Ein Radrennen über 11.000 Kilometer durch Südamerika – unser Autor fährt mit und berichtet hier in Etappen: Etappe 1. Etappe 2. Etappe 3. Nun Etappe 4.

46 Grad! Dabei ist es noch nicht einmal zwölf Uhr. Knapp 60 Kilometer liegen bereits hinter mir, weitere 35 sind noch zu bewältigen. Auf einer knüppelharten Schotterpiste, die sich endlos am Horizont verliert. Mal ist sie so steinig, dass ich nur schwer Fahrt aufnehmen kann und bei kaum acht km/h aufpassen muss, nicht mitsamt Fahrrad umzufallen. Mal ist sie so sandig, dass ich schieben muss.

35 Kilometer bedeuten bei meinem gegenwärtigen Tempo vier weitere Stunden unter einer Sonne, die wie ein Heißluftstrahler wirkt. Sie saugt mir die Energie aus dem Körper und lässt sehnsüchtige Erinnerungen an kühlere Tage im Andenhochland aufkommen.

Auf der Etappe von Uspallata nach Mendoza: Talfahrt über 356 Kurven auf einer Naturpiste © Hardy Grüne

Kaum hatten wir das bolivianische Hochplateau verlassen und Argentinien betreten, bekam der 11.000-Kilometer-Radmarathon The Andes Trail einen völlig anderen Charakter. Nicht nur bezüglich des Wetters, das schlagartig von feucht und kalt zu heiß und trocken wechselte. Vorbei waren auch die spannenden Begegnungen mit der andinen Einwohnerschaft. Wir fuhren nun durch westlich geprägte Großstädte wie Mendoza und durch die Einsamkeit des Hinterlands. Plötzlich konnte man tagelang radeln, ohne einem einzigen Auto zu begegnen. Plötzlich beschränkten sich die Kontakte auf Begegnungen mit wilden Pferden, scheuen Guanacos und neugierigen Schafen.

Ebenfalls beendet waren die Tage des ewigen Bergkletterns. Stattdessen standen wir nun vor schnurgeraden flachen Straßen, auf denen gerne mal Gegenwind steht. Und die nicht immer mit einer schnurrigen Asphaltdecke versehen sind. Selbst die berühmte Ruta 40, die uns in den kommenden Wochen weit nach Patagonien transportieren wird, ist auf vielen Abschnitten nur mit einer rudimentären und groben Kies-Sand-Mischung bedeckt.

Das Teilnehmerfeld spaltet sich in zwei Lager. Während asphaltverwöhnte Rennradler klagen, sind passionierte Mountainbiker in ihrem Element. Dem von der Schwäbischen Alb stammenden Off-Road-Spezialisten Alfred Mähr gelang es sogar, zum eigentlich als uneinholbar geltenden Spitzenreiter und Straßenspezialisten James Hodges aufzuschließen. Ich hingegen benötigte mit meinem Crossrennrad glatten Asphalt, um einen persönlichen Triumph zu feiern, als ich auf einer der mit 160 Tageskilometern längsten Einzeletappen Zweiter wurde – hinter dem ewigen Tagessieger James Hodges.

Brigit Verlaan (links) und Michelle Gane auf dem Salzsee Salar de Uyuni © Hardy Grüne

Vor wenigen Tagen hat allerdings auch mal eine andere eine Etappe gewonnen – die Australierin Michelle Gane, als erste Frau in der Geschichte von The Andes Trail. "Das war auf einer Offroad-Piste, und das ist einfach mein Revier", sagt die 36-jährige Mountainbikerin aus Brisbane. Für sie ist die Teilnahme an der Südamerikaexpedition eine Belohnung der besonderen Art. "2013 wurde bei mir Hautkrebs festgestellt. Und da habe ich mir geschworen, wenn ich das überstanden habe, will ich mir etwas ganz Besonderes gönnen. Deshalb bin ich hier."

Gane sagt, sie genieße es, sich "ab und zu selbst herauszufordern und zu pushen. Anfangs war ich vor allem im Peloton meistens eine der Schwächeren. Jetzt, nach drei Monaten, kann ich viel besser mit den schnellen Jungs mithalten. Das macht mich auch stolz".

Erwähnenswert ist aber auch die Leistung von Brigit Verlaan, einer anderen der acht Teilnehmerinnen in einem männlich dominierten Feld. Die Männer, sagt sie, hätten sich von Beginn an beäugt und gegenseitig eingeschätzt. Die Frauen würden einander eher unterstützen. Ihr ist der Wettbewerb gleichgültig, interessiert ist sie "vor allem an Begegnungen mit den Menschen". Die fröhliche Niederländerin aus Utrecht ist eine erfahrene Fernradlerin und hat bereits die Alpen, die Pyrenäen und Teile des Himalayas befahren. Die Andentour übertrifft aber ihre bisherigen Erfahrungen. "Vor allem die langen Tagesetappen sind für mich ein Problem", sagt die 54-Jährige. "Weil ich langsamer als die meisten anderen bin, komme ich oft sehr spät im Ziel an und habe dann keine Zeit, zu regenerieren. So kann ich quasi zusehen, wie ich immer schwächer werde. Körperlich und mental." Verlaan kompensiert das allerdings mit einem ansteckenden Optimismus: "Ich schaffe das!"

Und dann schafft sie es.