Das Gebiet der sogenannten weißen Wüste gehört zu den Hauptattraktionen des ägyptischen Wüstentourismus. Spektakulär sind die Kalksteinformationen zwischen den Oasen Bahariya und Farafra. Hier, etwa 350 Kilometer von der Hauptstadt Kairo entfernt, war eine Gruppe mexikanischer Touristen mit ihren vier Geländewagen unterwegs, als ein ägyptischer Apache-Kampfhubschrauber das Feuer auf ihren Konvoi eröffnete und offenbar sämtliche Insassen tötete oder verletzte.

Nach ersten Meldungen starben zwölf Passagiere, darunter mindestens zwei Mexikaner und mehrere ägyptische Fremdenführer. Die übrigen zehn Teilnehmer wurden verletzt. Das ägyptische Innenministerium erklärte bislang lediglich, die Gruppe sei ohne Genehmigung, mit nicht lizensierten Geländewagen und in einem militärischen Sperrgebiet unterwegs gewesen – und von den Soldaten irrtümlich für Mitglieder des "Islamischen Staates" gehalten worden. Eine Darstellung, die lokale Verantwortliche gegenüber der BBC energisch bestritten. Nach ihren Angaben sei die Reisegruppe sogar von einem Polizeijeep begleitet gewesen.

Tatsächlich ist die Darstellung der Regierung nicht rundum schlüssig: Alle Veranstalter müssen ihre Touren bei der ägyptischen Oasenpolizei anmelden und genehmigen lassen. An sämtlichen Ausfallstraßen gibt es Kontrollpunkte. Auslöser dieses strengen Kontrollsystems war im Oktober 2014 ein Terrorüberfall von IS-Kommandos aus Libyen auf einen Militärposten nahe Farafra. Das war nicht der einzige Vorfall. Erfahrene Wüstenfahrer und beduinische Führer berichten, dass sie regelmäßig per SMS bedroht werden, ihre Wüstenkenntnisse nicht der Armee zur Verfügung zu stellen. Einzelne Wüstenkundige aus ihrem Kreis wurden bereits ermordet.

Nahe liegt die Interpretation, dass der von Präsident Abdel Fattah al-Sissi ausgerufene Kampf gegen den Terror bei den Sicherheitskräften das Gefühl erzeugt, man könne erst einmal draufhalten. In der Sinai-Wüste werden neben den IS-Dschihadisten regelmäßig auch Dorfbewohner und Autofahrer, Frauen und Kinder, Wohnhäuser und Schulen beschossen. In der Westwüste kamen jetzt auch ausländische Touristen ums Leben – erstmals. Dennoch ist der tödliche Vorfall ein weiterer schwerer Rückschlag für die ägyptische Reisebranche. Er bestärkt jedenfalls die Unsicherheit.

Ägypten ist nicht das einzige Land in der Großregion, das immer stärker von der grassierenden Gewalt in der arabischen Unruheregion in Mitleidenschaft gezogen, die sich von der Arabischen Halbinsel über den gesamten südlichen Mittelmeerraum erstreckt. Dort leben 5,2 Prozent der Weltbevölkerung, aber sie ist nach einer Erhebung von Konfliktforschern aus Oslo und Uppsala Schauplatz von 17 Prozent aller bewaffneten Konflikte.

Auf schwankendem Boden

In Tunesien gab es innerhalb von drei Monaten im Bardo-Museum von Tunis sowie im Hotel Imperial Marhaba nahe Sousse die beiden schwersten Massaker an ausländischen Touristen in der Geschichte des Landes. Seitdem sind die Strände leer. Großbritannien, Dänemark und Irland forderten vergangene Woche ihre Bürger auf, das Land umgehend zu verlassen. Andere europäische Nationen könnten demnächst folgen. Damit steht das kleine Mittelmeerland, das als einzige Nation nach dem Arabischen Frühling nicht in Bürgerkrieg oder Militärdiktatur abgerutscht ist, ökonomisch vor dem Abgrund. Seine Ferienindustrie, in der 400.000 Menschen beschäftigt sind, hatte zuletzt rund 15 Prozent des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet.

Und auch Ägyptens Ferienindustrie steht auf schwankendem Boden. Erst vor drei Monaten wurde in Luxor ein ähnlich schwerer Anschlag auf Urlauber wie im tunesischen Sousse nur mit viel Glück und durch die Aufmerksamkeit eines Taxifahrers verhindert. Mitte Juli verwüstete eine große Bombe, zu der sich der "Islamische Staat" bekannte, im Zentrum von Kairo das italienische Konsulat. Beide Anschläge "zeigen, dass auch Touristen und ausländische Institutionen mögliche Anschlagsziele sind", warnte die Deutsche Botschaft in Kairo und forderte alle Deutschen auf, entsprechend vorsichtig zu sein.

Shibam, das Manhattan der Wüste

Auch jenseits der klassischen Reiseländer ist ein ganzer Kulturraum mit seinen Welterbestätten dabei, der kulturinteressierten Menschheit verloren zu gehen. Im Jemen existieren märchenhafte Landschaften. Hier herrschte die mythische Königin Saba, die angeblich mit dem biblischen König Salomon liiert war. Die Provinz Maarib, die heute eine Hochburg von Al-Kaida ist, beherbergt die älteste Talsperre der Menschheit. Im Hadramaut im Südosten steht seit 2.000 Jahren das Manhattan der Wüste, die Stadt Shibam. Hier wurden die ersten Wolkenkratzer der Menschheit erfunden, nicht aus Stahl und Beton, sondern aus Lehmziegeln und Holz. Die größten Exemplare erreichen mit neun Stockwerken fast zwanzig Meter, nach Meinung von Statikern die maximal mögliche Höhe mit diesem Baumaterial.

Touristen, die dieses Kulturerbe der Menschheit bestaunen, gibt es im Hadramaut schon seit Jahren nicht mehr. Die Gefahr, von Extremisten attackiert oder entführt zu werden, ist zu groß geworden. Seit März herrscht auch im Jemen Krieg, wie in vielen anderen Regionen der arabischen Welt. Mehr als 2.600 Menschen sind bisher gestorben. Die Hauptstadt Sanaa, deren kakaofarbene Häuser mit weißem Stuck ebenfalls zum Unesco-Schatz gehören, steht fast jeden Tag unter saudischem Beschuss.

8,5 Millionen Reisende in Palmyra – 2010

Ähnlich düster sieht es in Syrien und im Irak aus, auf deren Territorium einst die Wiege der Menschheit stand. In dem einstigen fruchtbaren Halbmond wurde das Alphabet erfunden, hier finden sich die berühmtesten Kulturlandschaften der Menschheit. Doch beide Länder sind durch Bürgerkriege inzwischen so schwer verwüstet, dass sie wohl niemals mehr als geeinte Nationen existieren werden. 70 Prozent Syriens wird von radikalen Extremisten beherrscht, dem "Islamischen Staat" und der sogenannten Eroberungsarmee, bei der Al-Kaida den Ton angibt. Glücklich die zuletzt 8,5 Millionen Reisenden, die 2010 – ein Jahr vor Beginn des arabischen Niedergangs – noch Damaskus, Aleppo, Homs oder die Oasenmetropole Palmyra besuchen konnten. Heute kommt niemand mehr, genauso wenig wie in den Irak, der schon seit der US-Invasion 2003 für westliche Besucher kaum mehr zugänglich ist. Im Zweistromland kontrolliert der "Islamische Staat" inzwischen ein Drittel der Staatsfläche, darunter die Millionenstadt Mossul.

Genauso lebensgefährlich sind inzwischen Reisen nach Libyen mit seinen fantastisch gut erhaltenen römischen Städten Leptis Magna, Sabratha und Cyrene.

Superluxus-Ferien in Dubai oder Abu Dhabi, die gehen vielleicht noch. Das Sultanat Oman, die Heimat von Sindbad dem Seefahrer, ist auf der Arabischen Halbinsel noch der letzte Geheimtipp, solange der Krieg im Jemen nicht über die Grenze schwappt.

Und in Nordafrika gehört Marokko mit zehn Millionen Besuchern im Jahr bislang zu den beliebtesten Reisezielen. Allerdings stellen junge Marokkaner mittlerweile nach Tunesiern und Saudis das größte Dschihadistenkontingent beim "Islamischen Staat".