"Grächen ist der Ort, an dem Kinder zu Prinzen und Prinzessinnen verzaubert werden", so wirbt die kleine Skistation im Walliser Mattertal um Gäste. Damit das weiterhin so bleibt, machen die Grächener vor den Europäern den Knicks. Sie bieten den Touristen einen Euro-Franken-Wechselkurs von 1,35. Dies bei einem aktuellen Kurs, der sich um die Parität bewegt. Sie verlieren also auf jeden Euro circa 35 Rappen.

Bereits seit 2011, als der Franken erstmals schnell teurer wurde, bietet die kleine Station diesen fixierten Wechselkurs. Und das, obwohl damals die Schweizerische Nationalbank (SNB) im Herbst 2011 den Kurs auf 1,20 Franken pro Euro fixierte.

Seit die SNB den Wechselkurs an diesem 15. Januar erneut freigegeben hat, befindet sich die Tourismusindustrie in der Schweiz erneut im Krisenmodus. Denn die Gästezahlen gingen schon mit dem fixierten Wechselkurs im zweistelligen Prozentbereich zurück. Trotzdem sorgen die europäischen Gäste immer noch mit Abstand für die meisten Übernachtungen.

Jetzt wurde die Schweiz auf einen Schlag nochmals um rund ein Fünftel teurer. Der ehemalige Präsident der Sozialdemokraten und heutige Hotelier Peter Bodenmann reagierte mit einem Wort auf diese Tatsache: "Kopfschuss" – das sei sein erster Gedanke gewesen. Und forderte, dass jeder Hotelier pro Gast 300 Gramm Fleisch zollfrei importieren kann.

Auch der Grächener Gemeindepräsident Christof Biner wählt drastische Worte: "Ohne Tourismus ist Grächen in seiner Existenz bedroht." Die Hälfte der Menschen im 1.300-Seelen-Dorf leben direkt vom Tourismus. Viele andere arbeiten im Rhonetal in der Exportindustrie, die ebenfalls unter dem Wechselkurs leidet. So ist die Aktion der Grächener verständlich. 70 Prozent aller Geschäfte sowie die Bergbahnen gewähren im Januar und von März bis Mitte April den Wechselkurs von 1,35 – und verzichten auf viel Geld. Während der Festtage und im Februar gilt der normale Wechselkurs.

"Verlust fast null"

Für Grächen lohnt sich das. Januar und März sind traditionell schwächere Monate im Wintertourismus. Gelingt es, dann die Anzahl der Gäste zu halten, nützt das viel, weil die Destination so die Fixkosten besser aufteilen kann. Das glaubt zumindest Berno Stoffel, Grächens oberster Touristiker: "Wenn die Zimmer eine Woche länger belegt sind, wird das den Wechselverlust aufheben", sagt er. Die Bergbahnen könnten zudem abwarten, bis der Kurs wieder besser sei, bevor sie die Euros in Schweizer Franken umtauschen. "Außerdem kaufen wir viel in Euro ein. So ist der Verlust bei den Bergbahnen fast null", sagt Stoffel.

Für die Gastronomie sieht es allerdings anders aus: Diese kann nicht im Euroraum einkaufen, weil der Lebensmittelmarkt stark abgeschottet ist und trotz hoher Subventionen für die Bauern das Fleisch in der Schweiz zum Teil doppelt so teuer ist wie in Deutschland oder Österreich.

Trotzdem konnte die innovative Walliser Skidestination in den letzten vier Jahren die meisten europäischen Gäste halten: Gerade wurde Grächen vom Portal skigebiete-test.de als beste Familiendestination der Schweiz ausgezeichnet. In den letzten fünf Jahren hat Grächen zudem über 25 Millionen Franken ins Angebot investiert. Nicht zuletzt löst der fixierte Wechselkurs einen gewaltigen PR-Effekt aus.

Andere Tourismusgebiete in der Schweiz sind weniger innovativ. Doch die akute Not macht offensichtlich erfinderisch. Der Chef des Hotels Bernerhof in Gstaad hat ein Zusatzangebot geschaffen: Im Februar führt er interessierte Touristen gratis zu den Sehenswürdigkeiten des Dorfes. Die zwei Destinationen Arosa Lenzerheide und Saas-Fee haben in aller Eile eine neue Website aufgeschaltet, auf der sie auf ihre Zusatzangebote aufmerksam machen: Vom kostenlosen Skibus, über die Gratis-Skischule für Kinder bis hin zum Bergbahndirektor, der die Ovomaltine persönlich serviert.

Das grenzüberschreitende Skigebiet Portes du Soleil hat die Preise um 15 Prozent gesenkt, um mit den Nachbarn aus Frankreich mithalten zu können.

Das tiefer liegende Problem des Tourismus

Und auch die Politik möchte zu Hilfe eilen. Ein Nationalrat schlug in der Sonntagspresse vor, die Mehrwertsteuer für den Tourismus ein Jahr lang nicht zu verlangen – das risse ein Loch von 800 Millionen Franken in die Schweizer Staatskasse. Bis März will die Schweizer Regierung eine Vorlage ins Parlament bringen, die den Diesel für Pistenfahrzeuge von der Steuer befreien will. Weiter in der Diskussion sind Subventionen für Skilager, sodass Kinder früh mit dem Nationalsport in Berührung kommen. Auch über eine Tourismusbank nach österreichischem Vorbild haben die Touristiker schon diskutiert. Diese würde den Hotels günstige Kredite für die Erneuerung verschaffen. Doch all diese Vorschläge der Politik kommen sehr spät.

Einige Tourismusleute haben das begriffen und warten nicht mehr auf die Politik. Berno Stoffel hat bereits vor vier Jahren eine Einkaufsgemeinschaft gebildet, die seither stetig wächst und direkt im Euroland einkauft. "Die Preise für Ersatzteile der Bergbahnen oder Pistenfahrzeuge sind so 15 bis 25 Prozent tiefer", sagt Stoffel. Eine ähnliche Organisation existiert seit Kurzem auch für die Gastronomie; diese kauft aber praktisch nur im Inland ein. Auch die Destination Adelboden arbeitet daran, den Einkauf aller Hotels zusammenzulegen, und schon länger bemühen sich zahlreiche Gebiete, neue Gäste aus China, Indien und Brasilien anzuziehen. Grindelwald im Berner Oberland, das seit 30 Jahren auf Gäste aus Japan setzt, verzeichnet mit dieser Strategie Rekordergebnis um Rekordergebnis.

Doch selbst wenn es gelingen sollte, neue Gäste aus Übersee anzulocken und mit striktem Kostenmanagement einige Europäer zurückzugewinnen, eine große Baustelle bleibt: Sehr viele Bewohner der Tourismusgebiete identifizieren sich nicht mehr mit dem Tourismus. Die Jungen wandern ins Unterland ab, wo sie sich an den Universitäten ausbilden lassen und dann gleich dort bleiben. Dies alles mit der Folge, dass die Mitarbeiter für die Gastronomie und die Hotellerie immer weiter weg gesucht werden müssen. Die Echtheit des Schweiz-Erlebnisses droht verloren zu gehen. Das ist das tiefer liegende Problem des Fremdenverkehrs, wie der Tourismus in der Schweiz lange genannt wurde.