Die Musik ist laut, die Bemalung ist grell, die Fahrt ist wild. Wenn das keine Achterbahn ist, was ist es dann? Richtig, Kenias öffentliches Nahverkehrssystem. Es besteht aus Matatus, kleinen Bussen.

Wenn etwas laut, grell und wild ist, kann man es mögen oder nicht. Aber dass die Busse ein einzigartiges Phänomen sind, das ist ziemlich eindeutig. Was immer gerade an Musikstilen und Trends angesagt ist, wird auf und in ihnen verewigt. Touristen und Einheimische steigen gleichermaßen ein. Die einen fahren jeden Tag mit einem der 20.000 Busse zur Arbeit, von denen jeder 14 bis 32 Passagiere fasst – mehr als die Hälfte der drei Millionen Einwohner Nairobis nutzt das öffentliche Verkehrssystem. Die anderen nutzen Matatus, weil sie den künstlerischen Ausdruck der Graffitis bewundern. Für viele Kunden gilt beides: Die Busse sind Gebrauchssehenswürdigkeiten. Und jede Fahrt ist, auch der Optik wegen, anders.

Bis vor Kurzem sah es allerdings so aus, als wäre es mit diesen Bussen vorbei.

Matatu "Poetic", 2015 © Ronald Bera

2004 hatte die kenianische Regierung die Bemalung der Minibusse verboten. Stattdessen sollten sie gelbe Streifen auf der Seite haben. Ein Grund war, dass viele Matatus von Unternehmen geführt werden, deren Struktur, beschönigt gesagt, undurchsichtig ist. Die Betreiber vermieten die Busse an Fahrercrews für feste Tagessätze; die Fahrer reagieren darauf, indem sie so schnell wie möglich fahren und so viele Passagiere wie möglich mitnehmen. Der Umweg über die Außengestaltung war ein Versuch, die Matatu-Industrie stärker zu regulieren.

Vor einigen Monaten aber hat Kenias Regierung das Bemalungsverbot aufgehoben, und seitdem läuft auf Nairobis Straßen wieder der alte Wettbewerb: Wer hat das beste mobile Graffiti, und wer hat – was nicht zwangsläufig deckungsgleich sein muss – das auffälligste?

Die Busse sind nicht nur bemalt, sie zeichnen sich auch durch laute Musik aus, die manchmal nur plärrt, manchmal aber auch von einem guten DJ zusammengestellt wurde, der die Passagiere dazu bringt, im Sitzen zu tanzen. Im Inneren der Busse gibt es Plasmabildschirme und freies Wi-Fi für alle Passagiere – nicht unwichtig angesichts der langen Fahrten durch überfüllte Straßen. Und jeder Bus hat einen Namen, häufig einen bekannten: Jesus, Obama, P Diddy, auch ein Hitler fährt herum. Es gibt – üblicherweise in englischer Schreibung – den Bus Demagoge, den Psycho, den Gangsta und den Unberührbaren. Versehen sind sie oft mit Mottozeilen wie aus einem Social-Media-Profil: "Ich fahre nicht schnell, ich fliege nur langsam" oder "Lebe schnell, stirb jung". Einen Bus, der ein Porträt Nelson Mandelas zeigt, ziert das Statement: "United States of Africa". Und wieder einen anderen ziert Kritik an der kenianischen Regierung. Auf der Heckscheibe steht: "Ni Kusema na Kungoja", Suaheli für "Bekanntmachen und abwarten" – eine Abwandlung von Präsident Uhuru Kenyattas Slogan "Ni Kusema na Kutenda" – "Bekanntmachen und handeln".

Ein 58er? HipHop!

Michael Kinuthia, ein 30-Jähriger, der als Nozy bekannt ist, ist einer der von Busbetreibern meistgebuchten Graffitikünstler. Einige seiner jüngeren Arbeiten sind ein schwarz-roter Minibus, der Motive des Films Fast and Furious 7 aufgreift, und einer, der dem James-Bond-Film Skyfall gewidmet ist.

In Nairobis Eastlands: Michael Kinuthia – bekannt als Nozy – sprüht vor Ideen. © Ronald Bera

Kinuthia arbeitet in einer Garage in Nairobis Eastlands, wo die Matatu-Kultur einst ihren Anfang genommen haben dürfte. Mit seinen Arbeiten, sagt er, würdige er Kenias Popkultur. "Ein Bus, der auf der Route nach Dandora fährt" – also in einen strukturschwachen Bezirk mit hoher Arbeitslosigkeit –, "bekommt eher ein Reggae-Thema." Martin Wahome, sein Kollege, ergänzt: "Wenn man an einem 58er arbeitet, der also auf der Route nach Buruburu unterwegs ist, wählt man eher einen Hip-Hop-nahen Look" – Buruburu ist ein Mittelschichtsbezirk mit Shopping-Zentren.

"Je origineller ein Bus gestaltet ist, desto eher zieht er Passagiere an", sagt Wahome. Und so lassen sich viele Busbetreiber das Artwork einiges kosten. Bis zu einer Million Kenianische Schilling zahlen sie pro Busdesign – etwa 9.000 Euro. Sieben bis zwölf spezialisierte Leute arbeiten dafür an einem Matatu. Einer an den Felgen, einer an der Musikausstattung, einer am Innendesign, einer kümmert sich um das Äußere.

Anders gesagt: Matatus schaffen Jobs. Das hat auch die kenianische Regierung gemerkt.