Erschienen im Skandinavien-Magazin "NORR", Herbst 2014

1. Das Restaurant Vianvang von Arne Brimi

Der kleine Schotterweg führt hinauf zum Wirklichkeit gewordenen Traum des norwegischen Starkochs Arne Brimi: Vianvang. Wir parken einige Hundert Meter unterhalb der Häusergruppe. Aus Prinzip. "Es gibt hier zwei Regeln", sagt Arne. "Man muss zu Fuß hierherkommen. Und wir trinken keine Softdrinks."

Vianvang, das in der lokalen Mundart Bergbraut bedeutet, ist ein Ort, der sich nicht so leicht definieren lässt. Das ist Absicht: "Ich glaube, die Leute haben keine Lust mehr darauf, Teil eines Konzeptes zu sein", erklärt Arne. Mit seinem breiten Dialekt und derben Humor ist es für Arne ein Leichtes, das Eis zu brechen. Wir prosten uns zu und bekommen die ersten Kostproben des Abendmenüs serviert, bevor die Dunkelheit sich über Jotunheimen senkt und wir ins Haus gehen.

Blick ins Restaurant © Tina Stafrén

Das Restaurant, das aus verschiedenen Sektionen besteht, wird vom Kerzenschein erleuchtet. Die großen Panoramafenster geben einem das Gefühl, über der hügeligen Waldlandschaft im Tal zu schweben. Die großen Holztische sind schon gedeckt, doch es soll noch eine Weile dauern, bis wir uns hinsetzen. An zwei offenen Kochstellen präsentieren die Köche kleine Happen, von denen wir gar nicht genug kriegen können. Entenbrust mit Rotkohl und Rosinen, Schweinebacke mit Steckrübenpüree, Graved Pfefferlachs mit Kaviar, Sourcream und roten Zwiebeln ...

Erschienen im Skandinavien-Magazin NORR, Herbst 2014

Schon jetzt unterscheidet sich dieses Dinner von anderen Restauranterlebnissen. Wir lassen die Lust am Essen den Rhythmus des Abends bestimmen. Mit jedem neuen Gericht tauchen neue Gesprächsthemen auf, werden unsere Geschmacksnerven noch ein wenig mehr herausgefordert, und die Stimmung wird immer besser. Weil sich die Gäste immer wieder in neuen Konstellationen um das Essen sammeln, bekommt der Abend auch eine soziale Dimension. Ab und zu taucht Arne auf und serviert uns seine kulinarische Philosophie: "Heutzutage sind Mahlzeiten viel zu standardisiert, der Mensch gerät in den Hintergrund. Aber die meisten wollen sich nicht einfach nur hinsetzen, eine Karte in die Hand gedrückt bekommen und ein Konzept essen. Die Menschen wollen ein aktiver Teil sein."

Die Beziehung zwischen Essen und Getränken ist laut Arne entscheidend für das Geschmackserlebnis. "Es gilt die Devise, dass es mehr Zutaten und Weine gibt, die zusammenpassen, als andersherum. Doch es ist die Soße, die den Ausschlag gibt. Und wenn man ein guter Weinkenner werden will, muss man viel Wein trinken", sagt er. Selber probiere er mindestens 5.000 verschiedene Sorten pro Jahr. "Man kann sich zu viert zusammentun und einen 100-Euro-Wein kaufen und dann versuchen, alles über diesen Wein herauszufinden. Das garantiert ein besonderes Geschmackserlebnis", verspricht Arne.

Nach zwei Vorspeisen, dem Hauptgericht und einem Dessertbuffet direkt aus dem Himmel sind wir selig und gehen hinaus, um den Mond anzuschauen.

2. Die Hütte Brimi Fjellstugu von Vegard Brimi

Unterwegs zur Hochebene © Tina Stafrén

Die Fjellhütte Brimi existiert seit 60 Jahren und ist mit ihren 20 Zimmern und 40 Betten die kleinste ihrer Art in der Gegend. Und solange Vegard Brimi ein Wort mitzureden hat, muss der Berggasthof auch nicht größer werden. Draußen treffen wir den Chef persönlich, der wie eine skandinavische Ausgabe von Robert Redford aussieht und seit seiner Kindheit hier lebt. Lange Jahre betrieben Vegards Eltern die Brimi Fjellstugu, wie sie auf Norwegisch heißt, bis er sie zusammen mit seiner Frau Eva übernahm.

"Wenn hier im Januar Stürme aufziehen und man kaum von einem Haus zum nächsten gucken kann, dann sehen wir einfach zu, dass wir genügend guten Rotwein und ordentlich Feuerholz im Haus haben", sagt Vegard. Heute können wir mildes, windstilles Herbstwetter genießen, aber über den Bergen von Rondane sind bereits die ersten Schneeflocken zu sehen. Vegard möchte mit uns einen Tagesausflug auf die Hochebene machen.

Unten am See liegt die drei- bis vierhundert Jahre alte Sennhütte, wo im Sommer Milch produziert wird. Der Betrieb mit Weidetieren hat eine karge Landschaft entstehen lassen, die sanft mit den Berghängen verschmilzt. "Noch heute sind die Sennhütten für die Bauern im Tal wertvoller Weidegrund", sagt Vegard. In der Vergangenheit waren sie dagegen oft die einzige Einkommensquelle für die Menschen im Hochland.