ZEIT ONLINE: Herr Piontek, Sie nennen sich Gewitterjäger. In den USA heißt das: Stormchaser. Was ist darunter zu verstehen?

Piontek: Das Stormchasing wurde in den Vereinigten Staaten erfunden, genauer gesagt: im Mittleren Westen. Die Gegend ist auch bekannt als "Tornado Alley". Dort kommt es häufig zu schweren Gewittern und zerstörerischen Tornados. Stormchaser beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Unwettern, um ihre Entstehungsweise zu verstehen und über eine enge Zusammenarbeit mit den Wetterdiensten präzise vor ihnen zu warnen. Das rettet im Extremfall Leben. Da auch in Europa die Gefahr, die von Unwettern ausgeht, immer größer wird, gibt es auch in Deutschland eine schnell wachsende Community aus Gewitterjägern und Hobbymeteorologen, die wesentlich dazu beiträgt, Warnsysteme zu verbessern.

ZEIT ONLINE: Es ist also vor allem der meteorologische Aspekt, der Sie an der Gewitterjagd reizt?

Piontek: Nicht nur. Bei all der Zerstörung, die schwere Gewitter anrichten können, fasziniert mich auch ihre Ästhetik. Ich möchte die Schönheit von Unwetterzellen mit meiner Kamera dokumentieren. Aber vor allem haben wir Gewitterjäger es uns zur Aufgabe gemacht, die Wetterdienste mit Echtzeitinformationen zu versorgen. Diese Informationen werden eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Frühwarnsystemen spielen.

ZEIT ONLINE: Ein Unwetter kennt ja keine Landesgrenzen. Sieht man als Gewitterjäger also auch eine Menge von der Welt?

Piontek: Unser Team war schon fast überall in Europa. Einige unserer Reisen haben uns nach Polen, in die Benelux-Staaten, nach Frankreich oder in die Alpen geführt. Da sich Gewitter oft durch lange Zugbahnen auszeichnen, haben wir schon Touren hinter uns, die uns an einem Tag durch mehrere Länder und tausend Kilometer weit geführt haben.

Unwetterfront bei Euskirchen am 09.06.2014 © Jonas Piontek

ZEIT ONLINE: Reisen Sie auch ganz bewusst in Gebiete, in denen Sie Stürme beobachten können?

Piontek: Unsere Ziele suchen wir uns nach zwei Kriterien aus: Zum einen müssen die atmosphärischen Bedingungen im Zielgebiet stimmen, damit dort überhaupt gute Chancen auf Gewitter bestehen. Zum anderen müssen wir sicherstellen, dass wir in einem gut zugänglichen Gebiet jagen, möglichst weit weg von großen Städten oder schwer zugänglichen Waldgebieten.