Selbst Menschen, die das Neue lieben, kehren im Urlaub immer wieder an symptomatische Orte zurück. Ans Meer, aufs Land, ins Hotel. Von diesen Orten handelt unsere Serie Abwesenheitsnotizen.

In der Theorie ist der Frühstücksraum ein charmanter, bisweilen romantischer Ort. Er befindet sich unter Kronleuchtern in einem Herrenhaus oder Schloss, also in einem zeitlos schönen Gebäude mit Endlosfluren und übergroßen Zimmern. Küche, Bad, Besenkammer, Schlaf-, Wohn- und Esszimmer sind selbstverständlich. Dann der grüne Salon. Die Bibliothek. Das Teezimmer. Und eben der Frühstücksraum.      

In der Realität ist dieser Ort von durchwachsenem Reiz. Man besucht ihn für gewöhnlich auf Reisen, wenn man im Hotel oder in der Jugendherberge die erste Mahlzeit des Tages in Gesellschaft fremder Leute einnimmt. Natürlich gibt es Menschen, die sich das Hotelfrühstück auf ihr Zimmer bringen lassen und im Bademantel auf dem Bett frohlocken. Um Marmeladenflecken und Croissantkrümel auf den Laken kümmert sich später das Reinigungspersonal. Ein Erlebnis von größtmöglicher Exklusivität. Der Frühstücksraum zeigt uns dagegen als Gleiche unter Gleichen.

Gäbe es das Büfett nicht, könnte der Frühstücksraum als Aufwachraum funktionieren, als Ort, der die Menschen vom Hotelzimmertiefschlaf sanft in die Wachphase hinübergleiten lässt, unterstützt von Jazztönen im Hintergrund und der obligatorischen Kaffee-Flatrate. Bedauerlicherweise gilt das Gegenteil: Den Frühstücksraum verlassen seine Gäste meist schläfriger, als sie ihn betreten haben. Die Ärzte des Schweizer Waldsanatoriums in Thomas Manns Der Zauberberg verordneten den Patienten nach dem ersten Frühstück eine ausgiebige Liegekur, doch diese Zeiten sind seit dem Early-Check-Out vorbei.

Schuld an der Postfrühstückslethargie ist der uneingeschränkte Zugang zu Nahrung. Diesem üppigen Angebot verfallen selbst diejenigen, die eigentlich strenge Diät halten. Wäre ja auch schade, sich angesichts so viel kulinarischer Vielfalt nicht einmal quer durch sämtliche Abteilungen zu futtern, von den Croissantvariationen bis zum Räucherlachs. Außerdem ist man ja im Urlaub. Oder auf Kur, wie die Herren und Damen des Zauberbergs. Zum Wohl der geschwächten Patienten werden die Speisen, "Marmeladen und Honig, Schüsseln mit Milchreis und Haferbrei, Platten mit Rührei und kaltem Fleisch" hier allerdings direkt am Platz serviert. Eine Praxis, die mit der Erfindung des Büfetts aus der Mode gekommen ist.

Das Büfett ist das Zentrum eines Frühstücksraums. Zur festgelegten Fütterungszeit schleppt man sich unter Beobachtung der anderen Gäste in den Frühstücksraum. Er ist auch eine Bühne, auf der man besser frisch geduscht erscheint. Die Zimmernachbarn stehen bereits am Müsli. Hochbetrieb an der Pfannkuchenausgabe, der Küchenlehrling ist alleine. Tatsächlich ist der Frühstücksraum oft nicht viel mehr als die Premiumvariante der Bürokantine. Obwohl man im Urlaub ist, muss man sich auch hier sein Essen erst einmal verdienen, sei es durch geduldiges Schlangestehen.

In den Frühstücksräumen dieser Welt werden die Klassiker des Hotelfrühstücks sorgsam auf Terrassenebenen unterschiedlicher Höhe platziert: hier die Butterplätzchen im Eisbassin, da drüben die XL-Marmeladengläser mit klebrigen Löffeln, Honigportionen in Plastikpäckchen, Pumpernickel in Einschweißfolie, aufgefächerte Wurstsorten und schwitzender Scheiblettenkäse, Obstsalat aus Dosenfrüchten, Blätterteiggebäck in schräg übereinander drapierten Körben, mechanisch betriebene Orangensaftkrüge. Abhängig vom Reiseland und dem dazugehörigen Kulturraum variiert das Angebot leicht: In Italien werden zusätzlich Kekse und Kuchen gereicht, die Schweizer sind auf Bircher Müsli spezialisiert, die Briten bevorzugen zu den Eierspeisen Blutpudding und Baked Beans.