Seit Monaten dringt Baulärm durch Mons. Viele der prächtigen Bürgerhäuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind fertig renoviert, die Gassen neu gepflastert, der Große Platz herausgeputzt. Die Restaurierung des 87 Meter hohen barocken Belfried, der auf der Welterbeliste der Unesco steht, wird voraussichtlich im Frühjahr abgeschlossen.

Die Stadt in der Wallonie, einst eine Tuchmacherstadt, ist eine der beiden Europäischen Kulturhauptstädte 2015; die andere ist Pilsen. Mons, etwa 65 Kilometer südwestlich der belgischen Hauptstadt Brüssel gelegen, hat etwa 90.000 Einwohner und gehört damit zu den kleinsten Städten, die bisher Kulturhauptstadt waren. Am 24. Januar beginnt dort ein Jahresprogramm mit rund 300 Veranstaltungen, darunter sind 20 große Ausstellungen.

Ein Höhepunkt ist die van Gogh-Ausstellung Van Gogh au Borinage. La naissance d'un artiste (etwa: Van Gogh in Borinage. Die Geburt eines Künstlers). Der niederländische Maler (1853-1890) hat zwischen 1878 und 1880 als Hilfsprediger in dem Bergarbeiterdorf Borinage in der Nähe von Mons gearbeitet, bevor er dort mit dem Malen begann.

Im Lauf des Kulturhauptstadtjahrs sollen fünf Museen eröffnet werden, darunter die in einer Kapelle untergebrachte Artothèque für regionale Kunst und Kulturgeschichte, das Feuersteinmuseum in Spiennes und das Musée du Doudou, das dem bekannten Drachenkampf zu Ehren der Schutzheiligen Waltrudis gewidmet ist. Das Kunstmuseum BAM wurde bereits umgebaut. Der Stararchitekt Daniel Libeskind hat ein neues Kongresszentrum entworfen. Die Glas- und Metallstruktur liegt unmittelbar hinter dem Bahnhof. Nur der neue Bahnhof selbst wird frühestens 2016 fertig werden.

Mons, im 7. Jahrhundert aus einem Kloster heraus entstanden, liegt in einem ehemaligen Kohlerevier, es gibt Fördertürme und Abraumhalden in der Umgebung. Doch eine Bergwerksstadt war Mons selbst nie, sondern stets Verwaltungszentrum und Universitätsstadt. Bürgermeister ist Elio Di Rupo, Chef der sozialistischen Partei der Wallonie und von 2011 bis 2014 Premierminister des Königreichs Belgien. Mit dem Label Kulturhauptstadt hofft der Intendant des Kulturhauptstadtprogramms, Yves Vasseur, die Region von ihrem Image der postindustriellen Stadt zu befreien. "Das wird die ganze Gegend in ein neues Licht rücken."

In Pilsen

Tatsächlich eine Industriestadt ist das vor allem als Bierstadt bekannte Pilsen in Tschechien, die andere Europäische Kulturhauptstadt 2015. Nicht nur die Brauerei für Pilsner Urquell hat hier seit dem 19. Jahrhundert ihren Sitz, sondern auch der Maschinenbaubetrieb Skoda Transportation.

Auch die westböhmische 167.000-Einwohner-Stadt Pilsen hat sich herausgeputzt, wenn auch mit einem vergleichsweise kleinen Budget. Am Renaissance-Rathaus im unter Denkmalschutz stehenden Stadtkern glänzt das Stadttier, aus unerfindlichen Gründen ein Kamel. Die Große Synagoge mit ihren roten Zwiebeltürmen im maurisch-romanischen Stil kann wieder besichtigt werden. Und die gotische Bartholomäus-Kathedrale bekommt in diesen Tagen Ersatz für ihre im Krieg eingeschmolzenen Glocken.

Eigentlich war geplant, eine ganze Kulturfabrik auf dem Gelände der Brauerei-Ruine Svetovar entstehen zu lassen. Sie hätte Braukunst und Kultur symbolisch miteinander verbunden. Doch es gab Probleme mit gesundheitsgefährdenden Baustoffen. Die Künstler mussten schnell eine neue Bleibe suchen und fanden sie in einer ehemaligen Trolleybus-Halle der Verkehrsbetriebe. Sie bietet Platz für Workshops und Gastkünstler aus ganz Europa.

Petr Forman, der künstlerische Leiter des Kulturhauptstadt-Projekts und einer der Söhne des Regisseurs Milos Forman, will auch diejenigen Bewohner und Besucher Pilsens für das Kulturhauptstadtjahr 2015 begeistern, die ansonsten eher nicht ins Theater oder Museum gehen. Einen kleinen Vorgeschmack hat es in Pilsen schon gegeben: Wie ein Ufo landete ein französisches Kinder-Karussell auf dem größten Platz. Der Manège Carré Sénart soll mit seinen Karussell-Figuren von Heuschrecken, Käfern und Büffeln an einen Kafka-Roman erinnern. Das ganze Jahr über wird alle zwei Monate eine neue Zirkuskompanie in Pilsen Station machen.

Der Ausstellungshöhepunkt des Jahres ist dem Maler Gottfried Lindauer (1839-1926) gewidmet, der realistische Porträts von Maori in Neuseeland geschaffen hat. Die Gemälde, zuvor in Berlin ausgestellt, sind erstmals in der Geburtsstadt Lindauers zu sehen. Eine weitere Ausstellung ist dem ebenfalls in Pilsen geborenen Animationskünstler Jiri Trnka (1912-1969) gewidmet. Trnka arbeitete fast ausschließlich mit Handpuppen und verfilmte so etwa Jaroslav Haseks Roman Der brave Soldat Schwejk.