Begleitet vom regelmäßigen Summen der Ventilatoren streifen warme Luftzüge über die Haut meiner nackten Arme und Füße. Schuhe sind innerhalb der Tempel des Wat Chedi Luang nicht erlaubt, darum sitze ich, wie die wenigen anderen Touristen, barfuß auf dem roten Teppichboden und werfe staunende Blicke nach vorn. Dort ragt eine goldene Buddha-Statue mehrere Meter in die Höhe, zu ihren Füßen gleich mehrere kleinere Exemplare. Mit goldenen Mustern verzierte runde Säulen enden an der ebenfalls bemalten hohen Decke, von der prachtvolle Kronleuchter hängen.

Es ist ruhig. Kaum jemand sagt ein Wort, selbst das Knattern der Tuk Tuks – sonst fester Bestandteil des thailändischen Stadtbildes – scheint vor den Mauern des Tempels Halt zu machen. Beeindruckt betrachte ich die Verzierungen. Doch beim Verlassen des Gebäudes mischt sich die Faszination mit einer gewissen Ratlosigkeit. Habe ich eigentlich verstanden, was ich da sehe? Welche Bedeutungen stecken hinter all den Farben und Figuren?

Das buddhistische Leben ist in Thailand allgegenwärtig. Besonders in Chiang Mai, der größten Stadt im Norden Thailands, weit weg von Strand und Meer. Wen es hierhin verschlägt, der will eine Pause vom Postkartenidyll. Stattdessen gibt es hier immer irgendwo einen Markt und an fast jeder Ecke der Altstadt einen Tempel. Mönchen begegnet man ständig auf der Straße. Doch obwohl sie auch für mich nach ein paar Tagen ebenso selbstverständlich zum Stadtbild gehören wie Garküchen und Linksverkehr, bleibt viel Spielraum für offene Fragen und dadurch eine gewisse Unsicherheit, die Distanz schafft. Das soll sich ändern – finden auch die Mönche selbst und haben darum den Monk Chat ins Leben gerufen.

Mehrere Tempel beteiligen sich an der Aktion der buddhistischen Universität in Chiang Mai, die die englische Kommunikation zwischen thailändischen Mönchen und Touristen fördern und eine Brücke zwischen den Kulturen schlagen soll. Mittlerweile werden Monk Chats sogar per Skype mit anderen Studenten auf der ganzen Welt durchgeführt. Den direkten Kontakt gibt es jedoch nur in Chiang Mai. In einigen Tempeln an bestimmten Wochentagen, meist für zwei Stunden, auf dem Gelände des Wat Chedi Luang sogar jeden Tag von neun Uhr morgens bis sechs Uhr abends. Mit den Worten "Don’t just stand looking from afar and walk away" fordert dort ein großes Plakat die Besucher zum Bleiben auf. Dahinter sind an ein paar Tischen zwischen Bäumen schon von weitem mehrere Mönche an ihren orangenen Kutten und kahlrasierten Köpfen zu erkennen. Einige sind bereits in Unterhaltungen mit ein oder zwei Touristen vertieft, andere warten auf Gesprächspartner. Jeder kann hier ohne Voranmeldung spontan vorbeikommen und sich mit einem Mönch unterhalten – so lange und worüber man möchte.

"You want to talk?"

Das will ich auch unbedingt probieren, zögere dann aber doch einen Moment. Vielleicht wäre ich doch besser in einen der anderen Tempel gegangen, in denen ein Mönch mit ganzen Menschengruppen statt mit einzelnen Personen spricht. Was fragt man denn einen Mönch? Kenne ich mich im Buddhismus gut genug aus, um ein Gespräch auf Augenhöhe führen zu können? Nein. Aber da steht schon einer der jungen Männer von seinem Tisch auf und kommt auf mich zu. "You want to talk?" fragt er und schiebt meinem Fluchtreflex damit einen imaginären Riegel vor. Ich höre mich "Yes!" sagen und sitze ihm wenige Sekunden später an einem der steinernen Tische gegenüber.

Was ich denn wissen möchte, fragt er mich und gibt mir dadurch mehr Möglichkeiten, als mir lieb ist. Vor lauter Aufregung frage ich erst einmal gar nichts – auch nicht nach seinem Namen. Warum er sich entschieden habe, sein Leben lang Mönch zu sein, scheint mir angesichts des jugendlichen Alters meines Gegenübers schließlich eine sinnvolle Einstiegsfrage zu sein, die jedoch sofort meine Unwissenheit entblößt. Zunächst mal könne nur Mönch werden, wer mindestens 21 Jahre alt ist, werde ich aufgeklärt. Er selbst ist erst 19, darum zu jung zum Mönchsein und offiziell ein Novize, also eine Art Mönchsanwärter. Auch sei das Dasein als buddhistischer Mönch gar nicht zwangsläufig auf Lebenszeit angelegt, sondern oft lediglich für ein paar Jahre gedacht. Entgegen meiner naiven Vorstellung ist es auch nicht die Religion allein, wegen der so viele junge Männer und sogar kleine Jungen Mönch werden wollen. Viel mehr zählt, dass sie auf diesem Weg eine gute Ausbildung bekommen, auch wenn viele dafür ihre Familien schon in jungen Jahren verlassen müssen.

Je länger das Gespräch dauert, desto mehr weicht meine anfängliche Unsicherheit einer entspannten Neugier. Auch mein Gegenüber legt seine Schüchternheit ab und erzählt, dass er während seiner Zeit im Kloster auch auf Dinge verzichten müsse. Autofahren dürfe er jetzt nicht, Mädchen seien tabu, und Sport wie Fußballspielen sei auch verboten. Beten statt bolzen, vermisst er da nicht etwas? "Of course, we are only human beings", antwortet er grinsend, "wir sind auch nur Menschen". Er kennt das Leben außerhalb der Tempelmauern und sogar über seine Landesgrenzen hinweg. Er pflegt Freundschaften zu Jugendlichen auf der ganzen Welt, die er einst hier in Chiang Mai kennenlernte. Als er von ihnen erzählt, bekommt seine sonst so erwachsene Ausstrahlung eine jugendliche Komponente. Er habe, sagt er, Freunde in Düsseldorf, Stuttgart und Bielefeld. Die wolle er unbedingt auch mal besuchen. Irgendwann, wenn er nach seinem Dasein als Mönch genug Geld verdient hat.

Als Novize verdient er nichts. Morgens zieht er mit anderen Mönchen durch die Stadt, um Lebensmittelspenden einzusammeln. Außerdem stehen in allen Tempeln mehrere Spendenboxen, mit deren Inhalt die Anlagen erhalten werden. Hier, beim Monk Chat, sehe ich nichts dergleichen. Hier geht es scheinbar nicht um Geld. Um Erleuchtung aber auch nicht. Die jungen Mönche sollen durch die Gespräche ihr Englisch verbessern. Dafür, dass man sie als Tourist dabei unterstützt, erhält man im Gegenzug Einblicke in die persönliche Lebensgeschichte eines Mönchs. Und damit eine ganz spezielle Reiseerinnerung, die länger währt als jeder Tag am Strand.