ZEIT ONLINE: Die Europäische Union will ein Konzept entwickeln, wie man der russischen Propaganda etwas entgegensetzen kann. Klingt das nach einem Job für Sie als Intendant der Deutschen Welle?

Peter Limbourg: Wir sehen natürlich auch, dass es seitens der russischen Medien starke Verzerrungen gibt. Aber jenseits aller Fragen, die sich die EU stellt, sehen wir unsere Aufgabe darin, ausgewogenen Journalismus zu präsentieren, auch auf Russisch. Und wir sind glücklicherweise vom Bundestag in unserem Kurs bestärkt worden, wegen der anhaltenden Krise im Osten Europas dort unser Angebot auszubauen.

ZEIT ONLINE: Sie haben aber auch gesagt, man müsse "Putins Propaganda Paroli" bieten.

Limbourg: Der muss man Paroli bieten, ja, allerdings durch Aufklärung. Durch ausgewogenen Journalismus, der beide Seiten zu Wort kommen lässt. Wir sehen uns nicht in der Rolle, Gegenpropaganda zu machen. Wir machen Journalismus auf einem demokratischen Wertefundament. Wir sind gern bereit, mit der EU zu sprechen, die unsere Experten auch eingeladen hat, an Gesprächen teilzunehmen. Aber ich sehe uns nicht als Teil einer Gegenoffensive.

ZEIT ONLINE: In Russland ist von einem Informationskrieg die Rede. Der russische Auslandssender Russia Today wird darin, um im Bild zu bleiben, auch als Waffe eingesetzt. Wenn man von der Ferne schaut, kann der Sender als Pendant der Deutschen Welle durchgehen.

Limbourg: Aber nur aus ganz weiter Ferne. Natürlich sind wir ein Auslandssender, aber wir sind demokratisch verfasst. Der Unterschied zu russischen Auslandsmedien ist, dass wir die Meinungen der Opposition, aller im Parlament vertretenen Parteien abbilden. Wir versuchen, möglichst objektiven Journalismus zu bieten. Das ist bei einseitigen Regierungssendern nicht der Fall, die darauf abzielen, die Außenpolitik ihres Landes im sonnigen Licht erscheinen zu lassen.

ZEIT ONLINE: Reicht vernünftiger Journalismus, um "Putins Propaganda Paroli" zu bieten?

Limbourg: Wir müssen nicht anfangen, uns zu überlegen, wie man russische Propaganda dekonstruiert oder Gegenpropaganda macht. Wir müssen für Aufklärung sorgen. Und wir müssen schauen, dass wir viele Menschen erreichen. Wir haben im vergangenen Jahr unser russisches Angebot sehr viel präsenter gemacht, unsere russische Redaktion wurde aufgestockt und arbeitet sieben Tage die Woche 24 Stunden. Auch die ukrainische Redaktion wurde verstärkt und berichtet nun fast rund um die Uhr. Aber wir können natürlich noch mehr machen, und wir sind auch gern bereit dazu.

ZEIT ONLINE: Damit erreicht man Bürger, die ohnehin kritisch sind. Was ist mit den anderen?

Limbourg: Wir werden auf absehbare Zeit kein Massenpublikum in Russland erreichen. Das liegt daran, dass Auslandssender klassischerweise nicht vom Massenpublikum gesucht werden. Aber auch daran, dass es in Russland momentan eine Stimmung gibt, mit abweichenden Meinungen nicht zimperlich umzugehen. Was man tun kann, ist, die Zahl der Angebote zu erhöhen. Derzeit machen wir einmal werktäglich eine Sendung fürs Internet und das lineare Fernsehen. Die wird über einen Partnersender in Russland ausgestrahlt und von Sendern in mehreren Nachbarstaaten über die Grenzen hinweg auch nach Russland hinein. Natürlich können wir diese Sendung aber auch zweimal täglich und samstags machen. Auch was die Reichweite angeht, gibt es noch Möglichkeiten, sie über Marketing, über Partner zu steigern.

ZEIT ONLINE: Die Deutsche Welle hat zwar eine öffentlich-rechtliche Struktur, wird aber aus dem Bundeshaushalt finanziert. Das ist ein wunder Punkt für die Glaubwürdigkeit der Deutschen Welle. Stichwort Staatssender.

Limbourg: Leute, die vereinfachen wollen, wird man nicht daran hindern. Aber, wie gesagt, wir sind ein Sender, der Regierung und Opposition zu Wort kommen lässt. Und wir sind auch kein Transportmittel für Verschwörungstheorien. Jenseits der ganzen Aufgeregtheiten möchten wir machen, was wir seit 60 Jahren machen: einen staatsunabhängigen Journalismus. Klar werden wir finanziert vom Bundestag, aber wir sind öffentlich-rechtlich verfasst mit Rundfunkrat und Verwaltungsrat und genießen völlige inhaltliche Unabhängigkeit.

ZEIT ONLINE: Es geht aber nicht nur um die Frage, was ist, sondern auch um die Frage, wer das glaubt. Auch in Deutschland gibt es Menschen, die an die Existenz einer von der Politik gesteuerten "Lügenpresse" glauben. Wie kommt man aus dieser Glaubwürdigkeitsfalle heraus?

Limbourg: Dass die Kritik an journalistischen Angeboten stärker wird, das erleben wir weltweit. Wir kommen aus dieser Glaubwürdigkeitskrise nur heraus, wenn wir einen Journalismus machen, der nicht auf Effekthascherei setzt und der viele Meinungen abbildet. Was den Westen und sein System stark gemacht hat, ist, diese Freiheit zuzulassen. Davon dürfen wir uns durch den jetzigen Konflikt nicht abhalten lassen.

ZEIT ONLINE: Was passiert, wenn dem russischen Angebot der Deutschen Welle der erste grobe Fehler unterläuft?

Limbourg: Fehler passieren überall. Sollte uns das passieren, müssen wir den Fehler souverän eingestehen und korrigieren. Der Unterschied ist nur, dass jeder handwerkliche Fehler, wie sie im Journalismus in den vergangenen 300 Jahren immer und überall passiert sind, derzeit zu einer Verschwörungstheorie aufgebauscht wird. Die russische Propaganda zählt ja nicht nur darauf, etwas aus den eigenen Reihen zu beschönigen, sondern auch darauf, die Angebote des Westens grundsätzlich zu diskreditieren. Aber Glaubwürdigkeitskrise hin oder her – wir haben eine hohe Reputation im Ausland. Wenn man uns stärkt, bekommt man keine Gegenpropaganda, sondern Journalismus, der den Dingen auf den Grund geht und der alle Seiten zeigt.

ZEIT ONLINE: Es gibt auch andere Perspektiven auf das, was allgemein russische Propaganda genannt wird. Ein Kommunikationswissenschaftler hat die Frage aufgeworfen, ob es sich wirklich immer um gezielt gesteuerte Desinformation handelt – oder vielleicht auch um eine aus der politischen Überzeugung abgeleitete Deutung. Machen wir es uns zu einfach?

Limbourg: Ich glaube, dass es da eine Grauzone gibt. Dass Russia Today handwerklich gut und mit vielen Mitteln ausgestattet berichtet, hat man zuletzt in der Berichterstattung über den Flugzeugabsturz in Frankreich gesehen. Nicht alles ist Propaganda, aber alles hat einen klaren Sinn: die Weltmeinung im Sinn der russischen Überzeugung zu beeinflussen.

ZEIT ONLINE: Wie ist es technisch möglich, russisch sprechende Menschen zu erreichen, innerhalb und außerhalb Russlands? In Russland ist es nicht leicht, einen Sendeplatz zu bekommen.

Limbourg: Das ist eine der großen Schwierigkeiten: Wie kann man nach Russland reinstrahlen und damit viele Menschen erreichen? Früher gab es die Kurzwelle, damit konnte man von Sibirien bis an die Westgrenze alles erreichen. Die hört aber heute kaum mehr jemand, sodass man aufs Internet und mobile Angebote angewiesen ist, die aber auch nicht alle Russen erreichen. Übers Fernsehen hat man auch Schwierigkeiten, weil man nicht einfach über Satelliten reinstrahlen kann, die dann auch jede Schüssel auf dem Balkon erreichen.

ZEIT ONLINE: Sind die Zugänge beziehungsweise die Verhandlungen darüber im Laufe des aktuellen Konflikts schwieriger geworden?

Limbourg: Wir sind auf einem guten Weg. Wobei wir wahrscheinlich keine Lizenz bekommen würden, einen russischen TV-Kanal zu etablieren. Wir senden jetzt in Russland über Partner einzelne Sendungen, und wir haben auch jetzt schon unser deutsches und englisches Fernsehprogramm im Angebot. Man kann einzelne Module liefern, aber ein eigener russischer Kanal würde uns im Moment überfordern.

ZEIT ONLINE: Auf EU-Ebene wurde genau das bereits diskutiert: die Einrichtung eines paneuropäischen russischsprachigen Senders.

Limbourg: Ja. Das ist aber schwierig. Zum einen ist die Frage, wie man ihn verbreitet, zum anderen, weil man dann 28 Programmdirektoren hätte. Ich sehe im Moment nicht, dass das kommt. Die EU kann aber die bestehenden Angebote stärken. Ich bin aber nicht der Beauftragte für die Gegenstrategie zur russischen Propaganda, sondern der Intendant der Deutschen Welle.

ZEIT ONLINE: Die Deutsche Welle ist eines dieser bestehenden Angebote. Sie haben seit Ihrem Antritt als Intendant 2013 oft kritisiert, dass sie "radikal runtergespart" wurde. Ist der Wunsch der EU, der russischen Medienstrategie etwas entgegenzusetzen, ein Glücksfall für Sie, weil die Politik nun die Bedeutung der Deutschen Welle erkennt?

Limbourg: Ich würde es nicht als Glücksfall bezeichnen. Aber es ist in der Tat so, dass die Wertschätzung für Auslandssender gewachsen ist. Das ist nicht nur dieser Krise geschuldet, aber hat mit ihr zu tun. Natürlich hat uns die aktuelle Lage geholfen, Menschen davon zu überzeugen, dass es sinnvoll ist, was wir hier tun.

ZEIT ONLINE: Von 2016 an bekommt die Deutsche Welle wohl etwa zwölf Millionen Euro mehr pro Jahr. Welche Rolle spielte dafür Ihre Ankündigung, das englischsprachige Angebot auszubauen?

Limbourg: Nicht nur wegen dieser Krise, sondern auch wegen der anhaltenden Unruhe in der arabischen Welt hat man gesehen, dass es sinnvoll ist, dort stärker präsent zu sein. Politisch gesprochen: mit Soft Power. Dazu würden wir uns auch zählen. Wir wollen mit unseren Angeboten für Toleranz, Verständnis, Menschenrechte werben.

ZEIT ONLINE: Ist dann der Ausbau des englischsprachigen Angebots der richtige Weg? Müsste man dann nicht gerade die kleineren Sprachen stärken, die aber in einem Land von allen verstanden werden? In diesem Bereich gab es ja Kürzungen.

Limbourg: Nein, nein, wir haben unser Angebot neu justiert, aber nicht radikal gekürzt. Es gibt keine Sprache, von der man sagen könnte: Ach, die braucht man nicht. Ich bin von einer Doppelstrategie überzeugt: Mit der Lingua franca Englisch kann man Entscheidungsträger überzeugen, andererseits muss man die regionalen Angebote stärken. Wir wollen unsere Sprachenvielfalt nicht beenden, sondern erhalten.

Wir haben zum selben Thema mit Peter Schiwy gesprochen. Er war in den achtziger Jahren Intendant des Rias Berlin. Mit ZEIT ONLINE spricht er darüber, wie der Sender damals auf russische Propaganda reagierte und woran es den heutigen Medien fehlt.