Ungekürzt erschienen im Skandinavien-Magazin "NORR", Winter 2014

"Das ist so heftig im Wald. Viel besser als in Gamla Stan", ruft Moa, als wir von der Landstraße abbiegen und das Schild mit der Aufschrift "Skottvångs Gruva" passieren. Die Stimmung im Auto hat sich in den letzten Minuten deutlich aufgehellt. Der Schneematsch, den die Scheibenwischer lange Zeit seufzend von links nach rechts schieben mussten, ist aus dem Sichtfeld verschwunden. Stattdessen liegt diesiger Nebel über Straße und Bäumen. Bald tauchen die Gebäude des alten Grubengeländes auf. Auf der Wiese vor dem Förderturm stehen Kanonen und Metallskulpturen.

Das Wirtshaus im alten Maschinenhaus schlummert vor sich hin. An der Holzfällerhütte, in der wir die Nacht verbringen wollen, werden wir schon nervös erwartet. "Jetzt aber mal los", ruft Karin, unsere Fotografin, "gleich wird es dunkel." Es ist 11 Uhr.

Zeiten wie diese, in denen es schon dunkel wird, obwohl es noch gar nicht hell war, und in denen sich die Natur nicht entscheiden kann zwischen Herbst und Winter, Schnee und Regen, Grau und Braun, machen es uns nicht gerade leicht, sie zu lieben. Man kann diese Zeiten ignorieren, beispielsweise auf dem Sofa, oder man kann versuchen, sie effektiv zu nutzen. Ida und ich hatten uns für das Wochenende Farbe und Kinderbetreuung organisiert: Wir wollten endlich den Flur streichen. In Türkis.

Erschienen im Skandinavien-Magazin NORR, Winter 2014

Doch dann kam die Mail von Gabriel. Ob wir Lust auf "Wandern, Wirtshaus und Rock'n'Roll" hätten, ganz spontan. In Åkers Bergslag, rund eine Autostunde südwestlich von Stockholm, warte ein Wirtshaus in einer stillgelegen Zeche auf uns, mit legendärem Weihnachtsbuffet und hochklassigen Livekonzerten. Man könnte einen Teilabschnitt des Sörmlandsleden wandern, durch Wälder und an schmalen Seen entlang, danach in der Sauna schwitzen und Glögg trinken, lecker essen und trinken und gute Musik hören. Natürlich haben wir Zeit: Der Flur kann warten!

Auch Moa, eine befreundete Mutter aus der Dagis (Kita) unserer Kinder hat ihre Pläne verschoben, um dabei zu sein. Eigentlich wollte sie an ihrem kinderfreien Wochenende Weihnachtsgeschenke in Gamla Stan kaufen. Nun schleppt sie ihre Sachen vom Auto in die Baracke und schmeißt ihren Schlafsack auf die Pritsche. Es ist düster und kalt. Die Sitzecke mit rustikalem Tisch und die einfachen Etagenbetten sind das einzige Mobiliar der schlichten Waldarbeiterstube. Ida holt Holzscheite von draußen und füttert damit den kleinen Ofen. Als kurz darauf die Flammen lodern und sich unsere Klamotten im Raum verteilen, wirkt alles schon viel wärmer und wohnlicher.

Heizen wie vor 100 Jahren © Karin Alfredsson

Wir machen uns auf den Weg Richtung Sörmlandsleden. Inzwischen ist auch das alte Maschinenhaus aus dem Schlaf erwacht, das Skottvångs Gruva. Dumpf dröhnen uns von dort Bässe und Schlagzeug-Beats entgegen. Soundcheck für den Abend. Mit Orten wie Skottvångs Gruva, denke ich, ist es im Grunde genau wie mit unserer Hütte: Sie brauchen Menschen, die sie mit Leben füllen und das Feuer in Gang halten. Dafür gibt es den Grubenverein, der mit Führungen und historischen Nachbauten zeigt, wie in Skottvång über 400 Jahre die Eisenerzförderung den Alltag bestimmte. Und es gibt Maria Bysted und Janne Holmberg, die Inhaber.

2006 ließen die beiden ihr Stockholmer Leben hinter sich und übernahmen das Wirtshaus auf dem historischen Areal. Maria ist in der Nähe aufgewachsen, und der Gedanke, hier eine lebendige Kulturszene aufzubauen, ließ sie nicht los. Janne hatte durch seine Arbeit beim Kulturhuset in Stockholm beste Kontakte zur Musik- und Theaterszene – das wichtigste Kapital, damals wie heute. "Wir suchen die Künstler aus, die zu uns passen. Und wir bekommen sie auch hierhin", sagt Janne. Stefan Sundström hat hier schon gespielt, genau wie das Nationaltheater. Heute stehen die Ballroom Band und der international erfolgreiche Singer-Songwriter Christian Kjellvander auf dem Programm.

Außen Maschinenhaus, innen Kultur © Karin Alfredsson