Neujahr, das klingt nach Januar, Ausnüchterung, gut gemeinten Vorsätzen und andächtigen Spaziergängen. Nicht so auf der indonesischen Insel Bali. Hier begrüßt man das neue Jahr mit dem Tag des Schweigens und einer Übung in Selbstreflexion. Es ist, ganz wörtlich genommen, eine Hausaufgabe für alle: Ganz gleich, ob Tourist, Christ, Muslim oder Atheist – niemand darf an Neujahr auf Bali sein Haus oder Hotel verlassen.

Der balinesische Neujahrstag Nyepi lag in diesem Jahr am 21. März. Er richtet sich nach dem Mondkalender und ist das höchste Fest auf der hinduistisch geprägten Insel. Wer die Ausgangssperre an diesem Tag nicht respektiert und auf der Straße von den im traditionellen Sarong gekleideten Religionspolizisten erwischt wird, dem droht eine Geld- oder Gefängnisstrafe. Die Religionspolizisten, Pecalang genannt, sind von ihrer Dorfgemeinde gewählt und nicht Teil der staatlichen Polizei. Bei kulturellen und religiösen Großereignissen sorgen sie für Ordnung. Die meisten Touristen ziehen sich an Nyepi in ihre Hotelanlagen zurück, nicht selten mit Speisevorräten auf den Zimmern. Auch Kochen ist an diesem Tag nicht erlaubt.

Was aber, wenn man der Neugier nicht widerstehen kann und einen Blick auf diese sonderbare Ruhe werfen will? Die Luft ist klar, bemerkenswert rein. Kein einziges Auto oder Mofa ist unterwegs auf der sonst so hektischen Insel. Ausnahmeregelungen gibt es nur für Ambulanzen und Krankenwagen. An Neujahr ist selbst der internationale Flughafen in Denpasar, die Hauptdevisenquelle der beliebten Touristeninsel, geschlossen. Alles außer Betrieb: die Geldautomaten abgestellt, auch Radio- und Fernsehstationen senden kein Programm. Nyepi beginnt um 6 Uhr morgens und dauert bis 6 Uhr morgens des folgenden Tages. Feuer, Licht und sogar Vergnügungen innerhalb der eigenen vier Wände sind während dieser 24 Stunden verboten. Die Frage ist nur, mit welchen Mitteln die Religionspolizei das kontrollieren will.

Draußen schnattern Gänse in den Reisfeldern. Grillen zirpen, Vögel singen, lauthals krähen die Hähne. Heute bestimmen Tiere die balinesische Geräuschkulisse. Alles andere ist verstummt. Die sonst so belebten kleinen Straßen sind wie ausgestorben, kein Laut dringt aus den Nachbarhäusern. Kein Lachen, kein Räuspern, kein Niesen. Es ist gespenstisch. Geschäfte und Restaurants liegen hinter schweren Außenrollos – kein Laut oder Lichtstrahl soll nach außen dringen. Die Nachbarschaft wirkt wie vor einer Katastrophenwarnung, und das ist beabsichtigt: Wandernde Dämonen sollen annehmen, die Insel sei verlassen. Die Stille und Ödnis, so besagt es der balinesische Volksglaube, bewegen sie zum Weiterziehen. 

Schräge Fratzen, garstige Riesen

Götter, Geister und Dämonen sind auf Bali allgegenwärtig. Opfer gehören zu den wichtigsten täglichen Aufgaben der Inselbewohner. Sie sollen die überirdischen Kreaturen besänftigen und das Gute und Böse stets im Gleichgewicht halten. Kunstvolle Blütengaben werden deshalb jeden Tag rund um die Häuser herum aufgestellt. Animistische Traditionen auf Bali besagen auch, dass Berge, Bäume, das Meer und sogar Kleidung von Geistern bewohnt sein können.

Die Geister des Neujahrsfests heißen Ogoh-Ogoh. Als überdimensionale Puppen werden sie nachgebaut. Jede noch so kleine Gemeinde investiert viel Zeit und Geld in die Gestaltung der Ogoh-Ogohs. Schräge Fratzen, garstige Riesen – die selbstgebastelten Ungeheuer stehen für das Übel der Welt und das Leiden der Menschheit. Mit ihnen thematisieren die Balinesen individuelle, gesellschaftliche und globale Probleme. Es ist ein relativ neues Element der Nyepi-Zeremonien. Erst in den achtziger Jahren wurden die Ogoh-Ogohs Teil des Neujahrsfests. Damals stand Indonesien noch unter der Suharto-Diktatur, und die Figuren wurden von den Behörden besonders akribisch begutachtet: Sie durften vor allem keine versteckten politischen Aussagen oder Kritik symbolisieren.

Am Tag vor der Stille werden die Ogoh-Ogohs lautstark in karnevalsähnlichen Umzügen präsentiert: Überall auf Bali finden Exorzismus-Zeremonien statt. In diesem Jahr zählen zu den Dämonen, die gebannt werden sollen, die narzisstische Selfie-Manie ebenso wie das weit verbreitete Denguefieber, der Drogenmissbrauch unter balinesischen Jugendlichen und der Klimawandel, aber auch die vielen Pädophilen aus westlichen Ländern, die Bali heimsuchen. Genug böse Geister also, die fortgejagt werden müssen. Unter großem Lärm verbrennen die Einwohner ihre Dämonenfiguren einige Stunden vor Neujahr, um alle bösen Geister auszulöschen. Allerdings nehmen es die Balinesen damit mittlerweile nicht mehr so genau: Zu zeitaufwendig und kostspielig in der Herstellung sind die riesigen Statuen aus Styropor, als dass man sie dem Scheiterhaufen überlassen möchte.

Auf Bali bekennen sich mehr als 90 Prozent der Bevölkerung zum Hinduismus. Für gläubige Balinesen ist Nyepi nicht nur ein Tag der Zurückgezogenheit, sondern auch der Konzentration und Selbstreflexion. Sie meditieren, fasten und verbringen den Tag mit dem Lesen heiliger Schriften. Die Stille nach dem Ogoh-Ogoh-Spektakel ist vor allem ein Neuanfang spiritueller Reinheit. Durch vollkommene Stille und symbolische Selbstkontrolle soll der Mensch in seinen Urzustand zurückversetzt werden. Für Gäste, die sich auf das Zeremoniell einlassen, vergeht der Tag doch schneller als erwartet. Nyepi ist ein wunderbares Heilmittel gegen selbst auferlegte Umtriebigkeit. 

Am Ende, wenn die Nacht plötzlich hereinbricht, liegt die Insel nicht nur in tiefer Stille, sondern auch umfassender Dunkelheit. Kein elektrisches Licht stört das Schwarz. Die vertriebenen Dämonen müssen sich zwangsläufig da draußen verirren. In dieser ungebrochenen Finsternis strahlt der Sternenhimmel wie von allen bösen Geistern verlassen.