Griechenland verliert die Gunst vieler Deutscher als Reiseland. Nach Angaben des Verbands der griechischen Touristikunternehmen (Sete) gingen die Buchungen aus Deutschland im März gegenüber dem Vorjahr um ein Viertel zurück.

Stefanos Pappas freute sich auf eine weitere Rekordsaison. Der 53-Jährige betreibt mit seiner Frau und seiner Tochter eine kleine Familienpension auf der Kykladeninsel Paros. Viele seiner Gäste sind Stammkunden, die teils seit Jahren kommen – vor allem Deutsche. "Bis zum vergangenen Dezember liefen die Vorbestellungen sehr gut", sagt Pappas. Doch seit Februar geht es bergab: "Unsere Reservierungen aus Deutschland für Juli und August liegen derzeit fast ein Fünftel unter dem, was wir um diese Zeit im Vorjahr an Buchungen hatten", sagt Pappas.

Nicht nur die Existenz der Familie Pappas hängt am Fremdenverkehr. Die Reisebranche steuert rund 18 Prozent zum griechischen Bruttoinlandsprodukt bei und sichert jeden fünften Arbeitsplatz. Der Tourismus war im vergangenen Jahr der einzige Wachstumsmotor der rezessionsgeplagten griechischen Wirtschaft. Die Besucherzahlen stiegen gegenüber 2013 um fast 23 Prozent auf 22 Millionen. Für dieses Jahr erwartete man beim Touristikverband Sete einen weiteren Anstieg auf 25 Millionen. Diese Prognose erscheint nun fraglich. Wegen des schwachen Rubels werden in diesem Jahr deutlich weniger Gäste aus Russland erwartet. Auch in Großbritannien stagnieren die Buchungen. Vor allem aber die Deutschen zögern.

Der positive Trend hat sich umgekehrt

Deutschland ist der wichtigste Markt für die griechischen Hoteliers. Im vergangenen Jahr reisten 2,5 Millionen deutsche Gäste nach Griechenland. Auf Platz zwei lagen mit 2,1 Millionen die Briten. Bis zum Dezember 2014 zeigten die Buchungen in Deutschland noch einen Aufwärtstrend. Sie lagen um 22 Prozent über dem Vorjahresstand. Seit dem Wahlsieg des radikal-linken Bündnisses Syriza im Januar hat sich der positive Trend komplett umgekehrt. Im Februar gingen die Griechenland-Buchungen in Deutschland nach Angaben des Touristikverbandes Sete um 16,2 Prozent zurück, im März sogar um 25,8 Prozent.

Der Verband führt den Rückgang vor allem auf die anhaltende wirtschaftliche und politische Ungewissheit in Griechenland zurück – seit drei Monaten verhandelt die neue Regierung mit den Vertretern der Gläubiger über die Freigabe weiterer Hilfskredite. Aber die Gespräche kommen nicht voran, weil Athen die von den Geldgebern geforderten Reform- und Sparzusagen verweigert.

Noch nie seit Beginn der Finanzkrise Anfang 2010 stand das Land so nah am Staatsbankrott wie jetzt. Das verunsichert offenbar manche Urlauber – aber warum gerade die Deutschen?

Ein Zusammenhang mit der gegen Deutschland gerichteten Kampagne der Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras und seines rechtspopulistischen Koalitionspartners Panos Kammenos ist denkbar. Tsipras stellt Deutschland als treibende Kraft hinter dem "Spardiktat" dar, das seinem Land eine "humanitäre Katastrophe" beschert habe. Manche Syriza-Politiker sprechen von Deutschland als dem "Vierten Reich". Die Syriza-Parteizeitung Avgi präsentierte ihren Lesern in einer Karikatur Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble als KZ-Kommandanten, der aus den Griechen "Seife" machen wollte. Verteidigungsminister Kammenos drohte, wenn sich Deutschland in den Verhandlungen über weitere Kredite nicht gefügig zeige, werde Griechenland Tausende Migranten nach Berlin schicken. Wenn darunter auch Dschihadisten des Terrornetzwerks IS seien – Pech gehabt.

Für Spannungen zwischen beiden Ländern sorgen auch die von der neuen Athener Regierung erhobenen Reparationsforderungen. Justizminister Nikos Paraskevopoulos drohte damit, deutsche Liegenschaften wie das Goethe-Institut zu beschlagnahmen, wenn Berlin nicht zahle.

Deutsche Gäste sind gern gesehen

Deutsche Urlauber müssen allerdings keineswegs fürchten, dass ihnen in Griechenland Feindseligkeit oder gar Hass entgegenschlägt. Die griechische Gastfreundschaft ist nicht nur sprichwörtlich – es gibt sie wirklich. Und deutsche Gäste sind gern gesehen. Zu den beliebtesten Zielen der Germaní gehören Kreta und der Peloponnes, die Dodekanes-Inseln Rhodos und Kos und Santorin, Mykonos und Paros in der Inselgruppe der Kykladen.

Die Freundschaft zwischen beiden Völkern hat eine lange Tradition. Sie gründet sich nicht nur auf den Tourismus. In den 1960er und siebziger Jahren war Deutschland das Ziel Hunderttausender griechischer Migranten. Während der jüngsten Krise wanderten erneut Zehntausende junge Griechen – vor allem angehende Akademiker – nach Deutschland aus, weil sie im eigenen Land keine Zukunft sahen. Die guten Beziehungen werden allerdings jetzt auf eine harte Probe gestellt. "Ich würde mir etwas weniger aggressive Töne wünschen", seufzt der Pensionswirt Pappas auf Paros.