In Mexiko lacht der Tod einem direkt ins Gesicht. Von jeder Straßenecke aus, in jedem Restaurant, in jeder Bar schauen einen grinsende buntbemalte Totenköpfe, Calaveras, an. Aus Porzellan, Metall oder sogar aus Schokolade, aufgespießt zum Anbeißen – der Tod am Stiel. Und trotzdem ist er hier, in Tulum, weiter weg als irgendwo sonst in Mexiko. An der Küste der Halbinsel Yucatán ist das Leben nicht sonderlich gefährlich. Da sind sich auch Brian Dominic und Luis Ángel einig.

Von den Drogenkriegen und den vielen Morden im Zentrum und im Norden von Mexiko bekommen die beiden Schüler hier an der Riviera Maya nicht viel mit. "Ich mag Tulum sehr", sagt der 15-jährige Brian Dominic über die Stadt, die einmal ein Fischerort war, später ein Geheimtipp, und inzwischen eine Küstenstadt mit rund 15.000 Einwohnern und noch viel mehr Besuchern. "Es un sitio de seguridad, es ist ein Ort der Sicherheit." Sicherheit schlägt alles in Mexiko, auch die Schönheit und das Abenteuer, das viele Touristen hier suchen. Nichts kann besser sein als "sicher".

"Niemand möchte im Zentrum von Mexiko oder in Acapulco oder Ciudad Juárez wohnen", sagt Brian Dominic. "Hay mucha delincuencia allí, es gibt viel Kriminalität dort". Zusammen mit Luis Ángel macht er gerade eine Umfrage auf Englisch, für seine Schule. Die beiden streifen in ihren weißen Schuluniformen durch den ehemaligen Hippie- und Aussteiger-Ort, der rund um die Fernstraße MEX 307 anderthalb Stunden Autofahrt südlich von Cancún im Bundesstaat Quintana Roo gewachsen ist.

"Pizza, Pace, Love" steht an der Wand eines Hostals über einem Streetart-Gemälde, das den späten John Lennon in der Yoko-Ono-Phase zeigt. Der Begriff "Harmonie" wurde durch "Pizza" ersetzt. Und wirklich, Harmonie sucht man hier vergebens. Der ganze Ort ist ein großer Widerspruch: Zwischen mexikanischen Bars und Souvenirbuden gibt es inzwischen Biosupermärkte, vegetarische Restaurants und Vintage-Läden. Frida Kahlo, die mexikanische Malerin, ist allgegenwärtig: auf Taschen, Postern und Schlüsselanhängern. Aus jedem Geschäft blickt die Ikone mit den zusammengewachsenen Augenbrauen zwischen bunten Teppichen und mexikanischem Kunsthandwerk auf die beiden Schüler und ihr Englischprojekt herab.

"Where do you come from?", fragt der 17-jährige Luis Ángel seine Interview-Partner, die er auf den Straßen von Tulum anspricht. Die Antwort lautet besonders oft: "New York, USA." Eine Frau ganz in schwarz, mit runden Sonnenbrillengläsern und Schlapphut, steht ihm jetzt Rede und Antwort, sie sieht aus wie ein Rockstar. Ein Glück, dass es hier inzwischen so viele Touristen gibt, die sehr gut Englisch sprechen. Sie können etwas erzählen von der westlichen Welt, die Luis Ángel und Brian Dominic nicht kennen. Eine Welt, die hier in Tulum sehr nah und doch gleichzeitig unendlich weit weg zu sein scheint.

Luis Ángel ist nie weitergekommen als bis nach Mérida, die koloniale Hauptstadt der Yucatán-Halbinsel. Sein Sehnsuchtsziel ist Los Angeles, die Stadt der Engel, er möchte einmal den Ort sehen, "an dem die Hollywood-Filme gedreht werden". Ein bekanntes mexikanisches Sprichwort lautet: "Armes Mexiko. So weit weg von Gott und so nah an den USA". Mexiko, das Grenzland, das Land der Durchreise. Für ganz Lateinamerika ist es die letzte große Hürde, die man nehmen muss, um in den glorreichen Norden zu gelangen.

In Tulum träumen die Menschen von den USA © Rebecca Erken

Wer die "Hölle" von Mexiko übersteht, kommt in den "Himmel", in die USA. In allem schwingt – auch im sicheren Tulum – die Sehnsucht nach dem mit, was jenseits der nördlichen Grenze ist. Viele mexikanische Kinder und Jugendliche haben englische Namen, genau wie Brian Dominic. Sie sollen es einmal so gut haben wie die Nachbarn im Norden, wie Onkel Sams Kinder. "Unsere Väter sind beide taxistas", sagen Brian Dominic und Luis Ángel. "Wir leben vom Tourismus." Nacheifern wollen die beiden ihren Vätern allerdings nicht. Luis Ángel möchte Arzt werden, Brian Dominic Anwalt oder Schifffahrtsingenieur. "Ich möchte mehr Geld verdienen als meine Eltern", sagt er. Dann wolle er in die Länder der großen Fußballnationen reisen, nach England, nach Spanien, nach Portugal – "und natürlich zum Weltmeister, nach Deutschland, nach Berlin. Zu Müller, Neuer, Reus."

Von der mexikanischen Nationalmannschaft sprechen die beiden nicht. Was ist mit ihrer eigenen Fußballkultur, überhaupt mit der mexikanischen Kultur, mit dem Erbe der Mayas? Brian Dominic überlegt. "Hm, es ist auf jeden Fall gut, dass inzwischen so viele Touristen kommen", sagt er dann. "Durch die Touristen beschäftigen wir uns auch selbst wieder mehr mit der eigenen Geschichte." Weder Luis Ángel, noch Brian Dominic sprechen die Sprache der Maya, ihre Eltern schon. Auch in der Schule lernen die beiden sie nicht, im Gegensatz zu einigen Schülern im Landesinneren. Dafür können sie schon etwas Englisch. Jetzt müssen sie weiterziehen, um den nächsten Touristen zu interviewen: "Where do you come from?"