+++ In dieser Serie testen wir Dinge, die besonders schlechte Kundenbewertungen bekommen. Denn ob Top oder Flop, das ist manchmal nur eine Frage des Blickwinkels. +++

Wenn man Pariser Freunden sagt, dass man, nur einen Steinwurf von Sacré-Cœur entfernt, eine Pension für 40 Euro gefunden hat, dann denken sie, dass man sie veräppeln will. Wie, Pension? Wie, Einzelzimmer? Nicht vielleicht eher ein Bett im Hostel-Schlafsaal? Wie, mit Dusche im Zimmer?

Es ist ein Wunder. Und es heißt Hôtel Saint Pierre.

Betritt man die Pension am Nachmittag zum Check-in, so sitzt hinter der Empfangstheke eine ältere Dame, die sich dann erst einmal in aller Ruhe aufrichtet. Sie grüßt, fragt nach dem Namen des potenziellen Gasts und ob man reserviert habe. Und ob man ganz sicher reserviert habe. Dann zieht sie eine Taschenlampe und eine Leselupe hervor und legt einen Stapel ausgedruckter Reservierungen von expedia.com, booking.com und hotels.com vor sich. Sie schaltet die Lampe ein und hält sie mit der einen Hand, und mit der anderen nimmt sie die Lupe. Und dann sucht sie, Blatt für Blatt, nach dem Namen des Gasts, der behauptet, reserviert zu haben.

"Steven?" – "Klaus." – "Ah, oui."

Sie sucht weiter. Und sucht. Was einem die Möglichkeit gibt, den Blick durch die Lobby schweifen zu lassen, die mit einer abgewetzten, aber gemütlich aussehenden hellbraunen Ledersitzgarnitur und einem gewaltigen Fernseher ausgestattet ist. Die Vermutung, es handle sich zugleich um das Wohnzimmer der Betreiber, liegt nahe, und sie wird am Abend genährt durch das laufende Fernsehprogramm, eine Schlagersendung auf TF 1. Auf der Theke der Rezeption steht eine Winkekatze.

Nach zwei oder sechs Minuten taucht die Reservierung schließlich auf.

"Isabelle?" – "Klaus." – "Ah."

Das Saint Pierre mag also nicht unbedingt das Hotel der reibungslosen Abläufe sein. Aber wer keine sechs oder dreizehn Minuten Zeit hat, der hat auch mehr als 40 Euro. Wer rundum standardisierte Arbeitsverfahren liebt, soll halt nach Wolfsburg fahren. Wie die Madame sich erfolgreich bemüht, diesem ganzen Pariser Touristenwahnsinn ihr privates Tempolimit zu verpassen, das ist ziemlich charmant.

Das Zimmer

Man einigt sich schließlich darauf, dass ich Zimmer 11 gebucht habe, erster Stock, dritte Tür links. Nach wenigen Minuten klopft Madame noch einmal, um zu fragen, ob sich in dem Zimmer unter Umständen das Gepäck anderer Gäste befinde. Verneint man und bekundet seine rundumige Zufriedenheit, freut sie sich, und der Deal steht endgültig.

Das Zimmer hat ein Farbkonzept, alles ist in prinzessinhaften Rosatönen gehalten. Die Tapeten passen gut zum kleinen Plastikmülleimer, der Bettüberwurf und der Teppich fügen sich ein wie Tarnfarben in den Regenwald. Für das Gepäck gibt es einen Stuhl und Garderobenhaken mit Kleiderbügeln. Kluge Reduktion ist die Zukunft des Wohnens in einer dicht besiedelten und immer enger werdenden Stadt. Hier ist sie schon Gegenwart.

Zimmer 11 ist also insgesamt ganz tadellos. Gut, es ist nicht tadellos in dem Sinn, dass man vom Boden essen würde, aber in welchem Hotel würde man das schon? Essen kann man ja im Hotelrestaurant, das es nicht gibt. Oder eben, genau: draußen.

Die Umgebung

Draußen ist es auch schön. Die Straße vor dem Saint Pierre führt linkerhand direkt zur Straße, an der Sacré-Cœur liegt, eine große bekannte Kirche auf einem Hügel, auf den längere Treppen hinaufführen. Unterhalb davon befindet sich ein schönes altes Kinderkarussell. Kirmes und Kirche haben denselben Wortstamm, das ist also eine runde Sache. Wer ein Problem mit 40-Euro-Touristen hat, kann die Kirche auch morgens um sieben besuchen, da sitzen nur noch wenige von uns mit Bierflaschen oben, direkt vor Sacré-Cœur. Es riecht dann dort allerdings wie in einem Bahnhofsklo, was nicht so schön ist.

In diesem Gesamtzusammenhang muss man das Hôtel Saint Pierre betrachten: Es hat, nur ein paar Schritte entfernt, eine Gemeinschaftstoilette. Für kultivierte Nachtbiertrinker ist das ein Ereignis.