Ein Radrennen über 11.000 Kilometer durch Südamerika – unser Autor fährt mit und berichtet hier in Etappen. Teil 1 finden Sie hier.

Es heißt, in den Anden gebe es täglich drei Jahreszeiten. Und: Das stimmt. Gut einen Monat nach dem Start in Quito, Ecuador, sind wir, die 40 Teilnehmer des Radrennens The Andes Trail  tief nach Peru vorgedrungen, rund 2.400 Kilometer liegen hinter uns. An einem Tag fuhren wir durch den düstersten Nieselregen, um 24 Stunden später von der Sonne regelrecht gebacken zu werden. Selbst Schnee bekamen wir schon zu sehen, und der Wind ist unser ständiger Begleiter.

Dorfeinfahrt auf rund 4.100 Metern. Das Schild ist wie gemacht für das Andenrennen: Es führt über 11.000 Kilometer von Ecuador nach Argentinien. © Hardy Grüne

Das ist vor allem in Sachen Ausrüstung eine gewaltige Herausforderung, denn von einer warmen Überziehhose über wasserdichte Regenkleidung bis hin zu Sonnencrème mit extrem hohem Schutzfaktor muss man ständig alles dabei haben, auf dem Fahrrad.

Zugleich erweist sich die Tour als die erwartete Prüfung für Psyche und Physis. Vor allem die dünne Höhenluft und die damit verbundenen kühlen Temperaturen nagen an Kondition und Widerstandskraft. Die Akklimatisierung fällt nicht leicht, denn der Tourverlauf gleicht einer Zickzackkurve. Nach der schier endlosen Fahrt durch die ecuadorianischen Anden tauchten wir mit dem Grenzübertritt nach Peru in eine ganz neue Welt ein.

Über hunderte von Kilometern ging es nunmehr schnurgrade und brettflach durch eine trostlose und glühend heiße Wüste. Am Ende standen zwei Erholungstage im Surferparadies Huanchaco am Pazifik, ehe es zurück ins andine Hochland ging. Zur großen Erleichterung verließen wir damit aber zugleich endlich die verkehrsreiche Panamericana und ließen uns über rumplige und verkehrsarme Schotterpisten in die wilde Schönheit der peruanischen Anden entführen.

Erstes Highlight war der Cañón del Pato – die Entenschlucht. Ein vom Río Santos tief eingeschnittenes und äußerst arides Tal, in dem sich die Cordillera Blanca und die Cordillera Negra bis auf wenige Meter annähern und einen schmalen Canyon bilden. Eine schmale Naturpiste mit zahlreichen Tunneln führt am Felsmassiv entlang, während es auf der anderen Pistenseite hunderte von Metern steil bergab geht.

"The Andes Trail" ist eine Tour durch den südamerikanischen Alltag. Das Schaf im Vordergrund mag es bauchfrei. © Hardy Grüne

Vom Huaraz, von schneebedeckten Sechstausendern umrahmt, kletterten wir anschließend im Nationalpark Huarascarán auf den mit 4.883 Höhenmetern höchsten Punkt der gesamten Tour. Eine mühsame Kriecherei auf einer sehr schroffen Piste und in zunehmend dünnerer Luft, die jede Kurbelumdrehung zur Qual machte. Der Lohn war eine unberührte und verzaubernde Höhenlandschaft, in der wir nur vereinzelt auf ein paar Schafhirten trafen. Während der Nacht wurden im Bushcamp auf 4.200 Metern die Wärmeeigenschaften unserer Schlafsäcke getestet. Wir kratzten morgens Eis von den Zeltplanen.

Drei Tage später dann rollten wir bei 35 Grad Außentemperatur in Huánuco ein, der Transferstadt zwischen Anden und peruanischem Amazonasgebiet. Damit verbunden war eine 50-Kilometer-Abfahrt von 3.900 auf 1.900 Höhenmeter, die von sintflutartigen Regenfällen begleitet war. Und der Zeitplan hatte schon die nächste Herausforderung parat, denn in der nächsten Tagesetappe ging es mehr als 2.600 Höhenmeter hinauf in die Minenstadt Cerro de Pasco, die zu den höchstgelegenen Städten der Welt gehört und in der wir mit leichtem Schneefall und Minustemperaturen empfangen wurden.

Die Racer sind in der Minderheit

Jeder der 40 Teilnehmer hat seinen eigenen Umgang mit den Herausforderungen. Für eine kleine Gruppe ambitionierter und überwiegend männlicher Teilnehmer steht das Rennen im Vordergrund. Sie rasen durch die Dörfer und über die Pässe, ohne ihrem Umfeld allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Ihr Ziel ist der Tagessieg, der im Ziel ausgiebig gefeiert und diskutiert wird. Diese Racer, wie sie unter uns Fahrern genannt werden, sind allerdings in der Minderheit, denn für die meisten Teilnehmer stehen das Erleben der Landschaft und die eigenen Befindlichkeiten im Zentrum. Körperlich sind die Racer ohnehin eine Klasse für sich. Meine Versuche, im vorderen Feld mitzufahren, endeten bislang jedenfalls stets nach ungefähr der Hälfte einer Tagesetappe.

Unser Autor im Cañón del Pato, in der Entenschlucht. © Grüne

Einer der schnellen Männer ist der zweite deutsche Teilnehmer neben mir, Alfred Mähr. Ein ehemaliger Oberligafußballer und Sportlehrer aus der Nähe von Ravensburg, der mit seinen 65 Jahren einen durchtrainierten Körper hat und auf seinem 29er Mountainbike vor allem im Gelände kaum aufzuhalten ist. "Ich mag die Ruhe, die ich abseits des Verkehrs habe", sagt er, "und da ich fast im Allgäu wohne, mag ich natürlich auch die Berge". Der Wettbewerb spiele für Mähr nur eine Nebenrolle, sagt er. "Mein Ziel ist es, in Ushuaia anzukommen. Aber wenn die Krankheit kommt, und die kann ja auch durch Überlastung des Körpers kommen, ist es ganz schnell vorbei mit dem Rennen."

Nun ist Mähr allerdings derzeit Dritter in der Fahrerwertung – und so hat er doch den Reiz des Gewinnens entdeckt. "Wenn ich sehe, dass ich hier in den Bergen mit den besten Fahrern mithalten kann, kommt schon auch Ehrgeiz dazu. Den dritten Platz zu verteidigen wäre jedenfalls fantastisch."

"Das bist du von A nach B geradelt"

Wer gewinnen möchte: der US-Amerikaner James Hodges. Während sich die meisten Fahrer morgens um halb sieben langsam aus den Federn quälen, hat Hodges schon eine halbe Stunde mit der Fahrradpflege verbracht, und während wir anderen uns noch die Frühstückskrümel aus dem Mundwinkel wischen, sitzt er bereits startklar auf dem Sattel. Der 63-Jährige ist viele Ultra-Marathons gelaufen, bevor sein Knie nicht mehr mitspielte. Also stieg er aufs Rad und fuhr Rennen von bis zu 2.700 Meilen am Stück. "Ich mag es, mich selbst herauszufordern. Auch dann weiterzumachen, wenn es keinen Spaß mehr macht oder es eigentlich nicht weiter geht."

Für den ehemaligen Lehrer aus Virginia ist dabei nicht das Tempo, sondern die Konstanz der entscheidende Faktor. "Jeder hier fährt sein eigenes Rennen. Und wichtig ist, dass man den Kontakt zum eigenen Körper hat. Dass man seine Schwächen spürt und darauf Rücksicht nimmt. Dann kommt man am Ende auch ins Ziel." In erster Linie will aber auch Hodges vor allem ankommen, in Ushuaia. "Ich möchte später auf die Südamerika-Landkarte schauen und sagen können: 'Das bist Du komplett von A nach B geradelt.'"