Die besten Reisen finden bekanntlich im Kopf statt. Die Frage ist, wie sie da hineinkommen.

Was ihn angehe, sagt der Kinderbuchautor Ingo Siegner, er spaziere zum Beispiel gerne durch Hannover, die Stadt, in der er wohnt. Und dann stelle er sich vor, "wie es aussieht, in diesem Haus, in jenem Hof, oder was in diesem Baum für Wesen leben". So entstehe "ein kleines Feuerwerk im Kopf". Schriftsteller seien da wie Kinder.

Siegners Bücher vom Kleinen Drachen Kokosnuss gehören für Fünfjährige so ziemlich zum größten Glück der Erde. Ganze Kindergartengruppen sind im Kokosnussfieber. Zwei Dutzend Bände gibt es mittlerweile, ganze Regale sind in großen Buchhandlungen für sie und den unvermeidlichen zugehörigen Elternnervkram wie Plüschtiere und Stifte reserviert. Und wenn man sich mit Siegner über Kinder und Reisen, das Lesen und die Welt unterhält, so kann man hinterher ungefähr ziemlich genau folgende Zusammenfassung schreiben: Reisen heißt, die Welt mit einem kindlichen Blick zu sehen. Weil man auf Reisen Dinge nicht einordnen kann und erst ergründen muss, um sie zu verstehen. Wer also reisen will, der kann auch vor die Haustür gehen, sofern er dabei bereit ist, das Neue zu sehen. Und wer so reist, bleibt ein bisschen Kind. Siegner formuliert es so: "Ob Kinder in Südfrankreich sind, in Hawaii oder am Bach, das ist denen doch egal."

Wobei aus seiner Sicht nicht viel dagegen spricht, statt des Bachs Südfrankreich zu wählen: "Es ist ja so eine Meinung, dass Reisen mit Kindern schwierig sind, weil die ihre gewohnte Umgebung brauchen. Ich glaube, das ist Quatsch. Die mögen es, wenn immer was passiert. Die brauchen Wärme und Rituale und ihre Bezugspersonen. Aber du kannst mit einem Kind doch eine Weltreise machen."

Siegners beruflicher Werdegang ist der eines Reisenden. Er ist viele Jahre in der Reisebranche tätig gewesen, unter anderem als Kinderbetreuer bei Familienreisen, bevor er einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Kinderbuchautoren wurde. Es begann damit, dass er die Geschichten aufschrieb, die er den Kindern auf Reisen erzählte.

Heute schickt er seine Leser beziehungsweise Zuhörer mit seinen bekanntesten Figuren um die ganze Welt. Zu diesen Figuren gehören der Feuer speiende kleine Flugdrache Kokosnuss Kugelig und seine Freunde, das Stachelschwein Matilda und Oskar, der gerne frisst, weil er nämlich ein Fressdrache ist.

Eine Fantasiewelt ist auch eine Welt

Sie leben auf der Dracheninsel, von der man nicht weiß, wo sie sich befindet, es geht nur darum, dass sie in der Fantasie der Kinder irgendwo herumliegt. Die Dracheninsel ist allerdings ziemlich ungefähr der einzige Ort, der erfunden ist. Von hier aus reisen die Helden in mittlerweile zwei Dutzend Bänden in die Südsee, nach Amerika, nach Großbritannien, Frankreich und Italien, nach China, an den Nordpol, ins Weltall; und außerdem in die Vergangenheit, in die Zeit der Dinosaurier oder der Ritter etwa.

Reisen die Kinder, die seine Geschichte hören, dann im Kopf mit oder hören sie einfach nur eine Geschichte? Siegner zögert ein wenig: "Man kann, was Kinder erleben, wenn sie Geschichten hören, vielleicht schon Reisen nennen", sagt er. "Eine Fantasiewelt heißt ja Welt, also kann man sie bereisen. Bei Erwachsenen überlagert das Wissen, dass etwas nicht real ist, die Fantasie. Aber bei Kindern ist das noch anders. In dem Moment, in dem ich etwas erzähle, empfinden die Kinder das als real. Deswegen haben sie ja auch Angst, wenn es spannend wird." Bei einer Lesung etwa beobachte er sie, "und wenn ich merke, da sind welche dabei, die Angst haben, lasse ich die Hexe nicht so böse sprechen".

An diesem Nachmittag, an dem er in einer Schule in Marburg liest, hat Siegner es mit einem Publikum ohne Angst zu tun. Vor Siegner, der ein zebragestreiftes Longsleeve trägt, wie auf vielen Autorenfotos, sitzt eine abgebrühte Bande aus knapp 50 Kindern, die lautstark bei der Sache sind. Ein buchnahes Publikum, sagt er später. Buchfernen Kindern würde man anmerken, dass beim Vorlesen keine Geschichte in ihrem Kopf entstehe. "Das ist offenbar eine Kulturtechnik. Das Kind, dem häufig vorgelesen wird, entwickelt beim Vorlesen ein Vorstellungsvermögen. Die Geschichte läuft dann im Kopf ab", sagt er. So viel zur Frage, wie die Reisen in den Kopf kommen.