An vielen niedersächsischen Gymnasien bieten die Lehrer derzeit keine oder weniger Klassenfahrten an als früher. Sie reagieren damit auf einen Beschluss der rot-grünen Landesregierung, der die verpflichtende Unterrichtszeit für Gymnasiallehrer um eine Stunde erhöht. Schüler protestieren, sie wollen ihre Schulreisen wieder haben. Aber was bringen die eigentlich? Unsere Autorinnen und Autoren erinnern sich.

Nähe und Distanz

Meine Tochter hat mir gerade erklärt, dass es drei Lehrerinnentypen gibt. Typ 1 ist zu nett. Die Kinder lassen ihren Unterricht regelmäßig scheitern. Typ 2 ist völlig unnahbar. Da lernt man was, aber nur, was man unbedingt muss. Typ 3 schafft eine gute Balance zwischen Nähe und Distanz. Sie behält den Hut auf, aber zeigt auch mal, was sie begeistert. Manchmal passiert es, dass ihre Schüler zu Hause nichts anderes mehr wollen, als den Zauberlehrling zu rezitieren.

Ich würde deshalb unbedingt dafür plädieren, den niedersächsischen Lehrern ein paar Stunden zu streichen, damit sie wieder Zeit für Klassenfahrten haben. Denn auf einer Klassenfahrt lässt sich für keine der Typen vermeiden, dass Nähe ins Spiel kommt. Die Autoritätsperson schleicht im Schlafanzug über den Flur, lacht über einen albernen Witz und erzählt auch mal, wie es war, als sie selbst zur Schule ging. Dieses Menscheln kann viel Vertrauen schaffen und den Ausschlag geben, ob ein Kind zurück in der Schule sich anspornen lässt oder um Hilfe bittet. Typ 1 punktet endlich mal mit ihrer Kreativität und setzt sich leichter durch. Typ 2 kann zu Typ 3 wachsen.

Wir hatten in der Grundschule so eine Typ-2-Lehrerin der antiken Sorte, ein Fräulein Lemke. Sowohl Frisur als auch Kleidung waren grau und praktisch. Sie war gefühlt 80 Jahre alt, bestand aber auf das Fräulein. Und Fräulein Lemke war sehr streng. Keiner wäre auf die Idee gekommen, dass sie jemals übers Küssen nachgedacht hätte.

Aber auf der Klassenfahrt in der 6. Klasse taten wir nichts anderes. Wir spielten Holländisch-Einkriege oder Schaffner. Ziel beider Spiele war es, entweder einen Kuss zu bekommen oder einen zu vermeiden. Fräulein Lemke stand am Rand und runzelte ihre Stirn. Sie brüllte uns ins Haus zurück, wir spielten einfach weiter Holländisch-Einkriege. Sie ordnete ermüdende Wanderungen an, wir spielten weiter Holländisch-Einkriege. Deshalb versuchte sie es mal mit einer Typ 3-Masche: stellte Stühle im Kreis auf, in meiner Erinnerung war sogar das Licht gedimmt. Sie bat nur uns Mädchen in den Kreis und sprach anders, säuselnd und so von Frau zu Frau. Auch sie wisse ja, wie das sei mit der Liebe. Aber wir Mädchen sollten uns doch nicht verschenken. Nachher würde uns niemand mehr heiraten.

Wir liefen schnell nach draußen und ließen uns von Lutz und Michael und Andreas beim Holländisch-Einkriege fangen. Und versuchten den Gedanken zu verscheuchen, dass Fräulein Lemke mal Sex gehabt haben könnte. Zum Glück war die Grundschulzeit bald vorbei, und wir taten einfach so, als hätte Fräulein Lemke nie versucht, etwas anderes zu sein als Typ 2. Parvin Sadigh

Iron Maiden und Archäologie

In der sechsten Jahrgangsstufe unternahm ich mit meiner Klasse und zwei Lehrkräften eine Reise nach Ingolstadt. Fünf Tage lang spielten wir im Nieselregen Tischtennisrundlauf und tranken süßen Hagebuttentee. In der Fußgängerzone, in der wir unseren nachmittäglichen Freigang zubrachten, kaufte ich mir eine Iron Maiden-Kassette; ich dachte, das könne meiner Street Credibility nicht schaden. War natürlich Quatsch. Gelernte Lektion 1: Miese Distinktionsversuche sind Schrott, Roxette ist besser.

Der Höhepunkt unserer Exkursion aber war die Suche nach Archaeopteryx-Fossilien in einem Steinbruch in der Fränkischen Alb, in der bekanntlich bereits vor unserer Ankunft das eine oder andere Exemplar des Urvogels freigelegt worden war. Mehrere Stunden lang bearbeiteten wir das Gelände mit Pick- und Schürfhämmern und suchten totes Federvieh. An diesem Tag war, im Gegensatz zu Schatten, auch die Sonne zugegen. Wir fanden tatsächlich etwas im Steinbruch, eine leere Limonadendose aus einer limitierten Edition.

Die Lehrer hätten uns vorher sagen können, dass Archaeopteryxe nicht von Sechstklässlern freigelegt werden wollen, aber sie ließen uns hämmern, wussten sie doch, dass erst die Praxiserfahrung das Gelernte fest in der Fränkischen Alb des Gehirns versteinert. Die Exkursion war ein voller Erfolg: Meines Wissens ist unter meinen ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschülern heute niemand in einem Feld tätig, das wir an diesem Tag beackert haben; gelernt ist eben gelernt. Klaus Raab

Das Wir und die Polizisten

Schnitt! Vor der Hofreitschule in Wien. Nikolaus und Frank tragen Palästinenserschal um noch sehr dünne Hälse, pausenloses Kichern, Grinsen, ein nicht so recht zündendes Feuerwerk jugendlicher Ironie. Nikolaus und Frank stehen sehr dicht vor mir und fordern, ich solle meine Kamera doch auf Luisas rote Locken richten, das sei lohnenswerter als die stolzierenden Lipizzaner zu filmen. Schnitt!

Ich erinnere mich an jedes Detail: Wien, 1994, Frühjahr, Oberstufenfahrt. Wir waren ausnahmslos alle verliebt in Luisa Kronschmidt aus Eschborn bei Frankfurt, die zum 18. Geburtstag einen Golf geschenkt bekommen hatte und so bezaubernd Klavier spielen konnte. Doch unsere Freundinnen hießen anders, hießen Britta und Frauke und Doro, konnten weder Klavierspielen, noch Autofahren. Und nun liefen wir also in buntgrell bedruckten XL-Geschmacklosigkeiten durch Wien und suchten nach dem Wir-Gefühl.

Gefunden haben wir es im Alkohol, und so ist auch der einzige Grund für meine vielen Klassenfahrtserinnerungen die Video-8-Kamera, die zuverlässig und gnadenlos all das festhielt, was man lieber nicht hätte festhalten sollen. Ca. 90 Minuten Erinnerungshilfe in Camcorder-Matschoptik. Ich habe das entstandene Video erst 2004 angeschaut, 10 Jahre nach Wien, 9 Jahre nach dem Abitur. Ich hatte einen schwachen Moment und war der Meinung, während der Schulzeit musste alles besser gewesen sein. Ein Fundamentalirrtum. Die Bilder zeigten, wie sich volltrunkene Siebzehnjährige an sexistischen Witzen versuchten und nicht mal den Hauch von Interesse am Sigmund-Freud-Museum erkennen ließen.

Nächtelanges Reden und Biertrinken in Jugendherbergszimmern, bis die Langeweile Max bei Sonnenaufgang auf die Idee brachte, leere Bierflaschen aus dem 4. Stock unserer Altbauunterkunft zu werfen. Ein paar landeten auf dem Gehweg, andere auf Autodächern. Wir lachten und riefen sehr oft: geil! Wenig später stand die Polizei in unserem Zimmer, wir stellten uns schlafend und kurz darauf unwissend, lachten dann noch den halben Tag über den unserer Meinung nach dämlichen Polizisten. Dabei waren wir die Dämlichen, die Überheblichen, die Volltrunkenen, die allen Ernstes glaubten, bereits so gut wie erwachsen zu sein.

Wien, 1995, die zweite und letzte Klassenfahrt meines Lebens. Die erste war ein Ausflug nach Ulm in der 10. Klasse. Ich erinnere mich nur noch an den Blautopf in Blaubeuren. Sein Wasser war so blau wie die Augen von Luisa Kronschmidt. Benjamin Lauterbach

Klick und klick

Nichts aus der Schulzeit ist so fest in der Erinnerung verankert wie Klassenfahrten. Denn Klassenfahrt, das bedeutete, dass die Kamera dabei war. Man konnte ja nie wissen, welchen Spaß wir uns einfallen ließen.

Zum Beispiel Tretbootfahren auf dem Ammersee. Bikinis, Badehosen, Sonnenbrillen. Zurücklehnen. Ein Handy fällt ins Wasser. Wir lachen. Klick, klick. In der letzten Reihe im Reisebus werfen wir uns aufeinander. Der Lehrer in Birkenstocks kommt kaum die Treppe hoch. Wir klauen Krüge aus dem Biergarten der Andechser Klosterbrauerei. Klick, klick.

Dann hatten viele auf einmal Smartphones, und die Kamera war auch im Klassenzimmer immer präsent. Trotzdem, die Klassenfahrten fotografierten wir anders. Wenn wir uns im Klassenzimmer fotografierten, entstanden Selfies mit verschwommenem Hintergrund, aber das könnte ja überall sein.

Sieben Jahre nach dem Abi sitzen wir zusammen am massiven Holztisch einer Skihütte und schwelgen in Erinnerungen. Und woran erinnern wir uns? An das Schneegestöber bei der Ski-Ausfahrt des Sportkurses. An Westernhagen-Inszenierungen beim Gitarrenabend in der Berggaststätte. Daran, dass Annika voll den Schnee ins Gesicht bekommen hat. Klick, Klick.

Das Besondere fotografiert man anders als das Alltägliche. Johannes Neukamm

Mondschein und Waldeinsamkeit

Die Nachtwanderung! Eine der besten Errungenschaften der Romantik und stets der Höhepunkt jeder Klassenfahrt in der Unterstufe. Im flackernden Licht der Taschenlampen durch den Laubwald zu stapfen mit all den Schauergeschichten im Kopf, die eben noch am Lagerfeuer erzählt wurden. Der Lehrer hatte aus Otfried Preußlers Krabat vorgelesen, man wähnte dunkle Gefahr hinter jeder Eiche. Die Vorwitzigen versteckten sich und spielten den Schüchternen Streiche. Im Mondschein der Waldeinsamkeit lauschen. Plötzlich ein Knacken im Gehölz. Wer ist da? Gruselfantasien in Kinderköpfen, die noch keine Horrorfilme gesehen hatten. Ist sowas heute überhaupt vorstellbar? Rabea Weihser

Träume und Viren

Es fing schon auf der 15-stündigen Fahrt nach Spanien an: Es gab ein neues Pärchen in der Stufe. Sie steckten sich die Zungen in den Hals, schoben ihre Kaugummis hin und her, und ich dachte: Warum bin ich das nicht, die da auf dem Hubba Bubba von C. herumkaut?

Ich war schüchtern und verliebte mich grundsätzlich in Typen, die in Bands spielten oder schon vergeben waren, meist eine herzbrechende Kombination aus beidem. Calella, wohin unsere Abifahrt ging, ist neben Lloret de Mar ein Dorado für geschlechtsreife Schüler, die sich zwischen schriftlichem und mündlichem Abitur in einem Ordnungsvakuum befinden. Die Hölle für jede Begleitperson. In mein Tagebuch schrieb ich: "Ich will frei sein. The time is now."

Mein erster Überfall galt einem wirklich sehr kleinen Italiener, mit dem ich erst tanzte und dann knutschte. Es fühlte sich nicht gut an, aber die Cocktails wurden in Blumenvasen serviert. Es folgten an den weiteren Abenden: ein Mitglied der Jungen Union aus Bayern, ein Barkeeper, noch ein Barkeeper, ein (nicht mein) Sportlehrer aus Münster, einer von der Gothic-Fraktion und schließlich ein Katamaranskapitän.

Unsere Reise war wie dem Film The Breakfast Club entlehnt: Leute, die sich nie verstanden hatten, hockten plötzlich am Strand zusammen, teilten ihre Träume und Wünsche miteinander, einige vielleicht auch ihre HPV-Infektion. Trotz Kater, der vielen Blumenvasen wegen, trotz schalem Nachgeschmack dank gutbürgerlicher Erziehung, trotz All-inclusive-Billoflair: Es war schön. Denn wir waren jung und küssten, wen wir wollten. Anne-Sophie Balzer

Und was haben Sie auf Klassenfahrten gelernt? Schreiben Sie Ihre Erfahrungen gerne in die Kommentare!