Transportmittel. Bei diesem Wort muss İsmet Cihan kurz lachen. Er schlägt mit seinem kleinen Teelöffel an den Rand seines Çay-Glases. "Die Fähren, das ist doch viel mehr als ein Mittel zum Transport. Das sind Momente der puren Freiheit, für Istanbuler und Gäste. Nirgendwo spürt man die Stadt so stark wie auf dem Bosporus."

Cihans Lob der Schifffahrt in Istanbul lässt sich mit seinem Beruf erklären. Er, 53 Jahre alt, ist einer der ältesten Kapitäne der städtischen Fährgesellschaft Şehir Hatları. Aber man muss Cihan zustimmen: Das Fährefahren hat hier etwas Magisches. Wenn man an der Fährstation Üsküdar auf der asiatischen Seite der Stadt über eine klapprige Planke den Vapur betritt, die städtische Fähre im charakteristischen Weiß und Gelb, vermischt sich das Dröhnen der Schiffsmotoren mit dem Gebetsruf des Muezzins. Das Schiff legt ab Richtung Altstadt, man steht an der Reling, den Wind im Haar, das Kreischen der Möwen im Ohr. Und wenn dann der Blick über das glitzernde Blau des Bosporus schweift und der Topkapı-Palast und die Hagia Sophia näher kommen, kann man Cihans Euphorie gut verstehen.

Für viele Istanbuler ist die Nutzung der Fähren Alltag. Mehr als 150.000 Menschen pendeln nach Angaben der Fährgesellschaft täglich mit dem Boot von der asiatischen Seite zum Arbeiten nach Europa oder umgekehrt. Es gibt 49 Fährstationen in der Stadt, 35 städtische Passagierschiffe, dazu eine Vielzahl privater Anbieter mit kleineren Schnellbooten. Fähre fahren, das gehört zu Istanbul.

Die "MS Farih Korotürk", İsmet Cihans Fähre – die größte der städtischen Flotte © Martina Pozzan

İdris Bostan, Experte für maritime Geschichte an der İstanbul Üniversitesi, erzählt, wie es dazu kam: Die Verbindung der Istanbuler zu ihren Stadtschiffen reicht zurück bis ins Jahr 1455. Zwei Jahre nach der Eroberung der byzantinischen Stadt durch die Osmanen gab Sultan Mehmet II. den Befehl, am Goldenen Horn, im heutigen Stadtteil Kaşımpaşa, einen für damalige Verhältnisse gewaltigen Werfthaften anzulegen, den Haliç Tersanesi. Um die Stadt zu halten und das Osmanische Reich weiter auszudehnen, ließen die türkischen Herrscher dort fortan Kriegsschiff um Kriegsschiff produzieren. Im 17. Jahrhundert schufteten bis zu 4.000 Mann in den Senkgruben des Werfthafens, um die osmanische Flotte zu erweitern.

Im Werfthafen © Martina Pozzan

Im Werfthafen wurden auch schmale hölzerne Ruderschiffe zum Übersetzen auf die andere Seite des Goldenen Horns oder nach Asien hergestellt. Diese wendigen, aber auch recht fragilen Kayıks wurden noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet. Passagiere mussten häufiger ein Kentern oder zumindest eine Umkehr fürchten. Mit der Gründung der städtischen Fährengesellschaft stieg man dann auf massive Dampfschiffe um. Sie wurden ebenfalls im Tersanesi produziert.

Kapazität: ein ganzes Dorf

Hier will sich Kapitän Cihan zum Gespräch treffen. Von der maritimen Macht des Osmanischen Reiches ist am Werfthafen nicht viel übrig geblieben: Nur noch knapp 150 Schleifer, Ingenieure und Mechaniker arbeiten im Werfthafen. Die Fähren werden mittlerweile außerhalb Istanbuls gebaut. Aber zur Reparatur und Reinigung werden die gewaltigen Vapur – türkisch für Dampfer (und sie sehen mit ihren meist gelben Schornsteinen auch so aus, werden aber durch Dieselmotoren angetrieben) – noch hierhin gebracht und in den Senkgruben auf riesigen Betonblöcken aufgebockt. Über rutschige Stufen kann man auf eigene Gefahr in die Gruben hinabsteigen und die gewaltigen Kolosse von unten betrachten. Ein surreales und ziemlich gruseliges Erlebnis – die aufgebockten Fähren werden nur durch ein paar Baumstämme in ihrer Position fixiert.

Cihans Schiff, die MS Farih Korotürk, ist das größte Schiff der städtischen Flotte: 75 Meter lang, 12 Meter breit, ein Gewicht von 700 Tonnen. Kapazität: 2.100 Passagiere, ein ganzes Dorf. Dennoch ankert Cihan das Schiff mit einer Leichtigkeit am Dock, als müsste er nur einen Smart im Parkhaus unterbringen. "Merhaba!", sagt er mit einem freundlichen Lächeln. Fester Händedruck, die braunen Augen blitzen schelmisch unter der Kapitänsmütze hervor. Seit fast 30 Jahren fährt er auf dem Bosporus. Es scheint ihn jung gehalten zu haben.