Schweine und Ratten in Anzügen krallen sich Säcke voller Geldscheine. Millionen und Milliarden Pesos. Frech recken die Viecher den Passanten ihre Fratzen entgegen. Die schauen, schweigen und gehen weiter. Dieses Bild ziert einen ausgedienten amerikanischen Schulbus, der neuerdings mit 60 Stundenkilometern und 30 Insassen durch Monterrey heizt. Darunter steht in blutverlaufener Schrift: Corruptour.

Es ist Sonntag, die Sonne brennt vom stahlblauen Himmel. Im Herzen der Stadt bummeln die Menschen zwischen Eisständen, Museen und Geschäften. Mitten im Getümmel steht der blaue Schulbus und wartet auf Gäste. Um Punkt 15.30 Uhr sind alle Plätze belegt. Mit einem Ächzen setzt sich das museumsreife Gefährt in Bewegung.

"Willkommen zur Corruptour!", schallt eine Stimme blechern aus Deckenlautsprechern. Vor dem Regierungspalast drosselt der Fahrer die Geschwindigkeit, der Bus schaukelt über das Kopfsteinpflaster. Sofort fischen die Passagiere ihre Smartphones aus ihren Taschen und knipsen das rote Granitgebäude, von dem aus der Gouverneur Rodrigo Medina den Bundesstaat Nuevo León regiert. "Während ihr die Fahrt genießt, verpulvert unser Gouverneur zwei Millionen Pesos (118.000 Euro) für sein Image." Die Besucher lassen die Arme sinken, die Handys verschwinden wieder in den Taschen, und der Motor jault auf.

Corruptour ist unkonventionelles Sightseeing. "Chicago hat eine Architekturtour, Edinburgh eine Gruseltour und Monterrey die Corruptour", sagt Miguel Treviño. Er hat die Corruptour ins Leben gerufen und begleitet die Besuchergruppen an diesem Wochenende. In seiner Freizeit setzt er sich gemeinsam mit dem Verein Via Ciudadana für mehr Bürgerbeteiligung und Transparenz in der Politik ein. Unter der Woche leitet der 43-Jährige mit der ruhigen Stimme und den sanften braunen Augen eine politische Beratungsfirma.

Erfolgstour: Die Fahrten sind fast immer ausgebucht. © Lisa Hagen

Während der einstündigen Tour werden die Passagiere zu den elf größten Korruptionswahrzeichen der Stadt gekarrt. Die Mexikaner sollen die Probleme und Gefahren der Korruption mit eigenen Augen sehen. Mexiko zählt zu den korruptesten Ländern der Welt. Im Korruptionswahrnehmungsindex der Organisation Transparency International landete das lateinamerikanische Land im vergangenen Jahr mit Platz 103 von 177 noch hinter China und nur knapp vor Russland. Für die Mexikaner keine große Überraschung: 84 Prozent der Einwohner sind von der Bestechlichkeit ihrer Politiker überzeugt. Das belegen Studien des mexikanischen Statistikamts. 

Der Bus schnauft schwerfällig und hält kurz darauf an einer roten Ampel. Fußgänger bleiben stehen und starren ungläubig auf das Konterfei ihrer Bürgermeisterin, aus deren Mund eine Sprechblase wächst: "Mein Haus hat sieben Millionen gekostet", ungefähr 43 Jahresgehälter eines mexikanischen Akademikers.

"Ihr müsst die Korruption nicht mit der Lupe im Dunklen suchen. Sie ist mitten unter uns!", ereifert sich Miguel Treviño vor dem Rathaus. "Korruption, das sind zum Beispiel die Bürgermeisterin Margarita Arellanes und der Entwicklungsminister von Nuevo León Federico Vargas, die armen Kindern Rucksäcke schenken, um für sich zu werben, und Promotionsveranstaltungen mit Mitteln finanzieren, die eigentlich in Hilfsprogramme für Menschen in Not hätten fließen sollen." Keiner der Tourteilnehmer sagt ein Wort.