Wandern wie wilde Elfen

Erster Tag unserer Wanderung durch Island. Zur Stärkung gibt es einen Happen Trockenfisch. Auch bei strahlendem Sonnenschein ist Trockenfisch gewöhnungsbedürftig, vorsichtig ausgedrückt. Trockenfisch ist bei den Isländern angeblich sehr beliebt, was kaum vorstellbar ist. Die Proteinbombe soll meinem Wanderkollegen und mir die nötige Kraft für die Tour geben. Doch es schmeckt, wie es riecht – furchtbar. Alter, vertrockneter Fisch. Wahrscheinlich essen die Isländer das Zeug gar nicht selber, sondern verfüttern es ausschließlich an Touristen. Isländischer Humor, genauso trocken wie der Fisch.

Kurz nach dieser kulinarischen Katastrophe startet die Tour. Von Skógar aus verläuft sie über den Fimmvörðuháls, am Vulkan Eyjafjallajökull vorbei nach Landmannalaugar. 80 Kilometer, 4.700 Höhenmeter. Fünf Tage haben wir eingeplant für die Tour und mit diesem Wanderoptimismus schon beim Busfahrer für schadenfrohes Gelächter gesorgt.

Hinter dem rauschenden Wasserfall Skógafoss starten wir. Die Sonne zeichnet einen Regenbogen in den Sprühnebel, und am Horizont glitzert das Meer. Mit jedem Meter, den wir laufen, wird das Wetter rauer. Die Sonne verschwindet schließlich ganz, ab sofort weht ein eisiger Wind. Immer wieder versperren Felsen den Weg. Die Felsen sind durch den Regen feucht und rutschig, mit meinem 15-Kilo-Rucksack klettere ich wie ein dicker Maikäfer auf allen vieren über die Hindernisse. Nebenan prescht der wilde Fluss durch die schmale Schlucht zwischen den dunklen Felswänden.

Wir laufen und laufen. Nach einiger Zeit kommt eine Brücke – ohne Stufen. Auf uns wartet eine drei Meter hohe Kletterpartie. Der dicke Nebel nimmt uns mittlerweile vollständig die Sicht. Die Wegmarkierungen, die alle 20 Meter den Weg weisen sollen, sind nicht mehr zu erkennen. Plötzlich wird der Regen zu Schnee, wir können nicht mehr. Zum Glück finden wir die Notunterkunft Baldvinsskali, es ist unsere Rettung, obwohl es weder Strom noch fließend Wasser gibt. Immerhin ist es trocken, den Wind sperren wir für den Rest des Tages aus. Die kalte Pizza vom Vorabend, die wir uns haben einpacken lassen, ist für uns ein Festessen.

Am nächsten Morgen, der zweite Tag, werden wir von Sonnenstrahlen geweckt. Neuer Optimismus. Doch als wir nach einem bescheidenen Frühstück die Hütte verlassen, hat sich die Sonne längst wieder hinter Wolken versteckt. Ein grauer Himmel kündigt neuen Regen oder Schnee an. Immerhin ist die Sicht wieder besser, wir setzen unsere Tour fort.

Tag zwei sieht ein bisschen so aus wie Tag eins. © Annika Erbach

Der Weg führt über eine langgezogene Schneepiste. Eine Ascheschicht hat die weiße Landschaft grau und dreckig gefärbt. Nun geht es eine Weile bergab – auf dem Hintern rutschen wir die Schneepiste hinunter. Unten angekommen, befinden wir uns auf dem Fimmvörðuháls, gleich neben dem Gletscher Eyjafjallajökull. Die letzte Eruption des Spaltenvulkans, quasi direkt unter unseren Füßen, ist noch gar nicht so lange her. Wie zum Beweis erreichen wir eine dunkle Insel aus dampfender Lava. Als wir am Rand des Schneefeldes stehen bleiben, bleibt uns kurz die Luft weg. Wir verstehen, dass das gesamte Schneefeld, über das wir seit Stunden laufen, von heißer Lava unterflossen wird. Ich will gar nicht darüber nachdenken, was passieren würde, wenn ich auf eine besonders dünne Schneeschicht trete.

"Hier sieht es aus wie im Elfenland!"

Schwer bepackt in Þórsmörk © Annika Erbach

Irgendwann wird es langsam wieder etwas grüner um uns herum. Wir sind in der Þórsmörk angekommen. Der Blick ist beeindruckend: überall mächtige moosgrüne Berge mit zerklüfteten Hängen – hier sieht es aus wie im Elfenland. Während wir die Aussicht genießen, gibt sich das isländische Wetter erneut launenhaft. Dunkle Wolken ziehen sich am Himmel zusammen, ein eisiger Wind fegt pfeifend über die Berglandschaft, graue Regenschleier peitschen hinunter. Island ist nichts für Warmduscher, so viel steht jetzt schon fest. Und genau das macht diese Insel so faszinierend. Die Berge sind nur ein paar hundert Meter hoch, trotzdem fühlt man sich, als sei man auf dem höchsten Punkt der Erde.

Auf Island ist die Natur immer der Sieger. Ungestört brodeln Vulkane, über schroffe Felsen stürzen sich reißende Bäche ins Tal, Flüsse suchen sich ihren eigenen Weg. Deshalb gibt es nur sehr selten Brücken. Hin und wieder müssen wir deshalb durch einen Fluss furten. Das Wasser ist eisig und die Strömung nicht zu unterschätzen. Doch die eiskalt umspülten Waden sorgen für eine gute Durchblutung. Einen Moment lang fühlt man sich aufgewärmt und fit, bis Regen und Wind alles wieder zunichtemachen.

Eiswasser ist gut für die Durchblutung © Annika Erbach

Am Ende des zweiten Tages, nach einer erneut anstrengenden Etappe, erreichen wir schließlich das Nachtquartier Volcano Huts. Unser Bungalow ist beheizt, und im Außenbereich gibt es eine Sauna. Hier tanken wir Kraft für den nächsten Tag. An der Bar kann man Bier kaufen, die Dose für acht Euro. Kurz überlegen wir, beschließen dann jedoch, dass wir uns die flüssige Kostbarkeit verdient haben.

Der dritte Tag beginnt, wie der zweite Tag aufgehört hat: mit Regen. Das isländische Wetter bleibt ausnahmsweise mal konstant. Schilder am Wegesrand warnen vor einem Ausbruch des nahe gelegenen Vulkans Katla und geben Anweisungen, was bei einer Eruption zu tun sei. Wir laufen hinein in eine Wüste aus schwarzem Sand. Hier gibt es nichts zu sehen, bis plötzlich die mächtige Schlucht Markarfljótsgljúfur vor uns auftaucht. Sie ist durch Gletscherläufe ausgespült worden und bietet ein beeindruckendes Panorama.

Es brodelt und dampft. © Annika Erbach

Wir laufen und laufen. Mittlerweile haben wir vergessen, wie sich Müdigkeit anfühlt. Irgendwann erreichen wir eine kleine Brücke, die über die Schlucht des Flusses Fremi-Emstrua führt. Hinter der Brücke geht es bergauf. Wer hier Höhenangst hat, hat schlechte Karten. Mithilfe eines Seiles müssen wir große, glitschige Steine bezwingen und verfluchen unser schweres Gepäck. Auf der anderen Seite der Hügellandschaft erreichen wir das nächste Nachtquartier unserer Tour. Wir können kaum fassen, wie schnell dieser Tag vergangen ist und drücken uns in die Hütte. Draußen fegt ein kräftiger Sturm, es regnet jetzt pausenlos, unnachgiebig.

"Ich spüre zum ersten Mal ein Gefühl der Verzweiflung"

"Bitte parken Sie im dafür vorgesehenen Bereich!" © Annika Erbach

Am nächsten Morgen sind unsere Klamotten und die Schuhe noch immer nass. Als wir gerade beschließen, dennoch loszulaufen, verhindert eine Unwetterwarnung den pünktlichen Start. Ich frage mich, wie ein Unwetter auf Island aussieht und ob das Wetter der vergangenen Tage also normal war. Wir warten. Um 11 Uhr vormittags wird die Unwetterwarnung aufgehoben, wir dürfen endlich starten. Kaum verlassen wir die Hütte, peitscht uns der Regen ins Gesicht.

Nachdem wir eine Weile lang gut vorankommen, erreichen wir einen Fluss, den wir erneut furten müssen. Doch der Fluss führt zu viel Wasser. An der breitesten Stelle wagen wir einen ersten Versuch. Das Wasser reicht mir fast bis zum Bauch, ständig muss ich mich gegen die starke Strömung behaupten. Erschöpft und völlig verfroren, rasten wir schließlich in einer Nothütte in Hvanngil. Wir sind am ganzen Körper durchnässt vom Regen und vom Durchqueren des Flusses. Wenn unsere Kleidung über Nacht nicht trocknet, wird sie auch während unserer Pause nicht trocken werden. Ich spüre zum ersten Mal ein Gefühl der Verzweiflung.

Beeindruckende Landschaft © Annika Erbach

Plötzlich wird es laut. Eine Geländewagen-Safari fährt vor der Hütte vor. Mit mitleidigen Blicken werden wir betrachtet und ausgefragt. Als Zielprämie haben wir uns eine Knackwurst aufgehoben, die bieten wir nun den Teilnehmern der Safari an. Thüringer Knackwurst gegen Mitfahren im Geländewagen. Keine fünf Minuten später sitzen wir auf der Rückbank. Es gibt Sitzheizung, es gibt Schokolade, es gibt angeregte Gespräche und ganz nebenbei eine kostenlose Safari durch das wilde Island. Die Geländewagen rasen durch abgelegene Berglandschaften fernab der Wanderwege. Es ist herrlich.

Nach einer Weile werden die Berge um uns herum langsam bunter und sehen noch unwirklicher aus als die moosgrünen Berge der Þórsmörk. Wir sind jetzt endgültig im Elfenland angekommen, am Ziel: in Landmannalaugar. Hier steigt schwefelhaltiger Qualm aus der Erde, es brodelt und dampft. Eine heiße Quelle speist einen Hotpot, indem wir den Rest des Abends verbringen. Wir sind nicht traurig, die letzten Kilometer bis zum Ziel nicht gewandert zu sein. Wir haben uns schon an den Tagen zuvor bewiesen, dass wir es mit Island aufnehmen können, wenn auch immer nur für kurze Zeit. Wir haben es geschafft. Und wir kommen wieder.