Kahlschlag im Paradies – Seite 1

Im Süden Apuliens sind sie allgegenwärtig: kein Hektar Land, auf dem nicht zumindest ein Olivenbaum steht. Eher sind es Tausende. Zwischen archaisch wirkenden Trockenmauern schmücken sie die Landschaft wie eigenwillige Denkmäler, über die Jahrhunderte von Sonne, Wind und Regen geformt. Sie haben Narben, Höhlen und Gesichter: geheimnisvolle, grimmige, lächelnde. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Am Absatz des italienischen Stiefels sind die Olivenbäume schöner und älter als irgendwo sonst. Sie sind nicht nur Stolz und Symbol Apuliens, sondern auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Fast ein Drittel der gesamten Anbaufläche wird von Ölbäumen eingenommen, aus ihrer Ernte entsteht beinahe die Hälfte des gesamten italienischen Olivenöls. Doch das könnte schon bald Geschichte sein.

Die Xylella fastidiosa rückt vor. Das sogenannte Feuerbakterium gelangte mit infizierten Deko-Pflanzen über holländische Importeure aus Costa Rica nach Apulien. Fast täglich wird in den lokalen und nationalen Medien mit alarmierendem Ton über das Bakterium berichtet. Schätzungen zufolge sollen allein im Salento bereits Hunderttausende von Bäumen erkrankt sein, vielleicht sogar eine Million. Die Plage breitet sich schneller aus als erwartet. Waren es 2013, als die Krankheit erstmalig festgestellt wurde, noch 7.500 Hektar, spricht man jetzt bereits von 260.000 Hektar. Das von der Wiesenschaumzikade übertragene Bakterium, das die Pflanzen austrocknet und absterben lässt, nimmt nicht nur mit den Ölbäumen vorlieb, es greift auch auf Grünflächen, Obstbäume und Oleander über, genau wie auf Rebstöcke. Eine akute Gefahr für den Weinanbau, zum Beispiel für den weltweit vermarkteten Primitivo di Manduria.

Vom Pflanzenbakterium bedrohte Olivenbäume © Sigrid Mölck-Del Giudice

Die Umweltkatastrophe bedroht jedoch nicht nur die Existenzgrundlage der Oliven- und Weinbauern. Im Salento befürchtet man, dass auch der beginnende Sommertourismus, eine bedeutende Einnahmequelle der Region, einbrechen könnte. Und das, obwohl die zuständigen Behörden in den italienischen Medien gebetsmühlenartig versichern, dass das Bakterium keine Auswirkungen auf den Menschen hat. Das wäre eine Katastrophe für die Region, aber auch für die Touristen, die sich gegen eine Region entscheiden würden, deren Schönheit und kulturelle Geschichte in weiten Teilen Europas ihresgleichen sucht.

Apulien ist in Sachen Tourismus längst kein weißer Fleck auf der Landkarte mehr. In den 1990er Jahren beschlossen die Apulier, ihrem Image als süditalienisches Armenhaus ein Ende zu setzen und in die erste Liga italienischer Traumlandschaften aufzurücken, auf Augenhöhe mit der Toskana und dem Piemont. So genannte Masserien, Großgrundbesitze, die einst gegen die Überfälle der Sarazenen und Türken mit Wachtürmen und hohen Mauern befestigt worden waren, wurden aufwendig restauriert und zu gediegenen Hotelbetrieben umfunktioniert, Bauernhäuser zu attraktiven Ferienwohnungen.

Weit weg vom Trubel an Riviera und Adria

Traumreiseziel Südapulien © Sigrid Mölck-Del Giudice

Vor allem wohlhabende Norditaliener zog es bald in den Salento, weit weg vom Trubel an Riviera und Adria. Auch kauften immer mehr Nordeuropäer Immobilien in der Geheimtipp-Region. So entwickelte sich die Salentoinische Halbinsel mancherorts zu einer elitären Ferienenklave.

Der Stiefelabsatz hat in mehr als 2.500 Jahren zahlreiche Eroberer gekannt: nach Griechen, Römern und Normannen gaben sich Franzosen und Spanier die Klinke in die Hand. Sie alle hinterließen Spuren, die heute zu den touristischen Attraktionen gehören. Zum Beispiel die befestigte Altstadt von Gallipoli, die auf einer Insel im Ionischen Meer wie ein Schiff vor Anker liegt. Die Griechen, die sie erbauten, gaben ihr den Namen "Die schöne Stadt". Das Labyrinth verwinkelter Gassen mit ihren Patrizierresidenzen und teils orientalisch wirkenden Höfen strahlt wohltuende mediterrane Gelassenheit aus. Hoch über der malerischen Badebucht reihen sich hübsche Bars und Restaurants aneinander.

Die Küsten des Salento einmal mit dem Auto abzufahren, ist schnell erledigt. Ganze 40 Kilometer trennt das Ionische Meer von der Adria. Nach Süden hin erstrecken sich zwischen verwitterten Überresten gigantischer Wachtürme sichelförmige Buchten und kilometerlange Sandstrände. Höhlenforscher reisen eigens an, um sich in prähistorischen Grotten über Wand-Zeichnungen von Menschen und Tieren eine Vorstellung davon zu machen, wie man in Apulien vor über 20.000 Jahren gelebt haben könnte. Auf dem Felsplateau in Santa Maria di Leuca, wo sich einst ein Tempel der Göttin Minerva befand, halten heute vor einer modernen Marien-Wallfahrtskirche Eis- und Luftballonverkäufer nach potenzieller Laufkundschaft Ausschau. Finibus Terrae, Ende der Welt, wurde der magische Ort an der Spitze der Halbinsel in der Antike genannt. Kein Geringerer als der Heilige Petrus, so will es die Legende, soll hier an Land gegangen sein.

Mediterranes Leben in Otranto © Sigrid Mölck-Del Giudice

Nur einen Steinwurf entfernt lockt der Ort Otranto neugierige Urlauber an. Die Hauptattraktion ist die normannische Kathedrale S.Maria Annunziata mit dem weltweit einzigen fast vollständig erhaltenen Mosaikfußboden seiner Zeit. Passionierte Shopper kommen in den zahllosen Keramik-, Sandalen- und Souvenirläden auf ihre Kosten. In Reichweite von Griechenland und dem heutigen Albanien war das Städtchen im Altertum ein bedeutender Handelshafen und Umschlagplatz. Heute dümpeln in der von gesichtslosen Neubauten eingerahmten Hafenbucht nur noch Fischerboote und Yachten gut betuchter Urlauber.

Die Basilika di Santa Croce in Lecce © Sigrid Mölck-Del Giudice

Das Epizentrum Salentonischer Steinschnitzerkunst ist jedoch immer noch die Provinzhauptstadt Lecce mit ihren zahlreichen Kirchen, dem Amphitheater und dem Kastell. Der überschwängliche Formenreichtum an Putten, Fabeltieren und Schnörkeln aller Art, mit denen die Feudalaristokratie und der Kirchenadel damals ihre Macht demonstrierten, haben der Stadt Lecce Attribute wie "apulisches Florenz" oder "Salzburg des Südens" eingebracht.

Der allgegenwärtige Barock ist ebenso ein Markenzeichen der Stadt, wie die Cartapesta, das Pappmaché, aus dem seit über 200 Jahren Heiligenfiguren hergestellt werden. Sie eignen sich wegen ihres geringen Gewichtes besonders gut für Prozessionen. Wer sich in Lecce umsieht, wird fündig, ganz gleich, ob es um Kunst oder gastronomischen Genuss geht. Die 100.000-Einwohner-Stadt ist für seine schmackhafte, bodenständige Küche bekannt. Fast-Food-Freaks werden allerdings enttäuscht sein: In Lecce denkt man gar nicht daran, an jeder Ecke einen Schnellimbiss mit poppiger Leuchtreklame einzurichten.