Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe Oktober 2014, www.nationalgeographic.de.

Es heißt, dass fünf Sievert radioaktive Strahlung einen Menschen töten. Also war ich neugierig, was mein Dosimeter anzeigen würde, als unser Bus in das Sperrgebiet von Tschernobyl fuhr.

Ich schaute auf das Messgerät: 0,19 Mikrosievert pro Stunde, ein Bruchteil von einem Millionstel Sievert, der Maßeinheit für Strahlenbelastung. Kein Grund zur Besorgnis! Ein paar Minuten später kamen wir im Dorf Salesje an. Von den Mauern leerstehender Häuser blätterte die Farbe ab. Fensterscheiben waren zerbrochen. Risse durchzogen den Asphalt. In einem Haus lag ein Bild von Lenin auf dem Fußboden. In einem Schlafzimmer baumelte eine Kinderpuppe an der Wand. Sie hatte eine Schnur um den Hals – als hätte sie sich erhängt. Wir fanden noch weitere, offenbar von Besuchern arrangierte Schaustücke, die den Horror dieses Ortes symbolisierten: halb angezogene Puppen mit verrenkten Gliedmaßen, Gasmasken, die wie Früchte an Bäumen hingen.

In einem verwaisten Haus in Pripjat haben Besucher eine Puppe und einen Plüschhasen arrangiert – für Erinnerungsfotos. Bis zum 26. April 1986 spielten hier ukrainische Kinder. © Gerd Ludwig / NATIONAL GEOGRAPHIC

Als Otto Hahn und Fritz Strassmann 1938 in Berlin erstmals ein Atom spalteten, glaubte die Welt an den bedeutendsten menschlichen Fortschritt seit der Zähmung des Feuers.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später ist das Symbol des Atoms mit seinen kreisenden Elektronen kein Zeichen mehr für den Triumph der Technologie, sondern ein Sinnbild des Todes. Doch irgendetwas tief in der menschlichen Seele zieht uns zu den Schauplätzen unvorstellbarer Katastrophen. Vor gut drei Jahren wurde Tschernobyl offiziell zur Touristenattraktion erklärt. Atomtourismus. Am Ort des bislang schlimmsten Unfalls in einem Kernreaktor. Was für eine absurde Idee. Weil ich das mit eigenen Augen sehen wollte, flog ich in die Ukraine.

26. April 1986

In den frühen Morgenstunden des 26. April 1986 sollte die Nachtschicht im Reaktorblock 4 in Tschernobyl während einer geplanten Abschaltung wegen Wartungsarbeiten noch einen wichtigen Test der Sicherheitseinrichtungen vornehmen.
Eine halbe Stunde nach Mitternacht löste ein Techniker durch einen Eingabefehler eine Kettenreaktion aus, in deren Folge der Reaktor außer Kontrolle geriet. Kurz nacheinander ereigneten sich zwei Explosionen, die das Dach des Reaktorgebäudes wegsprengten. Aus dem offenen Atommeiler stieg nun eine Wolke aus Dampf und hochradioaktivem Material in die Atmosphäre auf und zog nordwestwärts in Richtung Weißrussland und Skandinavien. Der Fallout setzte 400-mal mehr Radioaktivität frei als die Hiroshima-Bombe.

Die ganze Nacht bekämpften Feuerwehrleute und Rettungsmannschaften Flammen, Rauch und brennende Grafitbrocken, die der weißglühende Reaktorkern ins Freie schleuderte. In welche tödliche Gefahr sie sich begeben hatten, wurde ihnen erst Stunden oder Tage später bewusst, als die ersten Symptome auftraten. Sie waren einer radioaktiven Strahlung von bis zu 16 Sievert ausgesetzt – ein Vielfaches dessen, was ein Mensch überleben kann. Erst 36 Stunden nach dem Atomunfall begann die Evakuierung der Stadt.

50.000 Menschen lebten in Pripjat, der Modellstadt. Sie verfällt, so wie etwa 200 andere Orte in der Sperrzone. © Gerd Ludwig / NATIONAL GEOGRAPHIC

Erstaunlicherweise gab es zunächst wenige Todesopfer. Drei Arbeiter starben bei der Explosion, 28 innerhalb eines Jahres. Doch die Langzeitfolgen der Verstrahlung sind verheerend: Bisher erkrankten etwa 6.000 Menschen, die als Kinder radioaktives Jod eingeatmet hatten, an Schilddrüsenkrebs.

Was sich beim Besuch in Pripjat in meine Erinnerung eingebrannt hat, ist das Geräusch, das entsteht, wenn man über zerbrochenes Glas läuft. Es lag überall: in den mit Schutt übersäten Operationssälen maroder Krankenhäuser, auf Schulfluren mit zerfledderten Büchern.

In einem anderen Raum war der Boden mit Gasmasken bedeckt. Unser Reiseführer sagte uns, sie seien vermutlich von Eindringlingen zurückgelassen worden, die die Kontrollen im Sperrgebiet umgehen. Anfangs kamen sie, um zu plündern, dann nur noch für den Kick. Sie schwimmen im Fluss Pripjat, trinken das Wasser und glauben, dass sie der Strahlung entkommen können.

186 Mikrosievert pro Stunde

Am nächsten Tag gingen wir schon fast leichtfertig mit dem Strahlungsrisiko um. Wir standen unter den Resten eines Kühlturms, als unsere Reiseführerin rief: "Oh, hier ist eine besonders stark verstrahlte Stelle!" Ohne zu zögern hob sie ein Brett hoch, und wir hielten unsere Dosimeter über den Boden. Mein Messgerät schlug auf 112 Mikrosievert pro Stunde aus – das 30­-Fache des während meines Transatlantikfluges gemessenen Werts. Wir blieben nur eine Minute.

Der am stärksten verstrahlte Punkt, den wir fanden, war eine Stelle auf dem Schild einer rostenden Planierraupe, mit dem radioaktive Erde in Gräben geschoben worden war: 186 Mikrosievert pro Stunde – zu viel, um dort länger stehen zu bleiben, aber nichts im Vergleich zu den Dosen, die die Feuerwehrleute und Liquidatoren nach dem GAU abbekommen hatten.

Auf der Rückfahrt nach Kiew rechnete die Reiseleiterin unsere Gesamtstrahlenbelastung aus. Sie kam auf zehn Mikrosievert für das gesamte Wochenende. Vermutlich würde ich auf dem Flug nach Hause mehr abbekommen.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/tschernobyl