Selbst Menschen, die das Neue lieben, kehren im Urlaub immer wieder an symptomatische Orte zurück. Ans Meer, aufs Land, ins Hotel. Von diesen Orten handelt unsere Serie Abwesenheitsnotizen.

Wer Urlaub am Meer macht, liegt abends in einem Bett, das schaukelt wie auf Wellen. Mir wird davon übel. Vielleicht kann ich als Strandurlauberin auch deshalb so schlecht einschlafen, weil ich den ganzen Tag nicht viel unternehmen konnte. Dreimal wegen Eis zum Kiosk schlendern und entscheiden: in der Tüte, im Becher, am Stiel? Und Gucken. Auf den Horizont. Auf das Wasser. Auf die anderen halbnackten Touristen, die gucken. Ich fahre lieber in die Berge.

Kaum etwas in der Natur flößt uns so viel Ehrfurcht ein wie der Anblick von Bergen. Das sage nicht ich, sondern Kofi Annan. Sie wissen schon: Ex-UN-Generalsekretär und Friedensnobelpreisträger. In die Berge fahren also nicht nur retroverliebte Hipster und Familien in hässlicher Funktionskleidung. Wer in die Berge reist, sucht etwas: Einsamkeit, Natur, Ruhe, die Verhältnismäßigkeit der Dinge. Schon klar, das suchen die am Meer auch, ist ja inzwischen so was wie ein Grundrecht vor dem Rentenanspruch. Aber wenn es nur darum ginge, könnte man auch Tai-Chi auf einer Wiese machen.

Die zwei bestechendsten Eigenschaften der Berge sind ihre Größe (kleine wie der Harz zählen nicht, das sind Mittelgebirge) und ihre Langsamkeit. Tatsächlich wachsen viele von ihnen. Die Alpen beispielsweise um fast einen Millimeter pro Jahr. Der Himalaya sogar um bis zu zehn. Geologisch betrachtet ist er damit beinahe hyperaktiv, menschlich betrachtet ziemlich ruhig. Wenn ich ehrlich bin, sind Berge ein großes Vorbild für mich: weniger Tun, mehr Sein.

Und wie schafft man das? Indem man ordentlich was tut. In den Bergen nennt man es Wandern. Man geht los, redet noch ein bisschen mit den Begleitern, aber nicht mehr lange. Irgendwann verfallen alle in dieses tranceartige Voransteigen, in dem man einfach einen Fuß vor den anderen setzt und die Gedanken endlich dahin gehen, wo sie hingehen wollen, idealerweise zum Kuckuck.

Natürlich habe ich mich auch schon allen Lächerlichkeiten hingegeben, denen man sich als Städter in den Bergen hingeben kann. Wir haben für die Familie eine winzige Berghütte gemietet. Ohne Strom, ohne Heizung, vor allem ohne Anfahrtsmöglichkeit, aber mit knapp 600 Höhenmetern Zustieg. Dafür gab es oben reichlich Holz zum Spalten und sehr kaltes Brunnenwasser. Ich habe einen Naturführer über alpine Flora gekauft und Stirnlampen, mit denen wir dann im angrenzenden Schuppen nach diesem verflixten Kettchen gesucht haben, das die Jüngste dort verloren haben wollte. 

Holz zum Spalten und sehr kaltes Brunnenwasser © lube / photocase.de

Ich kann noch immer kaum mehr als die Alpenrose von Enzian von Edelweiß unterscheiden, freue mich aber über Namen wie Akelei und Hauswurz. Wir sind auf Gämsen getroffen und wissen jetzt, dass die pfeifen. Einmal haben wir eine tote Kuh gefunden und ein andermal kreisten Steinadler über uns. Doch meistens beschränkt sich alles Spektakuläre auf die Aussicht. Auf das, was sich einem eröffnet, wenn man den letzten Schritt zum Gipfel gegangen ist. Auch wenn man dabei ein bisschen pfeift wie eine Gämse.

Deswegen packt man jeden Tag voller Vorfreude den Rucksack mit Sandwiches, die hier plötzlich Brotzeit heißen müssen, und steigt wieder los: Um zu erleben, was Goethe natürlich viel pathetischer formulieren durfte: "Die Gebirge sind stumme Meister und machen schweigsame Schüler." 

"Der Alte!", denkt man noch anerkennend, "aktuell wie immer, selbst in einer Zeit, in der wir alle dem Drang erliegen, ständig online zu sein und uns allen anderen mitzuteilen." Dann ist man glückselig off.