Manchmal wird schon die Fahrt mit der Straßenbahn zum Omen. Am vergangenen Samstag in Dresden jedenfalls. Die Wagen der Linie 3, die Dresden einmal von Süden nach Norden quert, sind voll. Und jeder, der zusteigt, wird beäugt: Ist er wohl auf dem Weg zur Demonstration am Neumarkt? Oder will er doch nur zum Shoppen in die Altmarkt-Galerie?

"Hoffentlich reicht es", seufzt eine alte Dame, die mit ihrem Mann unterwegs ist zur Demonstration, zu der Oberbürgermeisterin Helma Orosz und Ministerpräsident Stanislaw Tillich unter dem schwammigen Motto "Für Dresden, für Sachsen – für Weltoffenheit, Mitmenschlichkeit und Dialog im Miteinander" aufgerufen haben. Und "hoffentlich reicht es" bedeutet: Hoffentlich kommen mehr Leute als montags zu den Pegida-Demonstrationen. Mit jedem zugestiegenen Fahrgast, der offensichtlich auf dem Weg zur Frauenkirche ist, wird die Stimmung in der Bahn gelöster. Man lächelt einander an, scheint sich gemeinsam zu freuen über das Gefühl: Jetzt kommt endlich etwas in Bewegung, zum Glück.

Die Pegida-Demonstrationen haben der Stadt geschadet. Sie brachten Dresden den Ruf ein, die Stadt sei immer noch das Tal der Ahnungslosen, ein Hort der Fremdenfeindlichkeit. Schon im Dezember beklagten die Händler auf dem weltberühmten Striezelmarkt, der Absatz gehe an den Abenden, an denen demonstriert werde, spürbar zurück. Die Frage ist: Wie groß ist der angerichtete Schaden?

Eine der Währungen, in denen man das Image einer Stadt misst, ist Tourismus. Sieben Millionen Touristen kommen jedes Jahr nach Dresden, sie bringen Geld und Prestige. Die Stadt hat viel, was Touristen sehen wollen: Zwinger, Frauenkirche, Semperoper, Museen. Es ist eine bürgerliche Stadt, in die auch diejenigen reisen, die ansonsten nur selten Städtetrips buchen. Dresden steht im Ruf, eine Stadt zu sein, die man gesehen haben muss. Was bedeutet nun Pegida? Glauben vielleicht bald Menschen aus aller Welt, die Dresden sehen wollen, Dresden wolle sie nicht sehen?

"Pegida schadet dem Image der Stadt klar"

Die Dresden Marketing GmbH (DMG), zuständig für das Stadtmarketing, drückt sich verklausuliert aus: Im Zuge der Berichterstattung über die Demonstrationen mehrten sich auch die Anfragen zu Pegida-Demonstrationen von Menschen, die Dresden-Besuche planten. "Wir antworten den Besuchern, stellen die Situation klar und verweisen vor allem darauf, dass die Dresdner Bürgerinnen und Bürger mit ihrer allgemein bekannten Gastfreundlichkeit die vielen Gäste aus dem In- und Ausland herzlich willkommen heißen", teilt die Sprecherin der DMG mit.

Deutlicher wird der Sächsische Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr und stellvertretende Ministerpräsident Martin Dulig (SPD): "Pegida schadet dem Image der Stadt klar. Wir werden aktuell von etlichen Unternehmern angesprochen, die sich große Sorgen machen, dass der Standort beschädigt wird." Die Berichte außerhalb Sachsens, beispielsweise in polnischen und britischen Medien, seien voller Angst und Sorge über die Vorgänge in Dresden. Das alles schade dem Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort sehr.

Auch deshalb, so glauben nun auch viele Dresdner, muss der Welt gezeigt werden, dass es ein anderes Dresden gibt als jenes, das allwöchentlich in den Nachrichten auftaucht. Dass die Pegida-Dresdner in der Minderheit seien, die also, die nach eigenen Angaben nicht rassistisch sind, nur aber eben etwas gegen zu viele Ausländer haben; die sich selbst in der bürgerlichen Mitte verorten, gleichzeitig aber der Meinung sind, dass das verlogene und sich von den Bürgern entfremdende System ausgedient habe; und die sich dagegen verwahren, rechts genannt zu werden, aber kein Problem damit haben, im Nazi-Jargon gegen die "Lügenpresse" und "Volksverräter" zu grölen.

Es hat dann auch funktioniert: 35.000 Teilnehmer kamen am Samstag zur Demonstration dieses anderen Dresdens. 35.000 Menschen, die nicht wollen, dass die wunderschöne Stadt an der Elbe nur noch mit Pegida in Verbindung gebracht wird.

Doch zwei Tage später macht Dresden wieder einen Schritt zurück. Am Montagabend marschierten mehr Pegida-Anhänger als jemals zuvor, und die Zahl derer, die sich ihnen entgegenstellten, blieb verschwindend klein. Während sich überall sonst im Land die Gegendemonstranten zahlreicher versammeln als jene, die unter verschiedenen Gida-Varianten gegen Islamisierung und Überfremdung demonstrieren, und vermuten lassen, dass die Pegida-Anhänger dann eben doch nur ein kleiner Teil des Volkes sind, schweigt die Mehrheit in Dresden.

Auch an der Technischen Universität ist deshalb die Sorge groß, dass Dresden und Sachsen in den Ruch der Fremdenfeindlichkeit geraten – was ein fatales Signal für die Spitzenforscher aus dem Ausland wäre, um die sich die Exzellenzuniversität so stark bemüht. Rektor Hans-Müller Steinhagen fand deshalb auch als einer der Ersten deutliche Worte: Die Pegida-Demonstrationen behinderten "alle Aktivitäten der TU Dresden für ein weltoffenes und tolerantes Dresden". Man müsse verhindern, "dass angesichts der aktuellen Demonstrationen der Pegida-Anhänger in der Welt ein Bild von Dresden entsteht, das in erster Linie abschreckt".

Was ist Dresden?

Die Semperoper hat Flaggen aufgehängt mit dem Aufdruck "Augen auf", "Herzen auf", "Türen auf". Die Staatlichen Kunstsammlungen beziehen Stellung mit einem Banner, auf dem zu lesen ist: "Ein großes Haus voller Ausländer! Der Stolz des Freistaates!" Die wichtigen Institutionen der Stadt sagen, dass Pegida nicht Dresden sei.

Doch Gehör finden eben auch andere. Politikwissenschaftler Werner Patzelt an der TU etwa, der die Protestler damit adelt, dass er dem Ministerpräsidenten empfiehlt, doch auf den Montagsspaziergängen zu sprechen, auf denen Politiker per se beschimpft werden. Und den als Lügner und Manipulatoren geschmähten Journalisten rät, genauer hinzuschauen, weil Pegida im Osten etwas ganz anderes sei als Pegida im Westen. 18.000 könnten keine Rassisten sein, dafür seien es zu viele.

Gehör finden auch Schulleiter, die auf Veranstaltungen der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung mit Stolz in der Stimme erläutern, warum sie jeden Montag mitlaufen. Und die ihren Kollegen und Schülern in Gesprächen ankündigen, jetzt würden die Karten neu gemischt, eine Revolution werde dafür sorgen, dass man die Dinge endlich wieder in Ordnung bringe.

Und so wächst die Verzweiflung vieler Dresdner, die nicht fassen können, was da jede Woche in ihrer Stadt passiert; die sich fragen, ob sie allein sind mit ihrer Abscheu gegen die Parolen und die anmaßende Behauptung, hier gehe das Volk auf die Straße. Und die vieler Beobachter aus aller Welt, die sich ratlos fragen, was in Dresden eigentlich los ist – und warum es dort, anders als in Leipzig, Köln oder München, nicht gelingt, den Parolen von Pegida etwas Substanzielles entgegenzusetzen.