer an der Fahrbahn. Bitte halten Sie dort bloß nicht an!" Aber im Auto: Gähnende Langeweile. Niemand hupt, niemand drängelt, nichts passiert.

Was man in einem ICE jetzt alles machen könnte.

12.40 Uhr. Es gibt Stau auf der Gegenfahrbahn. Man könnte denken, hey, all die Menschen in glitzernden Maschinen, super Querschnitt durch die Gesellschaft, Tattoos, Snoopy-Krawatten, Kinder mit iPads, Duftbäume, Kettenraucher. Ich aber empfinde bei dem Anblick gar nichts.

Der Autobahnstau sei "ein benzingetriebenes Soziogramm", schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung im Juli. Vom Schreibtisch aus betrachtet stimmt das, vom Fahrersitz aus sieht man lediglich schemenhaft Leute, die Auto fahren. Die Welt löst die Erwartungen nicht ein. Man kann noch nicht einmal Genderforschung betreiben: Die Hypothese, dass nur Männer ihre Ellbogen aus Fenstern lehnen, ist nicht verifizierbar. Es ist kaum eine Scheibe heruntergelassen. Ach, Klimaanlage, fall' doch mal aus, machst du doch im ICE auch manchmal.

Plastik, Glas, Papier, Bio und Restmüll bitte hier hinein © raa

Was tun? Rausfahren auf die Raststätte, Feldforschung. Menschen gucken. Nächstes Problem: Wo sind die denn alle? Es ist Mittag, es ist das große Rekordstauwochenende, es ist eine Riesentanke, aber kaum jemand ist da. Auf dem Parkplatz könnte man einen Mittelstreckenlauf veranstalten. Ein angrenzendes Hotel scheint für immer geschlossen. Aber es gibt einen Imbiss. Er ist wie ein italienisches kleines Lokal eingerichtet, rot-weiß-karierte Tischdecken, Holzmöbel. Eine Frau in Motorradtracht geht zum Tresen und bestellt ein belegtes Teil mit Mozzarella. "Panino oder Baguette?" – "Brötchen."

Die warmen Speisen sind deftig und gemüsefrei. Die Frage, ob man das Angebot – Matjes mit Apfelremoulade und Bratkartoffeln plus Nachspeise (5,90 Euro) – auch ohne Dessert haben könne, bejaht die Bedienung freundlich, es würde dann allerdings genauso viel kosten. Das hat einen gewissen All-inclusive-Charme; für mein Urlaubsgefühl wirkt das prompt wie ein Türöffner. Später auf der Raststättenwiese zirpen die Grillen, und wenn man will, kann man das Rauschen der Autos für das des Meeres halten. Gut, muss man wollen. Ach so, das Essen. Sein Geheimnis lautet: nicht zu wenig Remoulade. Nach dem Gratis-Schokopudding mit Vanillesauce wäre ein Schnaps denkbar. Aber man muss ja Auto fahren.

Was man in einem ICE alles saufen könnte.

13.20 Uhr, Verkehrsfunk. Stau zwischen Niederlehme und Dreieck Spreeau und auf der A 24 zwischen Fehrbellin und Dreieck Havelland. Um 13.26 Uhr gerät der Radioempfang in die Krise.