Der falsche Fidel – Seite 1

Nach langer Suche ist er auf einmal da: Fidel. In einem Fünf-Sterne-Hotel auf Kuba, im Luxusbadeort Cayo Guillermo. Er steht in einer Hütte am schönsten Strandabschnitt des Landes, in einem All-inclusive-Resort, trägt ein rotes T-Shirt und gibt Handtücher aus, die man von 9 bis 17 Uhr bekommt. Doch mit dem Máximo Líder verbindet ihn nicht mehr als der Vorname, den das Schild an seinem T-Shirt verrät.

Doch genau hier, in diesem Luxusresort, trifft man auch auf Fidels Compañero Che. Nach dem allabendlichen Buffet, bei dem es nicht nur wie bei den meisten Kubanern zu Hause moros y cristianos, also Reis mit Bohnen, sondern Delikatessen wie Hummer, Rinder-Carpaccio und frisches Obst gibt, lassen die All-inclusive-Gäste ihren Che auferstehen. Bei einem Kaffee und einer Zigarre, einer puro, huldigen sie dem kubanischen Nationalhelden. Die Pauschaltouristen, die sich eine Nacht in diesem All-inclusive-Hotel 293 US-Dollar kosten lassen, singen das Lied Hasta Siempre, Comandante, das von den Taten des Revolutionärs erzählt, während ein trauriger Alleinunterhalter im weißen Leinenanzug Gitarre dazu spielt.

El Che ist überall auf Kuba, nicht nur auf den Scheinen der einheimischen Währung, auf den zerfallenen Häusern und brüchigen Revolutionsdenkmälern, sondern auch auf den T-Shirts und Souvenirs für Touristen. Auf manch einem bauchnabelfreien T-Shirt ist Ches Konterfei sogar mit Strass-Steinen nachgebildet. El Che: Das ist das Aushängeschild der Kommunismus-Farce, einer Touristenattraktion. Im Grunde ist der Revolutionär zum Symbol eines rigiden Zwei-Klassen-Systems geworden: auf der einen Seite die regierungstreuen Funktionäre und die Touristen, auf der anderen der überwiegende Teil einer Bevölkerung, die zum Großteil sehr arm ist. Dieses scheinheilige System manifestiert sich nicht nur in den beiden gültigen Währungen des Landes: die der Kubaner auf der einen, die der Touristen, die an den US-Dollar angelehnt ist, auf der anderen Seite – Ungleichheit findet man hier in allen Lebensbereichen.

Um etwa an den schönsten Strand Kubas zu gelangen, wo der falsche Fidel die Handtücher austeilt, muss man an einem Checkpoint vorbei, den Kubaner nicht passieren dürfen, es sei denn sie arbeiten auf der Insel Cayo Guillermo, die über einen Damm mit dem Festland verbunden ist. "Das ist ein Kuba ohne Kubaner", sagt der Taxifahrer, der diese Grenze heute nur überqueren darf, weil er mit seinem alten Wagen Touristen auf die Insel bringt. Gleich hinter dem Checkpoint beginnt das Paradies: Es geht vorbei an weißen Stränden und türkisfarbenem Wasser, in dem Flamingos stehen. Ob er wenigstens einmal am schönsten Strand des Landes, am Playa Pilar, geschwommen sei. "Ja", sagt der Taxifahrer und verstummt sofort wieder.

Reparaturservice auf offener Straße © Tobias Strohmeier

Kubaner mögen solche Fragen nicht. Sie reden nicht gerne über Politik oder die Restriktionen in ihrem Land, sie haben Angst, das ist auch heute noch überall zu spüren. Schließlich gibt es in jedem Barrio noch einen Informanten der Regierung, ein Mitglied der "Komitees zur Verteidigung der Revolution". Doch José, der Taxifahrer, ist jung und nicht ganz so verschreckt wie viele ältere Kubaner, wenn es um politische Themen geht. "In Kuba kümmert man sich sehr um die Touristen, mehr als um die Kubaner", sagt er. José ist taxista, weil das in Kuba ein sehr angesehener und vor allen Dingen rentabler Beruf ist. Viele Ärzte, Ingenieure und Menschen mit anderen guten Ausbildungen fahren Taxi, weil das profitabler ist. Generell geht es den Kubanern, die ihr Geld zum Beispiel mit Taxifahren, dem Betreiben von kleinen Restaurants oder der Vermietung von Zimmern verdienen, etwas besser als dem Rest der Bevölkerung. Als Taxifahrer verdient José mit einer Fahrt von fünf Kilometern etwa 5 CUC. Das Monatsgehalt eines Kubaners beträgt dagegen durchschnittlich ca. 15 CUC, also etwa 13 Euro.

José redet gerne über Geld und über tolle Autos, viel lieber als über Politik. Er will wissen, mit welchen Autos man in Deutschland Eindruck machen kann. Dann interessiert ihn, was in Deutschland ein guter Job sei, mit welcher Arbeit man viel Geld verdienen könne? Während der Fahrt organisiert er per Handy schon die Aufträge für die nächsten Tage. Er arbeitet das Taxi ab, das er nur geliehen hat. Eines Tages soll es ihm gehören. 25 000 Dollar für einen Peugeot 309 aus dem Jahr 1990. Das Auto ist drei Jahre älter als José. 18 bis 19 Stunden am Tag fährt er über die Insel, ohne Sicherheitsgurte, immer zu schnell. So lässt sich das Geld für das klapprige Auto noch schneller verdienen. Hier sei der alte Peugeot mehr wert als ein Oldtimer, etwa ein alter Chevrolet aus den fünfziger Jahren, sagt der 22-Jährige.

"Gesundheit, Sicherheit und Bildung, aber kein technischer Fortschritt."

Der Malecón, Treffpunkt für Kubaner wie Touristen © krockenmitte /​ photocase.de

"In Kuba haben wir Gesundheit, Sicherheit und Bildung, aber keinen technischen Fortschritt", beklagt José. "Das Internet zum Beispiel: Das kostet bis zu 12 CUC pro Stunde. Und dann funktioniert es nicht mal richtig!" Ob Internetseiten gesperrt seien? "Ich weiß nicht, ich bin aus dieser Welt", antwortet er und schaut angestrengt auf die Straße. "Immerhin, auf Kuba haben wir 13 Monate Sonne", sagt er dann und lacht. Irgendwann werde die Sonne auch nachts scheinen, vermutet José. Doch auch wenn sein Gefängnis ein schönes sei, es bleibe ein Gefängnis.

Per Taxi dem echten Kuba ein Stück näher kommen: Vielleicht kann man in diesem Schutzraum ein bisschen mehr über das Land erfahren. Einige Taxifahrer haben Duftbäume mit den Stars and Stripes der Flagge der USA an ihren Rückspiegeln befestigt. Darauf angesprochen, erklärt einer von ihnen mit Überzeugung, es sei die Flagge Kanadas abgebildet, nicht die der USA. Sein Kollege, der den gleichen Baum im Innenraum seines Taxis montiert hat, ist der Meinung, Amerikaner und Kubaner hätten sich schon immer gut verstanden – nur die Regierungen eben nicht. Jetzt hoffen sie alle auf den politischen Wandel, auf eine Lockerung der Restriktionen. Zwar sind die Reisebestimmungen für Kubaner seit 2013 gelockert worden, trotzdem kann jeder, der ausreisen möchte, von den Behörden daran gehindert werden.

Verfallene Häuser und der Glanz der Vergangenheit © Tobias Strohmeier

Die Fahrt über die Insel, vorbei an Schildern mit der Aufschrift "Sozialismus oder Tod", führt in die Hauptstadt, nach La Havanna. Das Zentrum Havannas, das ist das Kuba der Kubaner. Die Häuser, die einmal Paläste waren, sind zu verfallenen Baracken verkommen, in denen Menschen auf engstem Raum hausen. Hier stehen sie an Straßenecken für Gemüse an, für Brot, für Eier oder das, was eben gerade wieder fehlt. In fast jeder Straße wird eines der vielen alten Autos repariert. Ein ausgereiftes Wasserversorgungssystem gibt es nicht. Auf den Häusern stehen Bassins, die von den Kubanern vollgepumpt werden müssen. Auf der Straße bitten Frauen um Seife, Tampons und Toilettenpapier. Betteln ist verboten, doch es geht den Menschen so schlecht, dass sie es trotzdem tun, etwaige Strafen in Kauf nehmen.

Irgendwo spielt Musik, Menschen tanzen auf der Straße, trinken Rum. Am letzten Tag des Jahres, in der Nochevieja, kann man auf dem schönsten Platz Havannas den Jahreswechsel feiern. Auf der Plaza de la Catedral sind Tische mit weißen Tischdecken aufgestellt, es gibt ein Mehrgänge-Menü und eine Band spielt. All das kostet 150 CUC. Wer das nicht für einen Abend ausgeben kann, darf den Platz in der Altstadt an Silvester nicht betreten. Da ist es wieder: das Kuba ohne Kubaner.

An Neujahr, dem Jahrestag der Revolution, ist von Feierlaune in Havanna meist wenig zu spüren. Die Stadt scheint in Katerstimmung zu sein, die schon viele Jahre anhält. Es ist ein Kater, der so sehr betäubt, dass man sich an seine Ursache, die Revolution vor 56 Jahren und die damit verbundenen Ziele, nicht mehr erinnern kann.

Silvester auf Kubas schönstem Platz verbringen? Für viele Kubaner unerschwinglich. © Tobias Strohmeier

Am Malecón, diesem poetischen Ort, an dem das Meer gegen die Stadtmauer von Havanna peitscht, an dieser Uferstraße, an der sich die Kubaner treffen und sehnsüchtig gen Horizont blicken, ist Gabriel gestrandet. Laut verkündet er, dass Fidel Castro ein Lügner sei, dass die Kubaner eine Demokratie wollen. Er sei ein politisch Unterdrückter. Er echauffiert sich so sehr, redet sich so sehr in Rage, dass er seine Flasche Rum vergisst. Sagen Betrunkene die Wahrheit? Gabriel jedenfalls zieht weiter am Malecón entlang, um das zu sagen, was sich sonst niemand traut.

Es ist das Kuba, das manche Touristen nie kennenlernen werden. Sie sehen von der Insel nur das, was sie sehen sollen. Sie wagen sich nicht aus ihrem All-inclusive-Resort heraus. Der einzige Kubaner, den sie treffen, ist der, der ihnen die Handtücher für den Traumstrand austeilt. Aber der heißt immerhin Fidel.