Der Traum des Bären

Der Legende nach heisst Bern nach einem Bären, der vom Stadtgründer Berchtold im Jahr 1191 nahe des damaligen Siedlungskerns erlegt wurde. Und wenn dieser Bär der Volketymologie auferstehen würde und heute diese Stadt durchstreifen würde, das nach ihm benannte Bern?

Der revenante Bär würde bemerken: Die Stadt ist gross geworden, gross, bedeutend und prächtig. Irgendwo würde er das Stadtwappen erblicken und denken: Ach, da bin ich ja abgebildet! Und vielleicht finden: Die Tatzen sind etwas gross geraten, so breit sind sie doch gar nicht! Sein Bärenblick würde registrieren: Diese Stadt hat nicht nur eine Ansicht, nein, von jedem Aussichtspunkt, wo er auch hinspringt, immer bietet sich ein anderes Bern. Sei es vom Rosengarten, von der Plattform, der Kleinen oder Grossen Schanze aus – immer sieht seine Stadt ein bisschen anders aus. Auf vier oder sogar auf nur zwei Beinen stünde der Bär staunend vor den barocken Bürgerhäusern, ihren Lauben und den offen stehenden Kellerluken. Siehe da, könnte er brummen: Überall Bärenhöhlen, es muss meine Stadt sein, hier bin ich richtig! David Wagner

850-Grad-Perspektive

Jenseits der Mauer werden Güterzüge rangiert. Es duftet nach feuchter Erde. Hecken, Alleen, eine Wiese mit Wildblumen. Darauf dreibeinige Gestelle an denen Kränze mit beschrifteten Bändern hängen. Dröhnendes Flattern; ein Rettungshubschrauber verschwindet im schnellen Sinkflug hinter der weiten Grünanlage. Vogelgesang, dezentes Plätschern und irgendwo ein Rasenmäher. Unter einer Rosskastanie stehen zwei Müllbehälter für "verrottbare" und "nichtverrottbare" Abfälle, daneben ein verwitterter Blechstuhl. Dieser ist so auf ein Gräberfeld gerichtet, als hätte sich eben erst jemand von ihm erhoben. Eine Trauergesellschaft sammelt sich in kleinen Grüppchen. Dunkle Sonnenbrillen, dunkle Kleidung, helle Taschentücher, verschränkte Arme und ein paar Blumen. Johannes Brunnschweiler

Stilles Örtchen

Auch für knappe Kassen ist das Angebot in Bern vielfältig. Die zwei Franken für die McClean-Anlagen im Bahnhof lassen sich leicht umgehen, genauer noch: Mit dem Glaslift umfahren. In der vierten Etage auf der Grossen Schanze kostet ein Schokokuss in der SBB-Kantine nur einen Franken sechzig. Dies ist diskussionslos eine Konsumation und deshalb das Eintrittsticket für die Toilette. Es geht noch billiger: Im Migros-Restaurant findet man wohl das einst mit Abstand meistbesuchte Gratis-WC der Stadt. Die Popularität wurde jedoch deutlich gemindert durch die Einführung eines Pfandes. Es geht noch billiger. Während die öffentlichen Anlagen wie auch die Junkies sukzessive aus den Parks verschwanden, die Mauern der Heiliggeistkirche strenger zu riechen begannen als die ToiToi-Anlagen in unmittelbarer Nähe und es auch überall sonst trefflich daneben wäre – und zudem das Vielfache eines McClean-Abonnements kosten könnte –, so gibt es immer noch die Zytglogge. Wo sonst kann man sich an Mauern eines waschechten UNESCO-Weltkulturerbes so herrlich und legal erleichtern? Ich kenne die Schüsseln der Welt, doch ich wüsste keinen zweiten solchen Ort. Luc Oggier, aus: "Stilles Örtchen"

Ein medizinischer Höhenflug

Schön ist auch die Aussicht von der Dachterrasse. 180°-Berner-Panoramasicht. Rollstühle, hinkende Beine, bleiche Gesichter. Ich fühle mich fast schlecht, so ganz grundlos hier zu sein. Und doch: Ein offizieller Aussichtspunkt. Definitiv ein touristisches Highlight. Ferngläser. Hier Fern-Sehen. Digitales Höhenmodell von der Swisstopo. Die Berner und Zentralschweizer Alpen frontal vor mir, rechts die Freiburger Alpen. Der höchste Berg, das Finsteraarhorn, 4273,9 Meter hoch, 70,3 Kilometer entfernt. Der tiefste Punkt, die Aare in Bern, 499 Meter. Das Lauteraarhorn, 4.042 Meter hoch, 67,2 Kilometer entfernt, "nur knapp sichtbar" wird in Klammern bemerkt. Eiger, Mönch und Jungfrau. Die Insel Dachterrasse: Für die einen ein Höhepunkt, für die anderen ein Tiefpunkt. Endpunkt. Schlussstrich. Aussichtslos. Die Sonne brennt gnadenlos. Krankenhausgeschichten. Krankenhausaussichten.

Der Blick auf die Stadt von oben, alles erscheint winzig klein, selbst die Grosse Schanze vor dem Uni-Hauptgebäude. Die Bahnhofswelle, ein architektonisches Meisterwerk. Panoramarestaurantköche und Ärzte kaum zu unterscheiden. Weiss ist definitiv die Trendfarbe hier oben, neben dem himmelblauen Trainer einer älteren Dame. Am Horizont ein Flugzeug Richtung Flughafen Bern Belp, für mich geht's wieder in die Vertikale. Von oben hinab halbiert sich die Liftauswahl plötzlich, halb so viele Wahlmöglichkeiten. Unspektakulär. Drei Lifte. Drei mögliche Geschichten. Ich fahre alleine nach unten. Ein lustiges Gefühl im Magen. Delia Imboden

Hummel über Bern

Wieder unten versuchte er, der schimmernden Linie zu folgen, die ein prächtiger Vollmond über das nasse Pflaster warf. Nachdem er mit zweimaliger Verschnaufpause endlich die Mattentreppe überwunden hatte, setzte er sich ermattet auf die Brüstung der Münsterplattform, um auf diesen grotesken Abend eine zu rauchen. Hoch über den Dächern des Mattequartiers liess er die Beine über dem Abgrund baumeln und lauschte den Geräuschen der städtischen Nacht. Mit dem sich beruhigendem Puls kehrte ein wohliger Schwindel zurück und liess ihn für den Bruchteil einer Sekunde – und auch wirklich nicht länger – mit dem Gedanken spielen ... Nachdem er einen Glimmpunkt in den Nachthimmel geschnippt hatte, schaute er der schnell kleiner werdenden Glut auf ihrer finalen Flugbahn zu. Johannes Brunnschweiler

Zeitvertreib

Die Bäume, die peinlich genau alle zwanzig Schritte bereitstanden, klatschte ich ab, als wären sie Radsportfans. Ich erschien mir zunehmend dopingverdächtig, da mich die Tram noch immer nicht überholt hatte. Gemächlicher lief ich erst, als das poröse Steingeländer der Brücke meine darauf gleitenden Handflächen strapazierte. Der Scheinwerfer eines entgegenkommenden Autos blendete kurz auf dem Asphalt. Angesichts der späten Stunde war es wohl ein Taxi oder ein Tramtechniker. Bis zum Bahnhof hatte ich grösstenteils den glatten, frisch geteerten Boden unter den Sohlen, den ich als Kind mit dem Tretroller so liebte. Zwischen weissen und schwarzen Kaugummis, für die ich zuvor kein Auge gehabt hatte, fand ich zu Bubenbergs Füssen Konfetti. Ich zählte vier Farben, aber nur zwei Formen und dachte an Chicken Nuggets. Luc Oggier

Die Nacht in Bern war hell

Ich stand unter dem glühenden Kopf eines der Tausenden Strassenriesen und dachte daran, wie es vor einigen Jahrzehnten gewesen sein muss, als die Nacht noch dunkel war und der Nachtschwärmer nicht mehr als ein lästiges Insekt. Als ich in das notorische Glühen starrte, wünschte ich, ich könnte die Flamme auspusten, mir das Licht einverleiben, eines ums andere, bis der ganze Strassenzug nur noch durch die Sterne berührt würde. Ich starrte und starrte, verlangte nach Wasser, löschte Feuer, und trotzdem blieb die Finsternis zu brennend. Punkte tanzten hämisch vor meinen Augen, nachdem ich den Blick wieder auf die Strasse gerichtet hatte und langsam – ich wusste nicht wohin – weiterlief. Unter den Lauben fand ich endlich die Dunkelheit. Sie hatte sich in die Ecken verkrochen und schmollte. Ich setzte mich zu ihr, umarmte sie, und gemeinsam verfluchten wir den Drang der Menschen, die Nacht ausbooten zu wollen. Wo war die Falschheit im Schatten, wo das Recht der Helligkeit in die Domäne der düsteren zwölf Stunden vorzudringen? Martina Frnka