+++ In dieser Serie testen wir Dinge, die besonders schlechte Kundenbewertungen bekommen. Denn ob Top oder Flop, das ist manchmal nur eine Frage des Blickwinkels. +++

Der Boden ist kalt und hart. Das spüre ich trotz des Schlafsacks. Sobald der eine Hüftknochen zu schmerzen beginnt, drehe ich mich auf die andere Seite. Keine Fliegen, kein Gestank, es ist besser als erwartet. Dafür wird die Klimaanlage bis sieben Uhr morgens aus einem Schnupfen eine hartnäckige Erkältung gemacht haben. Aber das hätte die Sauna in Singapur vielleicht auch geschafft.

Überhaupt, der Changi Airport Singapur. Es gibt dort all das, was ich hier vermisse: Ruhezonen mit Liegen; und für Schlaflose einen Kinosaal, einen Swimmingpool und eben einen Spa-Bereich mit Sauna. Nichts davon kann man ernsthaft erwarten, wenn man für 30 Euro aus dem Hunsrück nach Barcelona fliegt. Aber folgt man der Seite The Guide to Sleeping in Airports, ist Singapur das Paradies und Frankfurt-Hahn die Vorhölle. Den Kritiken zufolge ist Frankfurt-Hahn der schlechteste Flughafen Deutschlands, der zweitschlechteste Europas und der siebtschlechteste der Welt.

"Es roch wie im Stall, nach Heu und Pisse", beschwert sich ein User. Ein anderer klagt: "Überall waren Fliegen, sie haben sich sogar in meine Augen gesetzt."

Der Guide to Sleeping in Airports verfolgt ein edles Ziel: Er sucht das Gute im Schlechten, also bequeme Schlafplätze in Flughafenterminals. Jeder kann hier die Lounges, Zones und Areas von Flughäfen nach ihrer Beschlafbarkeit ("zzzzzz-Faktor") bewerten. Das hilft Menschen, die aus irgendeinem Grund im Terminal übernachten müssen: Gestrandeten, Umsteigern oder Frühfliegern wie mir.

Tatsächlich startet mein Flieger erst um 9.20, aber die Anreise nach Hahn dauert länger als mancher Flug von dort. Hahn liegt etwa 120 Kilometer westlich von Frankfurt. Ich reise am Vorabend an, denn die Alternative wäre, um vier in Köln loszufahren. Die Busfahrt ab Koblenz soll eine Stunde dauern. Daraus werden fast zwei, weil die A61 sich staut, über die Ufer tritt und Lastwagen die Landstraßen des Hunsrück fluten. Die Busfahrer prahlen voreinander mit ihren längsten Staus, auf der Rückbank diskutiert eine halbstarke Rasselbande über den Speiseplan von McDonald’s, Sexting und die Ärsche von Mitschülerinnen. In der Nähe von Peterswald-Löffelscheid steigen alle aus.

Wann kommt der Staubsauger-Truck?

Dass ein Flughafen, der sich "Frankfurt" nennt, weit weg liegt von Frankfurt, ist natürlich eine Schwäche, aber keine, die die Schlafqualität vermindert. Was sie mindert, ist, den Kritiken zufolge, die Möbelsituation. Die Plastikstühle – das ist Konsens – sollen unbeschlafbar sein; zu hohe Armlehnen, um sich hinzulegen, zu niedrige Rückenlehnen, um sich anzulehnen, und zu rutschig, um überhaupt eine stabile Position einzunehmen. Der Fußboden sei der beste Schlafplatz, darüber sind sich alle einig, obwohl er "selbst im Juni eiskalt" sei. Wahlweise plagten die Reisenden außerdem "Besoffene", "laute Durchsagen", "Durchzug" oder eine "typische fette Deutsche auf einem gigantischen Staubsauger-Truck".

Schon der erste Blick in die Empfangshalle aber zeigt: Der Flughafen hat sich aufgemöbelt. Die von Kommentatoren angekündigten liegefeindlichen Plastikstühle gibt es hier nicht, stattdessen blaue Sitze aus irgendeiner Gummimischung. Und das Wichtigste: ohne Armlehnen. Der Liegetest fällt positiv aus. Die Stühle sind leicht in Richtung Lehne geneigt, die Gefahr herunterzurutschen ist also gering. Ein paar andere Fluggäste haben die Füße auf ihren Koffern abgelegt und dämmern vor sich hin. Aber vermutlich ist genau hier das Jagdrevier der Staubsauger-Trucks, und außerdem blenden die Lampen.

An der Information liegt Lesestoff für Schlaflose bereit. Darunter das Hahn Airport Journal, die Flughafenzeitung hahn affairs sowie die Zeitungsbeilage hahn on air. Inhaltlich überschneiden die sich ein wenig, dafür kommt der Flughafen hier wesentlich besser weg als im Internet. Etwa bei Ryanair-Chef Michael O’Leary: "I love the Hahn", gesteht er in hahn affairs. Nur die Luftverkehrssteuer hindere ihn, seine Liebe so richtig auszuleben. Aber ob O’Leary schon im Hahn geschlafen hat?

Wo der Hahn tot ist

Es ist bald Mitternacht. Ermutigt durch die Online-Rezensionen suche ich nach einer ruhigeren Ecke. "Super geschlafen im ersten Stock neben komischem Glaskasten", schreibt einer, der sich Intatto nennt. Also rauf da! Im ersten Stock leuchten und blinken ein paar Spielautomaten in der Ecke. Aber Menschen sind hier keine und schon gar kein komischer Glaskasten. Hier oben ist der Hahn mausetot. Die Besucherterrasse ist seit 19 Uhr offiziell geschlossen, davon kündet ein Schild im Erdgeschoss. Und es hält jeden Besucher vom ersten Stock fern, obwohl die Terrasse zwar theoretisch geschlossen, praktisch aber nicht abgeschlossen ist. Draußen kreischen die Turbinen verspäteter Flugzeuge, aber drinnen liegt das ideale Schlafterrain.

Ein kleinerer Bereich ist mit Glasscheiben vom Rest der Etage abgetrennt. Kein komischer Kasten, aber immerhin eine Wand. Eine Glaswand mit einer geöffneten Tür darin. Auf dem Boden dahinter klebt Parkettimitat. Vielleicht zieht hier bald ein Café ein. Der Vorteil: Es gibt keine Lampen. Der Nachteil: Man fühlt sich wie im Terrarium. Aber in jedem guten Terrarium gibt es eine Nische, einen Unterschlupf, in den sich das Reptil verkriecht, das des Betrachtetwerdens müde ist. Hinten rechts! Weiße Tür in weißer Wand, wieder nicht verschlossen. Ich trete ein – es ist das Paradies im Herzen des Höllenflughafens.

I love the Hahn!

Ein leerer Raum, etwa neun Quadratmeter groß. Möglicherweise wird das hier mal eine Teeküche. Aber vielleicht bleibt das auch einfach so, der ideale Unterschlupf. An einer Wand lehnt ein übriggebliebener Türflügel, aus einer anderen ragt ein Wasserrohr. Und der Clou: Man kann die Leuchtstoffröhre ausknipsen! Den Schlafsack an die Wand gelegt, ein Handtuch als Kopfkissen. Durch einen Spalt schimmert noch Licht, aber der Raum ist dunkel. Fast schon eine Fünf-Sterne-Suite für Flughafenschläfer! I love the Hahn!

Doch so gut mein Zimmer gegen Licht abgeschirmt ist, so schlecht lässt sich der Schall aussperren. Im Viertelstunden-Takt mahnt eine Computerstimme unter Androhung hoher Geldstrafen, mein Gepäck nicht aus den Augen zu lassen. Gegen zwei Uhr legen im Erdgeschoss tatsächlich die Staubsauger los, man hört es durch Wände und Decken. Ich ahne, dass es mit weniger Glück schwer geworden wäre mit dem Schlafen. Aber dann vermischen sich Saugen, Schrubben und die Durchsagen mit meinen Träumen. Ich verliere mein Gepäck aus den Augen, aber ich liege ja gleich daneben. Knochen drückt auf Beton, aber im Tiefschlaf.

Das Beste: Täglich verlassen bis zu 30 Flüge Hahn. Man kommt also schneller weg als hin.

Bewertung der Online-Bewertungen: ★★★☆☆