Erschienen im Skandinavien-Magazin "NORR", Sommer 2015

Als ich neun Jahre alt war, in Millas Alter also, wohnten wir am Waldrand in Skuthamn bei Piteå, einem industriell geprägten Ort in Norrbotten. Der Wald gehörte für meine Spielkameraden und mich zum Alltag. Dort war das Baumhaus, es gab Elchspuren, Blaubeerbüsche, einen beleuchteten Fitnesspfad, einen Schießübungsplatz, wo wir Patronen aufsammelten, und natürlich Unmengen von Bäumen, zwischen denen man herumschleichen konnte. Ein ganz gewöhnlicher Wald. Aber eine ganze Welt.

Ich wünschte, ich könnte meinen Kindern vermitteln, wie es ist, sich mit einem Gefühl des Vertrauens durch den Wald zu bewegen. Aber das ist gar nicht leicht, wenn der einzige Wald im näheren Umkreis ein 50 Meter breiter Streifen neben einer Parkanlage ist. Es gibt dort Baumhäuser, zu denen wir manchmal gehen, und meinen Töchtern gefällt das, aber ich möchte gern, dass sie mehr erleben. Zum Beispiel den Wald von Kolmården.

Kolmården: Die meisten Schweden verbinden mit diesem Namen den großen Tierpark gleich nördlich von Norrköping. Aber eigentlich handelt es sich um einen fast 50 Kilometer langen, bis zu 167 Meter hohen Gebirgsrücken mit zahlreichen kleineren Bergen, Hügelkuppen, Steilhängen und vor allem dichten Wäldern. Früher einmal war der Kolmården eine gefahrvolle Passage zwischen den sicheren, landwirtschaftlich genutzten Ebenen von Östergötland und Södermanland. Außer Räubern, illegalen Kneipen und Hexen soll es hier auch große Mengen von Trollen, Waldnymphen und ähnlichen Wesen gegeben haben. Das perfekte Reiseziel für uns!

Eine ganz schön große Welt, so ein See © Fredrik Schlyter für NORR

Milla, meine älteste Tochter, sitzt mit ihren Freundinnen Lo und Bella auf der Rückbank. Die Zeltnächte der Kinder lassen sich an einer Hand abzählen – und darin ist eine Nacht auf einem Musikfestival enthalten. Während der Autofahrt reden sie hauptsächlich über Harry-Potter-Filme, Apps, Pferde und Kindergarten-Anekdoten. Sie haben sich allerdings schon mal im Indoor-Klettern und Kanupaddeln versucht, schwimmen gern und lieben es, draußen zu sein – auch wenn es regnet. Kurzum, sie sind genau wie die meisten Stadtkinder von heute.

Erschienen im Skandinavien-Magazin NORR, Sommer 2015

Wir sind unterwegs zum See Nedre Glottern nordwestlich von Åby. Ich war schon einmal zum Nordic Iceskating dort, das Gewässer ist Teil der klassischen Sieben-Seen-Tour. Eine sehr schöne Gegend. Der Wanderweg Östgötaleden führt in der Nähe vorbei, ein Teil der Landschaft ist Naturreservat, der See hat lauschige Buchten, kleine Inseln und Steilufer, und das Wasser ist so sauber, dass man es trinken kann. Wir haben einen Tipp vom Norrköpinger Fotografen Fredrik Schlyter bekommen: Es gibt dort einen kleinen Abenteuerpark mit Sami-Kote, Kletterfelsen, einer Seilbahn, Parcours-Routen und Kanus. Dort wollen wir zweimal übernachten. Von Anders Rylén, der die Anlage betreibt, hörten wir, dass wir dort ganz für uns sein werden.

Gibt es Seeungeheuer?

Milla, Bella und Lo haben sich mit drei Jahren im Kindergarten im Stockholmer Stadtteil Aspudden kennengelernt. Jetzt gehen sie in verschiedene Klassen auf verschiedene Schulen, sind aber immer noch befreundet. Am Nedre Glottern wird außerdem noch Ester zu uns stoßen, die Vierte aus der alten Kindergartenclique. Sie kommt mit ihrem Vater Mats.

Als wir uns dem See nähern, versuche ich die Mädchen auf das vorzubereiten, was uns erwartet, auch aus einem gewissen Selbsterhaltungstrieb heraus. Wie sollen Mats und ich es sonst schaffen, auf vier neunjährige Kinder aufzupassen, direkt neben einem Steilhang, einem See und einem Abenteuerpark? Meine Tochter Milla stellt nur eine Bedingung: "Ich will nicht an einem See zelten, in dem es ein Seeungeheuer gibt, das mich im Schlaf so verhext, dass ich komische Sachen mache", sagt sie. "Das Risiko ist minimal, aber versprechen kann ich nichts", antworte ich wahrheitsgemäß.

Das Wasser des Sees ist so sauber, dass man es trinken kann. Darin baden kann man natürlich auch. © Fredrik Schlyter für NORR

Als wir das Auto geparkt haben und im Begriff sind, auf dem Östgötaleden zum Camp zu wandern, schultern die Kinder ihre vollgepackten Rucksäcke. Es folgt eine kurze Abstimmung: "Wir spielen, dass wir Stars sind!" – "Au ja!" – "Aber wie benehmen sich Stars?" – "Wie bescheuerte Vierzehnjährige." Dann stapfen sie los, in einem Affentempo. Es dauert, am Ziel angekommen, nicht lange, bis die Kinder wie Marschflugkörper über die Bucht paddeln, den unteren Teil des Abenteuerparks erkunden, große Portionen Nudeln essen und ein abendliches Bad im See nehmen. Und alles ist in irgendein Spiel eingebunden. Dann liegen sie am Feuer, lesen Comics, schauen den Sternenhimmel an. Und schlafen nach langen Gesprächen spät ein.

Platz für zwei Männer, vier Kinder und eine Maus © Fredrik Schlyter für NORR

Die Maus im Schlafsack

Mitten in der Nacht wache ich davon auf, dass sich in der geräumigen Sami-Kote etwas bewegt. Der Boden ist mit Holzplanken bedeckt, und in der Mitte befindet sich eine große Feuerstelle. In der Kote hätten bestimmt 20 Erwachsene nebeneinander Platz. Wir liegen in unseren Schlafsäcken, mit den Köpfen ziemlich nahe an der erloschenen Glut. Irgendwas läuft über meinen Schlafsack. Man hört das Geräusch kleiner Pfoten auf dem glatten Stoff. Es muss eine Waldmaus sein. Ich schüttele mich und sie ist verschwunden. Fünf oder zehn Minuten sehe ich die Maus nahe der Feuerstelle unter einer Bodenplanke hervorkriechen. Sie schleicht sich an die Schlafsäcke der Kinder heran, auf der Suche nach Futter. Plötzlich ist sie bei Esters Schlafsack, der an der Schulter eine große Öffnung hat. Und krabbelt hinein! Nur für ein paar Sekunden, dann kommt sie wieder heraus und trippelt weiter.

Riskieren wir hier womöglich, dass eines der Kinder eine lebenslange Waldmausphobie davonträgt? Ein paar Stunden später, als wir wach sind, das Feuer in Gang gebracht und gefrühstückt haben, erzähle ich von unserem nächtlichen Besuch. "Oh, wie niedlich!", rufen die vier und fangen sofort an, überall in der Kote kleine Brotstückchen auszulegen.