Selbst Menschen, die das Neue lieben, kehren im Urlaub immer wieder an symptomatische Orte zurück. An das Meer, aufs Land, ins Hotel. Von diesen Orten handelt unsere Serie Abwesenheitsnotizen.

Elfeinhalb Monate im Jahr starrt der Stadtmensch im Büro auf die Alm seines Desktophintergrunds. Kühe auf blühenden Wiesen beruhigen das aufgebrachte Gemüt und versüßen die Vorfreude auf jenen Ort, wo der Geplagte zwei Wochen im Jahr zu sich selbst findet: auf das Land.

Am Tag der Abreise lädt er den Kofferraum seines SUVs voll mit den Buchempfehlungen seines Lieblingsfeuilletons und Haltbarem aus dem Biosupermarkt. Zwar sitzt er auf dem Land sozusagen an der Bio-Quelle, aber nur theoretisch. Das Rote-Bete-Hummus hat er vergangenes Jahr vergeblich gesucht. Auf dem Land gibt es Natur, aber kein Alnatura. Auch keine überregionalen Zeitungen, sondern nur das Mühlacker Tagblatt. Es riecht ein wenig streng. Die Langsamkeit des Internets sucht ihresgleichen, der Handyempfang ist schlecht. Beste Voraussetzungen für den Digital Detox.

Seit dem 19. Jahrhundert meint die "Sommerfrische" sowohl die temporäre Stadtflucht als auch ihren Zielort. Das Wörterbuch der Gebrüder Grimm umschreibt den Begriff mit einem "erholungsaufenthalt der städter auf dem lande zur sommerzeit" oder einer "wohnung auf dem lande, die man im sommer bezieht". Damals vordergründig aus pragmatischen Motiven, um der prekären hygienischen Situation in den aufgeheizten Städten zu entfliehen. Für die Trennung vom gesellschaftlichen Leben entschädigten Badespaß, Bridgeturniere und klare Luft.

Sigmund Freud schwärmte von der "entzückenden Einsamkeit" des Südtiroler Eisacktals: "Berg, Wald, Blumen, Wasser, Schlösser, Klöster und keine Menschen ... das Abendessen hat dann sehr geschmeckt." Auch der moderne Großstädter freut sich über seinen gesunden Appetit. Er lobt den unverdorbenen Geschmack des Rohmilchkäses und überhört dabei das Laktoseintoleranz-bedingte Bauchgrummeln. Zur Beruhigung liest er ein wenig Hochkultur, dazu kommt er den Rest des Jahres ja nicht.  

Der Titel von Arthur Schnitzlers Tragikomödie Das weite Land meint nicht den Handlungsort, sondern die menschliche Seele und zwar jenen Teil, der gerne fremdgeht. Stefan Zweigs 1911 veröffentlichte Novelle Brennendes Geheimnis handelt von Komplott und Prügelei – offenbar bekommt die Landluft dem Großstädter nicht. Bei Tschechow ist Die ländliche Ereignislosigkeit Metapher für den Stillstand der zaristischen Gesellschaft. Aus purer Langeweile macht sich das Personal der Möwe das Leben zur Hölle, wer sich nicht erschießt, ertränkt seine Schwermut in Wodka. Gar keine schlechte Idee, findet der Großstädter. Blöderweise hat er weder Wodka dabei noch Craft-Beer noch handgekelterten Gin. Das Sortiment des Dorfladens lässt viele Wünsche offen.