Ein abgelaufener Studentenausweis und die Bereitschaft, etwas mehr als den auf der ausgedruckten Buchungsbestätigung fixierten Preis zu zahlen, genügen, und schon erhält man von einer kurzsichtigen russischen Rezeptionistin die Schlüssel für eine Übernachtung im angeblich schlechtesten Hotel Berlins. Die Online-Plattform Tripadvisor listet es unter allen Hotels, die dort von Kunden bewertet wurden, auf den hintersten Platz. "Selbst für Anspruchslose ein unterirdisches 'Hotel'!", schimpft jemand, "Gruftbude" ein anderer, und auch die Meinung der internationalen Gäste lässt sich in dieser Warnung zusammenfassen: "Do NOT stay at this hotel!"

Damit hier keine falschen Vorstellungen entstehen: In diesem alten, zweistöckigen Mietshaus gibt es keine Lobby, einheitliche Mitarbeiterkleidung oder Drehtüren. Das Hotel Pension Aurora im recht gediegenen Ortsteil Friedenau bekennt sich zwar im Namen zu einer ganzen Branche, verzichtet jedoch auf deren oft augenwischerischen Erkennungsmerkmale, die großen Gesten, den Knicks.

Im ordentlich hergerichteten Zimmer dieses ausdrücklichen Nichtraucherhotels – ein gerahmter Zettel droht mit einer Strafe von 350 Euro – riecht es nach kaltem Rauch. Sobald aber die am Gang liegenden Gemeinschaftsduschen in Betrieb genommen werden, kommt eine auf exzessiven Sport-Duschgel Gebrauch zurückzuführende Mentholnote hinzu.

Nur all zu leicht wäre es jetzt, sich über die unzeitgemäße Zimmereinrichtung zu erhöhen. Dabei eint ja Hotels aller Klassen, dass es im Nachbarzimmer annähernd genauso aussieht wie im eigenen. Diese Gewissheit allein wirkt heute schon ungemein beruhigend. Denn alles, wirklich alles, ist besser als eine Airbnb-Wohnung mit einem eigenen Stil. Zu beanstanden wäre allerhöchstens der graue Teppichboden mit seinen ominösen Flecken. Es empfiehlt sich also vorerst, die Schuhe anzulassen, das Gepäck abzustellen und die Gegend zu erkunden.

Im Flackern

In Friedenau ist man stolz auf die architektonischen Überbleibsel der Kaiserzeit. Und auf die berühmten Schriftsteller, die sie zu schätzen wussten. Vom Aurora, das als fast einziges Gebäude nicht in die Kategorie der Gründerzeitbauten fällt, ist es nicht weit zur Backsteinvilla von Günter Grass, die jetzt seine Schwiegertochter, eine Heilpraktikerin, bewohnt. Ein Labrador liegt träge vorm Hauseingang. Auch Erich Kästner übernachtete ab und an in dieser Straße. Friedenau war ihm immerhin gut genug für einen Zweitwohnsitz. Noch heute werden ehemalige Nachbarn mit Fragen behelligt, wie das denn damals so war, oder wann sie das letzte Mal Herta Müller auf dem Wochenmarkt begegnet sind – die Literaturnobelpreisträgerin lebt noch immer hier.

Je länger man durch Friedenau läuft, desto weniger will einem diese Messingschild-Fischgrätparkett-Assoziation aus dem Kopf gehen. Außerhalb des S-Bahn-Rings, das ist keine Überraschung, leben Menschen, die einem vernünftigen Job nachgehen und wenn es kalt ist, ihre Wollmützen ordentlich auf dem Kopf tragen. Weil es ziemlich schnell dunkel wird, muss der geplante Besuch an den Gräbern von Helmut Newton und Marlene Dietrich leider ausfallen. Also schnell wieder zurück zum Hotel, nicht aber ohne vorher in der neuen Weinbar des Fernsehkochs Ralf Zacherl vorbeizuschauen, die auf dem Weg liegt. Dummerweise wird auch daraus nichts. Samstags ist die Bar geschlossen.

Die signalrote Tür zur Hotel Pension Aurora, die die ganze Nacht offen steht, liegt, das kann man jetzt sagen, ziemlich Friedenau-untypisch, zwischen einem Geschäft für Shisha-Zubehör und einem Burgerladen, an den wiederum eine Shisha-Bar grenzt. Hier gibt es dann völlig zu Recht ein Wasserpfeifen-Burger-Menü für 12,90 Euro.

Zurück auf dem Zimmer riecht es immer noch nach Rauch. Aber jetzt nimmt man auch ganz deutlich Geräusche wahr. Streitgespräche in unterschiedlichsten osteuropäischen Sprachen, stotternde Boiler und Männer, die sich im Gemeinschaftsbad stehend erleichtern. All das lässt sich allerdings leicht mit dem Einschalten des kleinen Fernsehers übertönen. Eine Heizung gibt es nicht, nah am Bett steht ein monströser, rostiger Blechquader, der – womöglich aus Sicherheitsgründen – nicht funktioniert. Im Flackern einer wärmenden Atlantikwall-Doku schläft man dennoch schnell ein.

Am Morgen ist die Rezeptionistin vom Vortag nirgends zu sehen. Der Frühstücksraum ist dunkel und menschenleer. Auf das gebuchte Frühstück war man nicht vorbereitet. Eine junge, freundliche Mitarbeiterin bemüht sich sehr und organisiert schnell zwei Schwarzbrotscheiben, preisgünstigen, liebevoll arrangierten Belag und ein Glas verdünnten Orangensaft. Nach und nach serviert sie mehr Dinge – ein rührender Akt der Gastfreundschaft. Der Check-out ist unkompliziert. Gestärkt geht es raus in den Tag.

Das Beste: Weit und breit keine Möbelklassiker des 20. Jahrhunderts, oder Replikate von Möbelklassikern des 20. Jahrhunderts.

Bewertung der Online-Bewertungen: ★★★☆☆

Hotel Pension Aurora, Rheinstraße 61, 12159 Berlin, Tel. 030-56734902. Einzelzimmer ab 30 Euro, Doppelzimmer ab 23 Euro pro Person. Kinder unter 6 übernachten in Begleitung der Eltern gratis. www.hotel-pension-aurora.de

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