Füße können so einiges. Sie können laufen, stehen, anschwellen und hochgelegt werden. Auf Reisefotos können Füße sogar sprechen. Sie sagen: Reisen ist die Zeit der guten Laune, nicht selten des Überschwangs. Reisen kann für Momente des ganzheitlichen Glücks sorgen, der Irrationalität, fern von den Beschwerlichkeiten des Alltags. Ob es diese Momente sind, die Reisende dazu verleiten, ihre Kamera oder ihr Smartphone auf die eigenen Füße zu richten: wer weiß. Fest steht, Füße sind auf dem Vormarsch. Zeit, das Fuß-Selfie zu würdigen – die Rache für Millionen von auf Amateurfotos abgeschnittenen Füßen.

Dennoch wird das Thema Füße, zumindest jenseits einiger Nischenbereiche wie Podologie oder Fußerotik, heutzutage kaum verhandelt. Gesichter, obere Körperhälften, ganze Körper, jede Nase bekommt ihren Aufmerksamkeits-Share. Selten aber ist der Fokus auf Füße gerichtet, denn sie befinden sich ganz unten, und entsprechend werden sie auch wahrgenommen.

Der privaten Reisefotografie ist es zu verdanken, dass der Fuß, Schritt für Schritt, aus seinem Schattendasein befreit wird. Sie rückt ihn heute massenhaft ins Zentrum der Beachtung. Reisende fotografieren ihre Füße in Sandalen, in Sneakers, in Wanderschuhen und besonders häufig nackt, am tropischen Strand, bei der Sommerfrische am Badesee und vor dem Taj Mahal; häufig im Stehen, etwas seltener im Sitzen. Und plötzlich ist der Fuß kein Beiwerk mehr, er ist von Bedeutung.

Sieht aus, als sei da jemand ganz bei sich. © aquila_KL / photocase.com

Zunächst einmal ist das Fuß-Selfie natürlich ein Selfie und hat mit dem Gesichts- oder Ganzkörper-Selfie einiges gemein. Jedes Selfie zeigt den Fotografierenden selbst; viele Selfies werden dereinst erlauben, die eigenen Enkel mit den immergleichen Geschichten zu langweilen. Das Selfie an sich ist jedoch nicht eindeutig ein Reisefoto, es entsteht auch in anderen Kontexten im Alltag. Es zeigt Menschen, die sich für ein Nutzerprofil fotografiert haben. Menschen im Fußballstadion, Arm in Arm mit Joachim Löw. Oder Menschen, die gerade vom Friseur kommen und diesen historischen Moment festhalten oder mit nicht anwesenden Freunden teilen möchten.

Wenn jeder Mensch eine Insel ist, dann ist der Fuß immer der Badestrand

Die Konzentration auf den Fuß macht das Selfie fast immer zum Urlaubsfoto. Sieht man ein Foto eines wunderschönen Bergsees, eines Strands oder des Taj Mahals, weiß man als Betrachter, aha, ein wunderschöner See, ein Strand oder das Taj Mahal. Sieht man einen lächelnden Menschen oder den Rücken eines Menschen vor einem See, einem Strand oder dem Taj Mahal, weiß man, aha, Urlaub. Sieht man dagegen auf einem Foto ausgestreckte nackte Füße, braucht man sich die Kulisse gar nicht mehr anzuschauen, man kann auch so auf eine Feriensituation schließen.

Das hat mehrere Gründe. Erstens: Kein Mensch, der halbwegs bei Trost ist, fotografiert seine eigenen Füße, wenn er nicht gerade in den Ferien ist. Zweitens und wichtiger: Der Fuß hat eine Bedeutungsverschiebung erfahren. Wurde er in den Zeitaltern der beschwerlichen Fortbewegung genau dann besonders massiv beansprucht, wenn eine Reise anstand, so ist er heute, da beliebige Ziele auf der Welt mit Flugzeugen, Automobilen, Eisenbahnen und Wasserschiffen erreicht werden können, ein recht entspannter Zeitgenosse. Der hochgelegte oder ausgestreckte Fuß, dessen Sohle den Horizont fixiert, ist das Symbol des einfachen, bequemen Reisens und der Entspannung. Er ist ein Jetzt-lassen-wir-es-mal-ruhig-angehen-Motiv, dessen Aussage jeder sofort versteht.

Das klassische Jetzt-lassen-wir-es-mal-ruhig-angehen Motiv © PiLens / photocase.com

Bemerkenswert daran ist, dass die Füße vieler Menschen im Alltag gar nicht betätigt werden. Füße stehen unter Schreibtischen, manchmal gehen sie Kaffee holen. Der Fuß auf dem Fuß-Selfie ist insofern eigentlich nicht als Körperteil zu verstehen, denn wen interessieren schon eingewachsene Zehennägel? Nein, der Fuß steht pars pro toto für das Befinden seines Eigentümers. Das Konzept des Fuß-Selfies zeugt – eine zeitgemäße Erdung der Science-Fiction – von der Überwindung der materiellen Dimension des Körpers: Wir strecken Füße aus, die wir nicht brauchen, weil es ja Flugzeuge gibt, um zu zeigen, dass wir nicht im Büro sind, wo wir sie auch nicht brauchen würden. Und jeder weiß sofort, dass das Entspannung am Ende der Welt bedeutet.

Füße sind das Fundament der Menschheit. Aber sie machen nicht von sich reden oder langweilen uns mit Posen. Der Fuß kann sich nicht verstellen, keine Schnute ziehen, nicht die Augen unnatürlich weit aufreißen. Der Fuß ist bescheiden und in den allermeisten Fällen sympathisch, das unterscheidet ihn von so manchem Gesicht. Das Fuß-Selfie verdient in der Kulturgeschichte einen kleinen, aber sehr hübschen Platz.