Hinweisschild an einem Regionalzug der Deutschen Bahn © Boris Roessler/dp

Es war, so ist zu vermuten, geplant als eine Art Wellness-Weekend für Ferrophile. Und es wurde, so konnte man später auf Twitter nachlesen, ein Stafettenlauf durch die Eisenbahn-Vorhölle. Was dem bedauernswerten Sprecher der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) bei seinem Ausflug ins nördliche Nachbarland widerfuhr, es muss ihm das Bähnlerherz zerrissen haben: unbestimmte Verspätungen, vollgestopfte Bahnhöfe, wildpinkelnde Reisende, abgefallene Backofentüren und ein Chili con Carne, serviert mit einem Kaffee- statt Suppenlöffel. Skandal! Empörung! #Aufschrei.

Nun könnte man vermuten, der zweitoberste SBB-Kommunikator sei derlei Unbill tatsächlich nicht gewohnt, ja, sie würde ihn geradezu im Mark erschüttern. Denn, so weiß man nicht nur im Land der Weltmeister im Eisenbahnfahren: Niemand spult jährlich mehr Kilometer auf der Schiene ab als die Schweizer. Diese Bahnmenschen also haben eine seltsam tiefe Verbundenheit zu "ihrem" Verkehrssystem. Läuft was schief, nehmen sie es persönlich. Ein verspäteter Zug, ein verpasster Anschluss: Das beleidigt ihr Ehrgefühl. Kurzum: Der SBB-Twitterer konnte gar nicht anders. Es geschah mit ihm!

Dumm nur, dass ausgerechnet "Stellwerkstörung" zum Schweizer Wort des Jahres 2013 gewählt wurde. Blöd, dass die SBB ihre Kunden immer häufiger in immer älterem Rollmaterial auf ihrem "S-Bahnsystem auf Meth" rumkutschieren; unter anderem, weil sie sich in Rechtshändeln mit einer Lieferfirma verheddert haben. Ärgerlich, dass die Bahnen mit einer knallharten Bußgeldregelung ihre guten Kunden vergraulen, um ein paar Schwarzfahrer zu schnappen. Nervenaufreibend, dass man für die Bedienung der helvetischen Billettautomaten einen Master in User-Interface-Sciences braucht; ein gescheites E-Ticketing-System ist seit Jahren versprochen, aber kommt und kommt und kommt nicht.

Und so wünscht man dem SBB-Twitterer nur eins: Seine Chefs mögen ihn baldmöglichst wieder auf einen Wellness-Trip schicken.

Aber diesmal bitte in den fernen Osten, nach Japan. Dort, fern von Bahnsteig-Blasenschwächen und Speisewagen-Desastern, könnte er lernen, was guter Kundenservice tatsächlich bedeutet. Er würde sein Ticket an einem Schalter kaufen, hinter dem ein richtiger Mensch sitzt; kurz vor Abfahrt würde er im Bahnhofseinkaufszentrum eine vorzügliche Ekiben-Box erstehen und genussvoll verspeisen, während vor dem Shinkansen-Fenster eine Metropolis nach der anderen vorbeiflitzt; der Kondukteur würde sich nach einem freundlichen Blick auf das Billet beim Verlassen des Wagons zum Abschied verbeugen; und selbst die Fußball-Ultras, die nur ein paar Reihen vor ihm säßen, würden ihre Bierdosen am frühen Morgen in aller Stille hinter die Binden kippen. Ach, was hätte er da zu twittern?

Übrigens: Nur Stunden nachdem der Schweizer Bahnsprecher seine Tweets absetzte, wartete der Autor dieser Zeilen, ein Landsmann, in Frankfurt am Main auf seinen ICE nach Basel. Die Bahn kam schließlich doch noch. Zwanzig Minuten zu spät und mit einem Ersatzfahrzeug. Er konnte sich den Griff zu seinem Smartphone nur ganz knapp verkneifen.