2. "Take their scalps!"

Ein Tri-State-Rodeo. Gigantische Scheinwerfer kämpfen gegen das Schwarz einer Nacht mitten im staubigen Nirgendwo. Links und rechts der Straße zum großen Ereignis parkt eine meilenlange Autoschlange. Wir kommen nur im Schritttempo voran. Ich bin Teil einer gemischten Gruppe, die aus der ganzen Welt im Mittleren Westen der USA zu Besuch ist. Viele von uns haben keine weiße Hautfarbe. 

Eine Autorin aus Ägypten hat sich extra für diesen Abend eine Baseball(tarn)kappe besorgt, um ihr Kopftuch zu verbergen. Die Mitarbeiter der Universität haben das Rodeo als "echte amerikanische Erfahrung" gepriesen. Wer kann da Nein sagen?

Wir folgen dem Strom der Menschenmasse. Überall Cowboyhüte und karierte Hemden. Aus den Lautsprechern schallt Countrymusik. Es werden Corndogs und Tacos und Maiskolben vertilgt, dann mit Dosenbier runtergespült. Amerikanische Ureinwohner, die ich als Kind Indianer genannt habe, verkaufen handgemachte Gürtel und Taschen. Sie sitzen auf Klappstühlen hinter ihren Verkaufsständen und schauen schläfrig drein. 

Wir suchen unsere Plätze auf der fast vollbesetzten Tribüne und kommen uns außerirdisch vor, an diesem fremden Ort, aber man scheint uns nicht wahrzunehmen. Oder man lässt sich nicht anmerken, dass man uns bemerkt hat. In der Arena verfolgen Lasso-schwingende Cowboys Kälber, fangen sie ein und umwickeln ihre Beine in immer neuen Rekordzeiten mit Seilen. Der Stadionsprecher reißt zotige Witze über Frauen. Es riecht nach Kuhmist und frittiertem Fett und der Luft trockener Sommernächte. Wir sind uns nicht sicher, was wir von dem Spektakel halten sollen.

Indianer und Buffalos © Christopher Kloeble

Dann werden zwei Büffel in die Arena gescheucht. Sie gehen wenige Schritte und drängen sich in der Mitte der Arena schüchtern zusammen. Ein halbes Dutzend amerikanischer Ureinwohner in Federtracht reitet auf gescheckten Pferden in die Arena, schreit wild wie die Indianer in Hollywoodstreifen, umkreist die Büffel und schießt Pfeile auf sie ab, die im Fell hängen blieben. Die Büffel rühren sich nicht von der Stelle. Der Stadionsprecher gerät in Aufregung: "Indians are trying to kill the buffalos!"

Erboste Buhrufe folgen. Sofort stürmen Cowboys die Arena, auf gesattelten Pferden, und schießen mit Pistolen um sich. Der Stadionsprecher: "The cavalry is coming! Eager to safe our buffalos!" Ein böser Indianer nach dem nächsten fällt vom Pferd. Das Publikum jubelt. "One more down!", kreischt der Sprecher. Die Leute in unserer Gruppe wechseln nun deutlich mehr Blicke. An dieses Detail der amerikanischen Geschichte können wir uns nicht erinnern.

Hinter uns sitzt eine blonde Frau in einem pinken Trainingsanzug. In der Highschool hätte sie Cheerleaderin sein können. Auf ihrem Schoß ein ebenso blondes Mädchen in einem ebenso pinken Trainingsanzug. Als der letzte Indianer gefallen ist, ziehen die Cowboys ihre Hüte und verbeugen sich vorm Publikum. Tosender Applaus. Die Mutter in Pink hinter uns schreit aus voller Kehle: "Take their scalps! Take their scalps!"