Vom Badezimmer des Apartments im 22. Stock hat man einen exklusiven Ausblick. Wie auf einer Bühne thront die Badewanne aus weißer Stahl-Emaille inmitten des wohnzimmergroßen Raumes, vor der wandhohen Glasfront breitet sich in der Ferne das Dächermeer der Mailander Altstadt aus. Rechts davon streift der Blick die Glasfassade des Pirelli-Wolkenkratzers, des ältesten Hochhauses in der lombardischen Metropole, in den 1960er Jahren errichtet. Weit im Norden glitzert der schneebedeckte Gipfel des Monte Rosa.

Im vergangenen November wurde Stefano Boeri für seine zwei Wohntürme, 119 und 87 Meter hoch, in Frankfurt der Internationale Hochhauspreis verliehen. Der 56-jährige lehrt an der technischen Universität in Mailand. Er schreibt für das renommierte Wirtschaftsblatt Il Sole 24 Ore, trat auf der Documenta in Kassel auf und errichtete im Auftrag Silvio Berlusconis auf der Insel La Maddalena vor Sardinien einen Luxustempel für das G-8-Treffen. Der Prunkbau dient mittlerweile allerdings nur noch den Möwen als Rastplatz. Und nun, rechtzeitig zur Expo 2015, der vertikale Wald: 800 Bäume und 20.000 Sträucher auf knapp 9.000 Quadratmetern Terrassenfläche. Fast ein Hektar Grünfläche mitten im Großstadtzentrum.

Zum vereinbarten Treffen erscheint Boeri auf seiner Vespa. Schnell spricht er noch Journalisten des staatlichen Fernsehens einige Sätze ins Mikrofon, dann tritt er vor die Rasenfläche zwischen den beiden Türmen und legt den Kopf in den Nacken. "Im Sommer hat dort oben bereits ein Falke genistet", sagt der Architekt und zeigt auf eine der beiden Turmspitzen. Das Grün vor den Wohnungen sorge nicht nur für eine bessere Luftqualität, sondern solle auch als Kälte- beziehungsweise Wärmeschutz dienen. Bis es soweit ist, muss sich der schüttere Flaum an den Brüstungen erst noch zu einem echten Rauschebart auswachsen.

Architekt Stefano Boeri © Vittorio Zunino Celotto/Getty Images

Neun Meter hoch sollen die Bäume auf den Terrassen werden. Um diese Last tragen zu können, wurden 28 Zentimeter dicke Betonplatten eingezogen, die Pflanzengefäße sind 1,30 Meter tief. "Wir sind extra nach Florida gereist, um herauszubekommen, wie man Bäume pflanzt, die ein Sturm nicht umreißen kann", sagt Boeri. Und erklärt, dass Rostgitter in den Wannenböden dem Wurzelwerk das Festkrallen ermöglichen.

Noch sind nicht alle Wohnungen im Bosco Verticale verkauft oder vermietet, auch wenn das Interesse durchaus groß ist. "In sozialer Hinsicht handelt es sich bei den Wohntürmen um ein Experiment", erklärt Boeri sichtlich stolz. Um Nachbarschaftsstreitigkeiten zu verhindern, befinde sich sämtliches Grün in Gemeinschaftsbesitz. Alle Bewohner seien gleichermaßen für Pflege und Erhaltung zuständig. Der Quadratmeterpreis liegt zwischen sechs- und dreizehntausend Euro. Etwa die Hälfte der Wohnungen sei bereits verkauft. Das Gerücht, den Großteil der Flächen hätte ein Emir aus Katar gekauft, will Stefano Boeri nicht kommentieren.