Die Fahrt mit dem Nachtzug Euro-Night 452 von Berlin nach Paris beginnt ernüchternd: Es ist Freitagabend, 20 Uhr, und der Anblick von Gleis 4 des Berliner Hauptbahnhofs wird von drei Männern bestimmt, die blau-weiß-geringelte Schlafmützen tragen. Einer der Männer trägt sogar einen dazu passenden Pyjama. Haben die drei eine Wette verloren? Handelt es sich um Karnevalsnarren, denen ihr Kalender abhanden gekommen ist? Oder sind es Eisenbahn-Fans, für die ein neuer Nachtzug wie Ostern, Weihnachten und ein neuer Modellbaukatalog zugleich ist?

In den mythischen Geschichten, die vom Nachtzugfahren erzählt werden, haben solche Männer in Faschingskostümen keinen Platz. Es geht in den Erzählungen eher um gut angezogene Altphilologen, die in ihren Schlafwaggons das internationale Flair genießen, es geht auch um schöne Philosophiestudenten, die auf den Fluren der Liegewagen die zweite und dritte Flasche billigen, aber wirkungsvollen Bord-Rotweins verkosten, während sie die Probleme der Welt lösen. Nicht wenige Nachtzugerzählungen sind erotisch aufgeladen; der Nachtzug, das war einst Knutschen in der Koje mit Cary Grant oder Menschen, die noch besser aussahen als Cary Grant. Und heute? Heute steigen Männer in den Zug ein, die geringelte Zipfelmützen tragen.

Das klingt jetzt aber schon wieder nach Weltuntergang. Stimmt natürlich nicht. Die Welt ist ja schon längst implodiert, damals, als vor einem halben Jahr der alte Nachtzug zwischen Berlin und Paris, der Perseus, von der Deutschen Bahn eingestellt wurde.

Man kann es also auch so sehen: Ein neuer Zug markiert einen neuen Beginn. Fangen wir noch mal von vorne an mit dieser Geschichte: neuer Zug, neue Erzählung. Kein Cary Grant.

Die Gesamtfahrzeit von Moskau nach Paris beträgt 42 Stunden. Die Strecke Berlin-Paris macht nicht einmal ein Drittel aus. © Klaus Raab

Am 19. Juni fuhr, zum ersten Mal seit Mitte Dezember 2014, wieder ein Nachtzug auf der Strecke zwischen Berlin und Paris. Betrieben wird der Zug nicht von der Deutschen Bahn, die mehrere ihrer City-Nightliner aus wirtschaftlichen Gründen vergangenes Jahr aussortiert hat, sondern von der russischen Bahn, der RZD. Der Zug kommt aus Moskau und endet am Gare de l'Est in Paris. Bis vor Kurzem fuhr er in Moskau am Donnerstagmorgen ab, erreichte Berlin am Freitagmorgen und Paris am Abend. Für deutsche Frankreichreisende war der Zug deshalb bislang uninteressant: An tagsüber fahrenden schnelleren ICEs und TGVs mangelte es schließlich nicht. Nun aber verkehrt der RZD zwischen Berlin und Paris und zurück in der Nacht.

Grauer Pragmatismus

Um 20.01 Uhr fährt der Euro-Night 452, pünktlich auf die Minute, in den Berliner Hauptbahnhof ein. Der Zug ist auf den ersten Blick vor allem grau, nur der Schriftzug der RZD ist rot. Im Inneren des Zugs setzt sich der Eindruck fort, es gibt rote Teppiche und viel pragmatisches Grau. Die grauen Abteiltüren erinnern von außen an Heizungskellertüren; sie sind schmucklos und völlig dicht. Es gibt kein Fenster, wie in den verlässlich klappernden Türen der alten City-Nightliner der Deutschen Bahn. Der einzige Blickfang ist ein unbeweglicher schwarzer Knauf. Bitte eintreten.

Die Flurassoziationen: Reihenhaus und Heizungskeller – aber mit rotem Teppich. © FPC/RZD

Innen sind die Abteiltüren mit Ganzkörperspiegeln versehen. Stehen die Türen offen, werden die Spiegel Teil des Flurs, und es entsteht ein Eindruck von Größe und Offenheit. Wenn der Zug Berlin erreicht, ist er aus Moskau kommend allerdings bereits knapp 26 Stunden unterwegs. Viele Abteile sind zu diesem Zeitpunkt längst bezogen und eingerichtet – oder, wer weiß das schon, vielleicht auch gar nicht gebucht. Mehr als die Hälfte der Türen jedenfalls bleibt verschlossen.

Und die Verschwisterung?

Wie das Verhältnis von Privatheit und Vernetzung aussehen soll, gehört zu den großen Fragen unserer Zeit. Durch die Innenarchitektur der im Wiener Siemens-Werk gebauten Euro-Night-Wagen vermittelt sich schnell eine Haltung zu dieser Frage. Möglicherweise ist diese russische Grauheit nicht unbedingt dazu da, Charmeoffensiven zu befeuern oder internationale Städtepartnerschaften zu befördern. In den Fluren herrscht eher Reihenhaus- als Wohngemeinschaftsatmosphäre. Immerhin sind hinter den blickdichten Türen auch die Männer mit den Zipfelmützen verschwunden.

All die Geschichten freilich, die über Nachtzugfahrten erzählt wurden und werden, von Manche mögen's heiß bis Steffen Kopetzkys Roman Grand Tour, handeln von Vernetzung, Verschwisterung, Verbindungen zwischen Menschen. Und ja: Selbstverständlich trifft man auch in diesem Zug Menschen, man verbringt sogar die Nacht auf engstem Raum mit ihnen. Das WG-Gefühl, das in den Fluren nicht hergestellt ist, kann in den einzelnen Abteilen entstehen.