Erschienen im Skandinavien-Magazin "NORR", Herbst 2014

Der Überlebensexperte und Schriftsteller Lars Fält zeigt auf einen riesigen Ameisenhaufen neben einer schmächtigen Kiefer und erklärt, was man damit alles anstellen kann. "In einer eiskalten Winternacht vor 50 Jahren habe ich mich in so einen Haufen eingegraben und darin geschlafen", sagt er. Wenn man ganz tief grabe, finde man die essbaren Ameiseneier. Und was auch im Herbst funktioniert: "Das Hinterteil der Ameise kann man essen, und es ist gut für den Magen, wenn man zum Beispiel im Gefängnis sitzt und sich einseitig ernähren muss."

Es ist ein Überlebenskurs. Lars Fält veranstaltet ihn in Sjövik schon seit vielen Jahren. Er ist so etwas wie Schwedens nationale Berühmtheit in Sachen Outdoor und Survival, dank seiner Mitwirkung in der erfolgreichen BBC-Serie des Engländers Ray Mears zum Thema Überleben in der Natur. Auf der Website des Kurses steht an erster Stelle die Frage: "Hast du vergessen, dass der Wald deine Heimat ist?" Die Kursteilnehmer lernen hier unter anderem, Fleisch zu trocknen, mit Axt und Messer zu hantieren, Wetterumschwünge zu erklären, Gerätschaften aus Holz herzustellen, Anoraks zu nähen und sogar ihr eigenes Kanu zu bauen.

Der Kurs gehört zur einjährigen Ausbildung "Friluftsliv-Hantverk-Ledarskap", was man im heutigen Deutsch am besten mit "Führungskraft Outdoor-Praxis" übersetzen könnte (wörtlich übersetzt bedeutet es "Freiluftleben-Handwerk-Menschenführung").

Lars Fält, Gastlehrer in Sjövik © Henrik Witt

Den Kurs gibt es an der Volkshochschule Sjövik seit 1981. Aber der Lehrstoff ist bedeutend älter. Bo Weslien, einer der beiden Kursleiter, ist mit uns im Wald unterwegs. "Früher", sagt er, "war es eine Frage des Überlebens, mit sehr einfachen Werkzeugen und Fertigkeiten in der Natur zurechtzukommen. In Schweden hatten wir im 18. Jahrhundert, bevor die Kultivierung der ländlichen Gebiete so richtig in Gang kam, die Autarkie des Einzelnen auf die Spitze getrieben. Dann gingen die Kenntnisse wieder verloren." Lars Fält und die Schülergruppe sind derweil bei der nächsten Kurslektion angelangt: Aus Fichtenreisig, dünnen Stangen und Zweigen sollen sie mithilfe eines Messers und einer Axt einen Windschutz bauen.

Die Heimvolkshochschule Sjövik befindet sich etwa zehn Kilometer außerhalb von Avesta in der Provinz Dalarna. Die Schulgebäude liegen idyllisch am Bäsingen-See, der einen Abschnitt des Flusses Dalälven bildet. Für eine Outdoor-Ausbildung ist dies ein strategischer Ort, denn der Dalälven gilt als Grenze zwischen Süd- und Nordschweden und auf jeder Seite des Flusses ist die Natur anders beschaffen. In der Nähe liegt der Nationalpark Färnebofjärden und rund um die Schule gibt es ausgedehnte Waldgebiete. "Wir haben natürlich vom Grundstückseigentümer die Erlaubnis, so viel abzuholzen, wie wir für den Windschutzbau benötigen", erklärt Bo Weslien, als die Kursteilnehmer sich mit ihren Äxten über die Zweige in der Umgebung hermachen.

Im Wald © Henrik Witt
Erschienen im Skandinavien-Magazin NORR, Herbst 2014

Weslien war von 1983 bis 1984 einer der ersten Kursteilnehmer in Sjövik. Im Prinzip sah die Ausbildung damals schon so aus wie heute, auch wenn sie ein wenig theoretischer war, um nicht zu sagen: philosophischer. "Wir waren stark von den norwegischen Ökosophen beeinflusst, mit Arne Næss an der Spitze. Das war eine dieser Wellen nach den siebziger Jahren, wir wollten draußen im Freien sein, ohne Motoren und Skilifte, mit einfachster Ausrüstung. Der Natur begegnen unter den Bedingungen der Natur", erzählt Bo Weslien. "Wir legten damals viel mehr Wert auf Definitionen. Aber in der Praxis halten wir heute immer noch an denselben Idealen fest". Nach der Ausbildung reiste er in die USA, um zu lernen, wie man Holzkanus baut. Seit 1989 hat er eine volle Stelle als Lehrer in Sjövik.

Der Unterschied zur deutschen Volkshochschule

Seine Kollegin Katharina Blank kommt aus Rathenau bei Berlin. Sie absolvierte die Ausbildung von 1999 bis 2001 und blieb. Jetzt wohnt sie mit ihrem Lebensgefährten, der Kanubauer ist und an einem Gymnasium arbeitet, das ein spezielles Wildnis- und Naturprofil hat, auf einem Bauernhof. Die beiden halten Schweine und Schafe und versuchen, als Selbstversorger zu leben. Katharina Blank ist verantwortlich für mehrere Kursabschnitte, bei denen es um Ernährung geht. Um das Pflücken, Sammeln, Trocknen und Zubereiten dessen, was die Natur in der nächsten Umgebung zu bieten hat. "Der große Unterschied zwischen der deutschen und der schwedischen Volkshochschule", sagt sie, "besteht darin, dass es sich in Schweden um eine ganzheitliche Ausbildung handelt, bei der die Schüler für ein oder zwei Jahre in der Schule wohnen." Bei unserem Treffen ist sie sehr in Eile, denn sie muss noch die Kurslektion für morgen vorbereiten: Preiselbeeren sammeln, einkochen und entsaften, Fleisch räuchern.

Als Außenstehender fühlt man sich in Sjövik manchmal wie in einem kleinen, interaktiven Freilichtmuseum. Die Kenntnisse und Fertigkeiten, die hier weitergegeben werden, sind Jahrhunderte alt, und doch glaubt Bo Weslien, dass sie heute noch höchst aktuell sind. "Heute reden alle von Nachhaltigkeit. In Sjövik sind wir seit 30 Jahren damit beschäftigt", sagt Weslien. "Aber in den letzten vier, fünf Jahren ist das Interesse an unseren Kursen bemerkenswert gestiegen."