Freunde des Werbefernsehens kennen die Region wegen der Piemont-Kirsche. Außerdem wird hier eine bekannte Nusscreme hergestellt. Aber dass die Langhe im Sommer zum Unesco-Welterbe erklärt worden ist, zusammen mit den angrenzenden Gebieten Roero und Monferrato, das hat dann doch mit dem Wein zu tun.

Die Erkundung dieser Region, im grünen Herzen des Piemont gelegen, beginnt in Alba, wo die "Vereinigung der Welterbe-Gebiete Langhe, Roero e Monferrato" ihren Sitz hat. Denn wer Welterbe werden will, muss etwas dafür tun. Angefangen mit dem Projekt Welterbe, sagt Direktor Roberto Cerrato, ein Mann Anfang 50 mit strammem Scheitel, habe alles 2003 mit einem ersten Dossier. "Der Widerstand seitens der Verbände und Gemeinden war groß, man befürchtete Einschränkungen", sagt er.

Was verständlich ist: Bei Grundstückpreisen bis zu einer Million Euro pro Hektar lassen sich ohne Unesco sicher leichter Geschäfte machen. Das jetzt ausgezeichnete Gebiet ist kleiner als das ursprünglich vorgesehene, es umfasse gut 10.000 Hektar, sagt Cerrato. "Prämiert wurde ein Stück ländliches Piemont, eine seit 2.000 Jahren von Weinbauern geformte Kulturlandschaft." Kultur kommt von colere, anbauen. Hier, in der Langhe, weiß man das.

Kultur © Helmut Luther

Alba ist der Hauptort der Langhe, ein 30.000 Einwohnerstädtchen mit zahlreichen Büros und Behörden. In den gepflasterten, von mittelalterlichen Geschlechtertürmen überragten Altstadtgassen reihen sich Geschäfte mit Markenwaren aneinander. Am Stadtrand dehnen sich die Produktionshallen eines Süßigkeitenherstellers aus. 1964 lief hier das erste Glas der wohl bekanntesten aller Nuss-Nougat-Cremes vom Band; der heutige Firmeninhaber Giovanni Ferrero gilt als reichster Italiener.

Vom 35 Meter hohen Turm der Kirche San Giuseppe hat man einen guten Blick auf die grün gewellte Weinlandschaft ringsum, in die steinerne Dörfer mit Adelssitzen hineingetupft sind. Die Landschaft erinnert an die Toskana, nur fehlen hier die Zypressen, im Hintergrund glitzern die schneebedeckten Gipfel der Seealpen.

Kultur mit Böllern bewahren

Begibt man sich in die Kirche, dauert es nicht lange, bis man vom Papst hört – auch er ist Teil der lokalen Erzählungen. Ein Mann in Militärhosen, der Besucher freiwillig herumführt, zeigt erst die Überreste einer römischen Siedlung. "Ich habe hier zwei Jahre lang jedes Steinchen mit der Eisenbürste abgekratzt", sagt er. Dann macht er in einem Nebenraum auf eine Ausstellung mit einer Reliquie von Giuseppe Girotti aufmerksam. Der aus Alba stammende Dominikanerpater starb in Dachau, wegen seines Einsatzes für verfolgte Juden wird er in Israel als "Gerechter unter den Völkern" geehrt. Im April sei der Dominikaner auf Betreiben von Papst Franziskus selig gesprochen worden, berichtet der Guide erfreut. "Es war eine der ersten Amtshandlungen des Papstes."

Auch in der Haselnuss liegt Wahrheit. © Helmut Luther

Man hört hier immer wieder Geschichten, in denen der Papst vorkommt, was daran liegt, dass dessen Vater aus dem um die Ecke liegenden Portacomaro stammte.

Im Probierraum von Pietro Rattis unteririscher Weinkellerei etwa, dessen Panoramafenster sich aus dem Rebenmeer wie das Bullauge eines Unterseebootes erhebt. Dort steigt gerade die Stimmung angesichts der Barolos, Barberas und rubinfarbenen Dolcettos, die Ratti in bauchige Gläser füllt und die von den Gästen zügig geleert werden, als sich im Westen am Himmel blauschwarze Wolkenberge auftürmen. Und als nun draußen der Wind an den Weinranken rüttelt und erste Tropfen fallen, setzt ringsum ein Lärm ein, der den Hagel abhalten soll. Ein päpstliches Wunder? "Uns hilft manchmal der Papst", sagt der 46-jährige Ratti. Mit dem Papst sind sie schnell bei der Hand hier, Lokalpatriotismus. Aber es gibt dann doch eine sehr weltliche Erklärung: Es sind Hagelkanonen, die Schaden von den Weinbergen abhalten sollen. Die Kultur wird hier mit Böllern bewahrt.

Spaziergang mit Auto

Eigentlich ist die Langhe allerdings eine leise Gegend. Mit dem Auge des Touristen betrachtet eignet sie sich hervorragend zum Wandern und Radfahren. Ohne Schweißvergießen geht das allerdings nur entlang des tief in die Moränenhänge eingegrabenen Tanaroflusses. Überall sonst gibt es steile Auf- und Abstiege, weshalb Renato Priolo für eher Gemütliche das Konzept easy trek ausgedacht hat: Man kann sich das vorstellen als Hügelab-Spaziergang, zu dem später ein Gehilfe mit dem Auto kommt und einen zurück zum Ausgangspunkt bringt.

Im Dörfchen Neive verteilt der 54-Jährige Nordic-Walking-Stöcke, dann geht es vorbei an einer Kirche und steingemauerten, efeuumrankten Häusern. Anschließend windet sich der Pfad in weiten Schleifen durch die Weinberge. Zu beiden Seiten zweigen lange, wie gestriegelt wirkende Rebzeilen ab. Männer in Strohhüten reißen das Laub vor den Traubenkernen. Eine wichtige Pflegemaßnahme, sagt Priolo. So seien die Früchte mehr der Luft und Sonne ausgesetzt, was ihre Schalen härter, also widerstandsfähiger mache.

Nordic Weinberging © Helmut Luther

Der Lehmboden ist nach dem Regen aufgeweicht, bald kleben an den Schuhsohlen schwere Brocken, die Hosenbeine haben innen dunkle Flecken bekommen. Renato Priolo, der hier aufgewachsen ist und die Landwirtschaft als junger Mann nicht mochte, der darum als Automechaniker außerhalb der Langhe sein Leben fristete, kam vor einigen Jahren zurück. Nun bewirtschaftet er in der Freizeit die geerbten Felder, im Hauptberuf begleitet er Touristen. "Es ist das bessere Leben, auch wenn ich weniger Geld verdiene", sagt der 54-Jährige. Die in Italien anhaltende Wirtschaftskrise habe viele andere ebenfalls zur Rückkehr auf das Land bewegt. "Für die alte Kulturlandschaft ist das gut", sagt Priolo.

Kulturtrinken im Weinkeller

Als wir an einem Haufen hölzerner Rebpfosten vorbei kommen, bezeichnet er das als "positive Folge der Unesco-Anerkennung". Denn das Holz ersetze nach und nach die hässlichen Betonpfosten in den Äckern, nebenbei würden die umliegenden Wälder besser gepflegt. Der Spaziergang endet, Kultur muss sein, vor einer weiteren Kellerei.

Haben sich die Dörfer der tiefer gelegenen Bassa Langhe herausgeputzt und tummeln sich dort in den Önotheken und Trattorien Besucherscharen, ist die Alta Langhe mit höheren Hügeln sowie einem raueren Klima bisher eher unbekannt. Das soll sich nun, nach der Auszeichnung durch die Unesco, ändern.

Ob dank Wein oder dank Haselnuss – letztlich ist das egal. Bei Serravalle Langhe, wo Einheimische vor den Bars entlang der Hauptstraße den Autos nachblicken, hat Gianfranco Cavallotto, der Inhaber einer Versicherungsagentur, 50 Hektar mit Haselnusssträuchern bepflanzt. Mitten in der Plantage steht ein B & B mit kleinem Schwimmbad, vor der Terrasse befindet sich ein Lavendelfeld. Abends, wenn sich die Hitze gelegt hat, kann man hier gut dem Gesang der Zikaden lauschen. In Lederschuhen und weißem Hemd führt Cavallotto durch die in Reih' und Glied stehenden Haselnussstauden. Aus den Nüssen stellt er Öl und eine Schokoladencreme her, gegen die die berühmte Massenware aus Alba schal schmeckt.

Kultur kommt eben von anbauen. In der Langhe kann man sie sich sogar aufs Brot schmieren.