Erschienen im Skandinavien-Magazin "NORR" im Frühjahr 2015

Der Skuleberg ist einer der Höhepunkte der Höga Kusten. Wie der Sattel eines Riesen erhebt er sich aus der malerischen Küstenlandschaft im nordschwedischen Ångermanland. An seinem höchsten Punkt, auf 295 Metern, thront die Toppstuga, die Gipfelhütte, bekannt für ihre Waffeln mit Sahne und den großartigen Blick auf die Bottensee. Von weit oben blickt man hier hinab auf das blaue, mit grünen Inseln und Landzungen durchzogene Meer, und auf den Nationalpark Skuleskogen mit seinen wilden Wäldern, Schluchten und felsigen Anhöhen. Hier treffen Berg und Meer unmittelbar aufeinander, eine landschaftliche Szenerie, die man in Skandinavien eher an Norwegens Nordküste vermuten würde.

Bezeichnend für den Skuleberg ist aber noch etwas anderes: Er wächst – und zwar jedes Jahr um einen knappen Zentimeter. "Während der Eiszeit war dieser Teil Skandinaviens von einem bis zu drei Kilometer dicken Gletscher bedeckt, der den Erdmantel nach unten drückte", erklärt die Führerin im Naturum Höga Kusten, dem Besucherzentrum am Fuße des Berges. "Die Landhebung, die wir nun erleben, ist der Umkehrprozess nach dem Abschmelzen der Eisschilde." Nirgends ist dieser Effekt so stark wie in dieser Region. Auf dem Skuleberg liegt die höchste Küstenlinie der Welt mit 286 Metern, und überall zwischen Härnösand und Örnsköldsvik lassen sich deutliche Spuren der Landerhebung finden. Deshalb zeichnete die Uesco im Jahr 2000 die Höga Kusten mit dem Weltnaturerbe-Status aus.

Ein beliebtes Ziel für Naturfreunde war der Skuleberget, wie er auf Schwedisch heißt, schon immer. Mehrere Wanderwege und ein Sessellift führen auf den Gipfel, und an der steilen Westkante befindet sich Skandinaviens einziger Klettersteig. Dass sich der Ort in der letzten Zeit jedoch zu einem immer wichtigeren Outdoor- Zentrum entwickelt hat, liegt besonders an Jerry Engström. Der ehemalige Marketingchef von Fjällräven trat 2014 von seinem Posten zurück, um in seiner Heimat den Traum eines Friluftsby (dt. Freiluftdorf) zu verwirklichen.

Erschienen im Skandinavien-Magazin NORR, Frühjahr 2015

"Die Höga Kusten war immer ein Platz, an dem ich mich in der Natur erholen und auf Abenteuer gehen konnte", erzählt Jerry. "Die Region hat einfach unglaubliches Potenzial. Neben großartigen Wandermöglichkeiten kann man hier klettern, paddeln, angeln oder in Räuberhöhlen kriechen." Der gebürtige Örnsköldsviker übernahm die Toppstuga auf dem Gipfel und das "Röverby", ein Hütten- und Campingdorf mit kleinem Freizeitpark, am Fuße des Skulebergs. Zu Letzterem gehörte auch Schwedens größtes Labyrinth, das momentan zum Dorfzentrum umgebaut wird.

Wenn es nach Jerry geht, sollte jeder Besucher auf dem Weg nach Nordschweden am Skuleberg Halt machen und für ein paar Tage oder auch nur für einen Moment die Natur erleben. Außerdem veranstaltet er gleich vier verschiedene Outdoor-Großereignisse pro Jahr: einen Hike im Sommer und im Winter, ein Trailrunningevent sowie das große "Utefest", ein Festival mit verschiedenen Freiluftaktivitäten rund um den Skuleberg. 

Besuch bei Ronja

Eindrucksvolle Aussicht © Peder Sundström

Als wir im Friluftsby ankommen, ist die Wiese neben dem ehemaligen Labyrinth gefüllt mit bunten Zelten, und aus allen Richtungen strömen weitere Menschen mit großen Rucksäcken heran. Morgen beginnt der "High Coast Hike", die 42 Kilometer lange Wanderung durch den Skuleskogen. 300 Teilnehmer aus 15 Ländern aus aller Welt haben sich angemeldet. Mein Sohn Pelle, 7 Jahre, und ich sind teilweise mit dabei.

"Komm, Papa", ruft Pelle und springt leichtfüßig über den schmalen Holzsteg, der uns in den dichten Wald hineinführt. Ab und zu dreht er sich um und schaut ungeduldig, wo ich bleibe. Es ist einer der wärmsten Tage dieses Hitze-Sommers. Auf meinem Rücken befinden sich neben der Campingausrüstung für uns beide auch noch sechs Liter Wasser als Reserve für die nächsten zwei Tage. Zum Glück bietet das dichte Baumwerk guten Schutz vor der Sonne. "Wie weit ist es denn noch bis zur Helveteskap?", werde ich in regelmäßigen Abständen gefragt. Die Höllenschlucht, über die einst Räubertochter Ronja sprang, um Räubersohn Birk ihren Mut zu beweisen, ist wohl der berühmteste Ort im Skuleskogen und ein motivierendes Zwischenziel für einen Siebenjährigen. In Wirklichkeit heißt sie allerdings Slåttdalsskrevan.

Astrid Lindgren hatte bewusst einen skandinavischen Urwald wie diesen als Schauplatz für ihre Romanverfilmung gewählt: ein dichtes, wildes Gehölz ohne menschliche Spuren, dunkel und gefährlich. Luchse, Bären und Wölfe soll es hier geben – und wenn man will Trolle, Riesen und Räuber. Tatsächlich war der von Mythen umrankte Skuleskogen in früheren Tagen unter Handelsreisenden gefürchtet. Im 18. Jahrhundert wurde er fast komplett abgeholzt, ist seitdem jedoch weitgehend ungestört nachgewachsen. Überall liegen zwischen Felsbrocken umgefallene Baumstämme, überzogen von Moos, Fahnen und Flechten.

An manchen Stellen öffnet sich der Wald plötzlich, und man läuft über eine Lichtung, deren Boden von losen, runden Steinen bedeckt ist. "Klapperstensfält" nennt man dieses Phänomen, das typisch für Regionen mit postglazialer Landhebung ist. Es erinnert uns daran, dass hier vor einigen tausend Jahren noch die Wellen ans Ufer rollten, die Felsbrocken zerschlugen und sie zu ihrer jetzigen Form schliffen.

Der "High Coast Hike" beginnt am Westeingang des Nationalparks und führt kreuz und quer durch den Skuleskogen. Pelle und ich haben die lange erste Etappe allerdings abgekürzt und sind vom Südeingang aus gestartet. Im Laufe des Tages werden wir auf die anderen Wanderer treffen. Nun verlassen wir den schattigen Wald und steigen über knochige Wurzeln und Felsstufen hinauf auf den Slåttdalsberg, ein Hochplateau aus rot schimmerndem Granit. Am höchsten Punkt machen wir es uns unter einer krummen Kiefer gemütlich, leeren einen guten Teil der Wasserreserven, knabbern Kekse und genießen die Aussicht. "Der Slåttdalsberget ist ein Muss. Da müsst ihr unbedingt rauf", hatte Jerry vor der Wanderung gesagt. Recht hatte er: Hier erlebt man die ganze Schönheit der Höga Kusten – das Zusammenspiel aus Berg, waldreichen Tälern und dem weiten blauen Meer in der Ferne. Als Krönung schwingt sich direkt vor unserer Nase auch noch ein Seeadler in die Höhe. Wir schauen ihm hinterher, bis er als kleiner Punkt im Blau des Himmels verschwindet.

Endspurt im Wald

Pause im Wald © Peder Sundström

"Oh, wie weit Ronja springen konnte", meint Pelle und betrachtet respektvoll die mächtigen, bis zu vierzig Meter hohen Felswände rechts und links. Wir sind endlich in der ersehnten Slåttdalsskreva angekommen. Langsam bewegen wir uns über große Felsplatten die zweihundert Meter lange und sieben Meter breite Schlucht hinab, die den Slåttdalsberg in zwei Hälften teilt. Immer wieder wandern Pelles Augen nach oben. Ob nicht vielleicht doch ein paar Räuberkinder uns hinwegfliegen?

Bei den Tärnettvatten, zwei kleinen, von Fichtenwald und Moor umgebenen Seen, machen wir eine lange Pause. Wir sind nicht allein. Immer mehr Wanderer kommen dazu. Um uns herum zischen die Gaskocher. An den ufernahen Bäumen und Büschen trocknen schweißnasse Hemden, deren Besitzer ein halbwegs erfrischendes Bad nehmen. Nach dem Essen schwimme ich mit Pelle zu einer Insel ein paar Meter vom Ufer entfernt. Wir liegen nebeneinander auf einem platten Stein, lassen die Füße ins Wasser baumeln und dösen. Die letzten paar Kilometer hinab zum Nachtlager auf den Tärnättholmen-Halbinseln schaffen wir auch noch.

Von oben erschien die letzte Waldpassage dieser Wanderung wie ein schmaler grüner Streifen. Doch der Weg zieht sich. Dann aber, im tiefsten Dickicht, steigt uns plötzlich der Duft des Meeres in die Nase. Kurze Zeit später öffnet sich der Urwald, und wir stehen mit den Füßen im Sand. Über eine schmale Landbrücke gehen wir hinüber auf die Tärnättholmen, der blauen High-Coast-Hike-Fahne entgegen. Zwischen den Bäumen und am Strand der Halbinsel sind bereits die ersten Zelte aufgebaut. Am Checkpoint warten ein kaltes Bier auf mich und ein kalter Saft auf Pelle. Wir bauen unser Zelt auf und springen dann ins klare, angenehm kalte Meerwasser.

Nach dem Abendessen sitzen wir auf einem Felsen am Ufer und blicken auf das ruhige Wasser. "Als ich klein war, waren die Halbinseln hier noch richtige Inseln. Da mussten wir immer die Hosen hochkrempeln und hinüberwaten", erinnert sich Jerry und outet sich damit selbst als lebender Zeitzeuge der Landerhebung an der Höga Kusten. Ich denke daran, dass einst auch die Wellen an den Gipfel des Skulebergets schlugen. Wer weiß, vielleicht wird auch die kleine Schutzhütte im Waldstück nebenan mal zur Toppstuga mit Panoramablick.

Den "Höga Kusten Guide" aus dem NORR Magazin finden Sie hier.

Ungekürzt erschienen im Skandinavien-Magazin "NORR", Herbst 2014