Es beginnt mit einem Kaffee und endet mit einem Drink. Der Kaffee in der Sonne am frühen Morgen, der Drink nachts. Dazwischen 1.000 Minuten Leipzig – für jedes Jahr des Stadtjubiläums eine. Unterwegs zu besuchenswerten Orten, 16 Stunden und 40 Minuten lang.

Sehr früh am Morgen gibt es eine Wiener Melange. Sonntags steht man Schlange im Café Grundmann (A), manchmal reicht sie bis raus auf den Gehweg. Die Leute kommen vor allem wegen des Kuchens und der Torten. Es gibt aber auch 20 verschiedene Kaffee-Varianten, von klein und schwarz bis groß und milchig, und dass der Cappuccino hier Wiener Melange heißt, ist kein Unglück oder Zufall: Das Grundmann ist das Wiener Kaffeehaus von Leipzig. Runde Marmortische, klare Linien, viel dunkles Holz und Spiegel. Nur dass die Bedienung am Ende "Tschüssi" sagt.

Ein bisschen Vorwendezeit ist in Leipzig natürlich auch geblieben, etwa in der Eisdiele Pfeifer (B), nicht weit entfernt. Im Innenraum ist noch immer das Jahr 1953. Die Eisdiele war ein Familienunternehmen, Vater, Mutter, Kind, und ist auch jetzt noch eines, trotz eines Besitzerwechsels: Melanie Mehlitz hat die Eisdiele zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder vor einigen Jahren übernommen. Der alte Name ist geblieben, weil den hier jeder kennt und man sich nicht vorstellen kann, dass die Eisdiele Pfeifer irgendwann mal anders heißen soll. "Es ist die Eisdiele meiner Kindheit", sagt Melanie Melitz. Die Tapete könnte viele Geschichten erzählen, wenn sie könnte – und weil sie nicht kann, machen das die älteren Leute aus der Nachbarschaft, die immer noch in den kleinen Eckladen kommen und berichten, wie das erste Mangoeis geschmeckt hat, das sie nach der Wende gegessen haben. "Wie ich mir Urlaub in der Südsee immer vorgestellt hatte, nur kälter."

Die älteren Leipziger kennen auch die Löffelfamilie (C) noch von früher. Die hängt ein paar Ecken weiter an der Wand und isst. Mitten auf der Karl-Liebknecht-Straße, die hier nur Karli heißt und vom Zentrum in den Süden der Stadt führt. Mutter, Vater und zwei Kinder schauen von der Fassade eines Wohnhauses, die Löffel in der Hand. Es ist die Leuchtreklame des früheren Volkseigenen Betriebs (VEB) Leipziger Feinkost, die dort schon seit 1973 hängt. Sie blinkt in Neonfarben, wenn sich die Dämmerung über die Südvorstadt legt. Seit 1993 ist die Löffelfamilie Kulturdenkmal, und seit einigen Jahren kümmert sich ein Verein darum, dass sie dort auch hängenbleiben und weiterlöffeln darf.

Minute 120: Vormittag

Die Straßenbahnen 10 und 11 fahren von hier aus weiter in Richtung Süden. Wenn man Glück hat, erwischt man eine alte Tram. Die Türen gehen auf wie eine alte Ziehharmonika, und so hören sie sich auch an. Ein langes Quietschen, ein kurzes Ächzen, es scheppert und zischt. Viele dieser alten Bahnen gibt es nicht mehr, sie wurden durch neue, gelbe ersetzt, die zwar weniger rumpeln und rasseln, denen es aber an Charme mangelt.

Nach ein paar Stationen ist man schon mittendrin im alternativen Connewitz (D). Die Stadt, die in jüngster Zeit durch montäglich aufmarschierende Islamgegner von sich reden gemacht hat, ist, aus anderer Warte betrachtet, eine alternative Studentenstadt mit einer sehr ausgeprägten linken Subkultur. In Connewitz, dem linken Zentrum der Stadt, wohnen vor allem Studenten, junge Familien, Künstler und Kreative. Viele Häuserfassaden sind noch unsaniert, es ist unaufgeräumt, dafür bunt und grün. Der riesige Auenwald ist gleich um die Ecke, und auf einem alten, verwilderten Schulgartengelände hat ein Ökoverein ein Areal für Urban Gardening (E) angelegt. Ein Schau- und Bildungsgarten, mitten in einem recht dicht besiedelten Wohngebiet.

Der Bus Nummer 89 fährt vom Connewitz-Kreuz direkt ins Musikerviertel, zurück in Richtung Innenstadt, dann nach Westen. Die Straßen heißen nach Telemann und Haydn, Mozart und Beethoven, hier stand einst ein Gewandhaus, das im Zweiten Weltkrieg aber so sehr beschädigt wurde, dass die Reste schließlich abgetragen wurden. Viele Gebäude in dem Viertel stehen heute unter Denkmalschutz, einige Villen und Bürgerhäuser wurden aufwändig saniert. Die Albertina (F), Hauptgebäude der Universitätsbibliothek, liegt hier, die Hochschule für Grafik und Buchkunst und die Hochschule für Musik und Theater ebenfalls. Die Studenten sitzen im Gras, trinken Kaffee und debattieren.

Minute 300: Mittagszeit

Gleich neben der Galerie für Zeitgenössische Kunst, die das Musikerviertel vom Johanna-Park im Norden trennt, liegt das zur Galerie gehörende Café bau bau (G). Es wird regelmäßig von Künstlern neu gestaltet und dann auch umbenannt, seit Januar 2014 heißt es bau bau. So sieht es auch aus: wie ein großer Baucontainer, eine moderne Kunstinstallation inmitten alter Häuserfassaden voll Stuck und kleiner Erker. Durch die große Glasfassade blickt man von innen hinaus auf den Park, es gibt Suppe und Blechkuchen.

Das neue Bachdenkmal vor der Thomaskirche in Leipzig © Andreas Schmidt

Über den Ring, der die Innenstadt umgibt, kommt man zum Neuen Rathaus (H), seit 1905 Sitz der Stadtverwaltung. Mit seinem Turm, dem höchsten Rathausturm Deutschlands, sieht es eher aus wie eine Burg. Das Rathaus ist eines der Wahrzeichen der Stadt, es ragt aus dem Zentrum heraus neben dem gläsernen Turm der Universität, der die Form eines aufgeschlagenen Buchs hat. Vom Rathaus aus sind es nur ein paar Meter zu Johann Sebastian Bach (I), der auf dem Thomaskirchhof steht. Das neue Denkmal des Komponisten, fast zweieinhalb Meter hoch und aus Bronze, thront auf einem Steinsockel auf dem Platz vor der Kirche. Dort, unter einem Stein im Altarraum, liegen auch die menschlichen Überreste des Komponisten, der Anfang des 18. Jahrhunderts als Thomaskantor hier anfing und bis zu seinem Tod 1750 blieb. Der Thomanerchor, in dem unter anderem auch alle fünf Sänger der Prinzen Mitglied waren, singt regelmäßig Bachs Motetten und andere Konzerte.