Farbenfroher Winter © Karin Alfredsson

Doch wir wollen erst einmal wandern und folgen rot-blauen Markierungen hinein in den Wald. Der Sörmlandsleden, Schwedens größtes Wanderwegsystem, macht hier an seiner 15. Etappe eine neun Kilometer Extraschleife, genannt Stenhoggarmon. Je weiter wir wandern, desto mehr wird der Kultur- zum Naturpfad. Anfangs begleiten uns Kunstinstallationen am Wegesrand. Ein Schild fragt: "Hast du die Kaffeemaschine ausgemacht?" Wir passieren Birkenwälder, die sich übergangslos in die weiß gesprenkelte Landschaft einfügen. Jeder unserer Schritte hinterlässt stempelartige Abdrücke im dünnen Schneematsch.

Ein Informationsschild markiert die Grenze zum Naturreservat Marviken. Hier verlässt man den zum Grubenareal gehörenden Wald und betritt einen Urwald aus hochgewachsenen Nadelbäumen, der sich bis ans Ufer des mittleren Marviken-Sees erstreckt. Schlangenartig windet sich der braune Weg durch den dichten Moosteppich, der in sanften Wellen Waldboden und Wurzeln, Felsen und umgekippte Bäume überzieht. "So grün kann der Winter sein", denkt Moa laut, als wir eine kurze Pause machen. "Besser als in Gamla Stan?", frage ich. "Absolut!"

Funktionskleidungspflicht im schwedischen Winter © Karin Alfredsson

Kurze Zeit später stehen wir am Rande eines Sees und schauen auf die dünne Eisschicht, die ihn überzieht. "Eigentlich wollte ich ja vor allem Kanu, Wirtshaus, Rock’n’Roll’ machen", verrät Gabriel. Aber angesichts der Wasserverhältnisse sei er nun doch ganz froh, dass wir wandern und nicht paddeln gegangen sind. Im Frühjahr und Sommer ist das Kanu in dieser Gegend allerdings eine großartige Alternative. Von Åkers Styckebruk, rund fünf Kilometer nördlich von hier, gelangt man über die Seesysteme Marviken, Klämmingen und Sillen bis nach Vagnhärad. Wie ein Riss ziehen sich die Gewässer, die in der Vergangenheit als Verbindung zwischen Meer und Mälaren dienten, durch die Landschaft.

Als wir die befestigte Straße erreichen, ist es fast dunkel. Die letzten drei Kilometer zurück nach Skottvångs Gruva sind der vielleicht aufregendste Teil des Ausflugs – der Fahrstil der jungen Landbevölkerung am Samstagabend ist berüchtigt. Alle sind froh, als wir kurz darauf sicher unsere Hütte erreichen. Moa legt Feuerholz nach. Kerzen werden angezündet. In Skiunterwäsche rutschen wir in die Sitzecke, um auf den Tag anzustoßen – und auf die Nacht, die kommt. 

Kerzenlicht und Ofenwärme © Karin Alfredsson

Das Maschinenhaus läuft inzwischen auf Hochtouren. Die Tische sind gedeckt. Das Weihnachtsbuffet sieht fantastisch aus. Und auf der Bühne warten die Instrumente auf ihren Einsatz. Der Saal ist warm und voller Farbe. "Sieben Jahre machen wir das nun schon", sagt Janne und wirkt selbst ein wenig überrascht von der Zahl. An Abenden wie diesem ist im Wirtshaus in der Regel jeder Tisch ausgebucht. Entsprechend viel gibt es zu tun. Und doch ist man bei aller Betriebsamkeit relativ entspannt. "Wir arbeiten schon lange zusammen und sind wie eine große Familie. Hier ist es wichtig, dass jeder jedem hilft. Man muss alles sein."

Kein Wunder, dass die Grube Menschen mit vielen Talenten anzieht. Henrik zum Beispiel, der gerade ein Tablett mit Heringsgläsern in Richtung Buffet balanciert: "Unser Koch, Glasbläser, Feuerschlucker und Bassist." Ein weiteres Multitalent treffen wir wenig später in der Glasbläserei. Ulf, Marias Vater, gilt als Mann für alle Fälle. Jetzt sitzt er zwischen Glaskunst und Blaswerkzeugen und versorgt die ankommenden Gäste mit Glögg. Zur Identität des Ortes gehöre es, so Janne, dass man der sein kann, der man ist. Als wir Ulf nach dem Geheimrezept für seinen Glögg fragen, meint er: "Ordentlich Alkohol. Ansonsten keine Experimente."

Wenig später sind alle Gäste ins Wirtshaus weitergezogen. Der Saal ist voller Leben. Stimmen füllen den Raum. Teller wandern vom Buffet an ihre Plätze. Wir sitzen mitten im Treiben, frisch geduscht und noch ein bisschen matt von der frischen Luft und dem Kurzbesuch in der Sauna. Der enge Abstand zwischen den Tischen schafft Nähe unter den Gästen. Man ist gemeinsam hier. Als ich mich in der Schlange zwischen Hering, Köttbullar und Käsekuchen erkundige, was die Leute denn gerade an diesen Ort treibt – vom Essen mal abgesehen –, nennen viele die familiäre Atmosphäre als Grund.

Die Ballroom Band, die anschließend die Bühne betritt, um das Publikum mit einer Mischung aus Folk, Country und Rock’n’Roll in Fahrt zu bringen, hat ebenfalls eine besondere Verbindung zur Grube: "Hier hat vor vier Jahren alles angefangen", erzählt Sänger Martin. Auf einem Efterfest (dt. Party danach) traf er auf den Liedermacher Pelle. "Nach fünf Liedern und ein paar Bieren stand fest, dass wir eine Band gründen." Seitdem ist das Wirtshaus die Heimarena der Ballroom Band, zu der sie immer wieder zurückkehrt. Entsprechend viele Fans sitzen im Publikum. Robert zum Beispiel, der nur für den Konzertabend aus Värmland angereist ist. 420 Kilometer.

Heute unterstützt die Band außerdem den Singer-Songwriter Christian Kjellvander. "Wir wussten, dass Christian eingeladen war, und als wir das letzte Mal zusammen gespielt haben, passierte etwas Magisches auf der Bühne", sagt Martin. Dieses Gefühl wiederholt sich auch heute. Das Maschinenhaus vibriert. Es sind diese leidenschaftlichen Momente, für die Maria, Janne und ihre Mitarbeiter leben, hier draußen in Skottvångs Gruva.

Multitalente und weit gereiste Gäste © Karin Alfredsson

Als die Musik verstummt ist und der Saal sich geleert hat, sammelt sich der harte Kern der "Skottvång-Familie" um den Kamin: Die Musiker, die Gastgeber, die härtesten Fans, ein paar Einheimische und wir, die es nicht weit zu unserer Unterkunft haben. Wir kennen uns kaum, haben uns aber viel zu erzählen. Als ich das helle, warme Gasthaus schließlich verlasse, wirkt die Dunkelheit draußen schwärzer als sonst. Vorsichtig tastet sich das Licht der Stirnlampe den Weg hinauf zur Stube. Ich blicke zurück auf den Tag, der in der nebeligen Landschaft begann und in einem rauschenden Kulturerlebnis endete. Als wären zwei Regisseure am Werk gewesen – ein Naturliebhaber und ein Genussmensch.

Besser als ein Samstag zu Hause, faulenzend auf dem Sofa. Besser als der Weihnachtstrubel in Gamla Stan. Und allemal besser als ein frisch gestrichener Flur in Türkis. 

Erschienen im Skandinavien-Magazin NORR, Winter 2014.