Menschen nehmen große Mühen auf sich, um mal abzuschalten. Trends gibt es im Tourismusbereich viele, ein kleiner besteht in der Aussteigerreise. Leute steigen auf Berggipfel und fliegen für ein Wochenende nach Norwegen zum Angeln. Es gibt Hotels, in denen explizit kein WLAN verfügbar ist und der Telefonempfang gestört. Beliebt sind auch Klöster, in denen Handys ausgeschaltet werden müssen.

Ist aber natürlich auch alles ein bisschen aufwändig, nur um mal rauszukommen, oder? Dabei liegt die einfache Lösung, je nach eigenem Aufenthaltsort, sehr nahe bis nicht sehr weit weg. Von Berlin aus betrachtet heißt sie Brandenburg.

Die beispielhaft gewählte Gemeinde Lochow bei Stechow-Ferchesar, gelegen bei Kotzen im brandenburgischen Havelland-Kreis, besticht schon einmal durch ihre Unauffindbarkeit. Dabei ist Lochow ein touristisch erschlossenes Örtchen mit hübschen Finnhütten, einem kleinen Badesee und einer Vergangenheit als DDR-Feriendorf.

Das Navigationsgerät aber, das gemeinhin als hilfreich beim Auffinden selbst abgeschiedener Gegenden gilt, empfängt bereits einige Kilometer vor Lochow bei Stechow nahe Kotzen in Brandenburg kein Signal mehr und schickt einen fortan solange wahllos über Waldwege und durch Landschaften, die blühen oder auch nicht, das hängt von der Jahreszeit ab, bis man irgendwann einfach einen ortskundigen Menschen nach dem Weg fragt, der vorbeikommt, was kaum länger als ein bis zwei Stunden dauert. Selten nur sind es drei.

Warum erzählen wir das ausgerechnet hier und jetzt? Soeben hat der Schriftsteller Feridun Zaimoglu in der ZEIT-ONLINE-Redaktion den einen oder anderen neuen Sympathisanten gewonnen, als bekannt gemacht wurde, dass er seine Artikel per Fax in die Redaktion schickt. Kurz dachten wir, ey freaky, und dann aber, hey cool. Seitdem verspüren wir den Drang, diesen halbfertigen Artikel über Lochow zu Ende zu schreiben und uns nicht ständig ablenken zu lassen von irgendetwas, haha, Wichtigerem.

Wo du einen Strich hast

Also, Lochow. Aus touristischer Sicht ist der Zauber des Abschaltens hier ein besonderer. Hier paart sich der Reisebranchentrend der künstlich hergestellten Unerreichbarkeit mit der gemeinhin auf Fernreisen gesuchten Echtheit. Der Empfang ist nicht gezielt gestört, nein, er war nie vorhanden. Man ist hier nicht künstlich, sondern natürlich unerreichbar.

Der Unterschied ist nicht unwichtig: Erfordert die Aussteigerreise eine gezielte Entscheidung gegen WLAN, gegen Smartphone, gegen blinkende Welt, muss man in Lochow noch nicht einmal das Abschalten aktiv bewerkstelligen. Hier wird man abgeschaltet.

Allerdings ist der Bruch nicht hart. Menschen, die durch die regelmäßige Lektüre von Burnout-Texten für die Probleme durch ständige Erreichbarkeit sensibilisiert sind, fahren ins Kloster, um von dem Teufelszeug vorübergehend loszukommen. Nach der Rückkehr lesen sie wahrscheinlich 14.000 Nachrichten am Stück. Eine Aussteigerreise ist schließlich kein Ausstieg, es ist nur eine Reise. Ein Reisender kalkuliert mit seiner Rückkehr.

In Brandenburg dagegen gibt es eine Lösung, die nachhaltige Erholung ermöglicht. Navigationsgerät, Smartphone – in Lochow funktioniert zwar erst mal nichts. Aber während man im Kloster zum Betrüger würde, würde man das Handy einschalten, ist der Versuch in Lochow regelkonform. Der Entspannungsdruck, der auf einem Erholungsreisenden lastet, ist geringer, der Entzug weich. In Lochow wird jeder neue Gast daher mit dem Satz begrüßt: "Am Zaun hast du manchmal einen Strich." Am See sogar zwei.

Sich zwischendurch mal ein, zwei Nachrichten reinzupfeifen, das hilft beim Abschalten. Man darf es, und man tut es zwei Mal, dann will man nicht mehr. Kleine Wochenendlektion aus Brandenburg: Ein bisschen Empfang ist erholsamer als keiner. Beim Entspannen hilft Entspannen.