Hier finden New Yorker die ersehnte Ruhe. © Matthew Eisman / Freier Fotograf / Getty Images

Die Hamptons sind kein touristisches Allerweltsziel. Es gibt erstaunlich wenige Hotels, und Bettenburgen gar, wie sie an so vielen anderen Prachtküsten dieser Welt stehen, finden sich hier gar nicht. In den Hamptons lebt man im eigenen oder im gemieteten Ferienhaus. New York City, diese aufgeregte Metropole, ist weniger als 100 Meilen entfernt und bietet jede Form von Entertainment. In den Hamptons suchen die Menschen die Ruhe. Man bleibt unter sich. Die Restaurants (je edler, desto italienischer) sind zwar voll im Sommer, aber nach 23:00 Uhr wird es auch da ruhig. Die Ausnahme ist Montauk, das östliche Ende der Insel. Hier gibt es noch etliche Hotels und Motels, hier sind auch die Strände voll und hier gibt es sogar Nachtclubs. Montauk ist ein Treffpunkt der Jugend. Vor allem bei denjenigen, die schon 21 sind und Alkohol trinken dürfen, ist Montauk als Partyzone beliebt.

Das krasse Gegenteil von Montauk ist Shelter Island, die nördliche Begrenzung der Hamptons. Eine Insel auf der Insel, nur per fünfminütiger Fährfahrt erreichbar. Hier ist einfach – nichts. Ein paar Wohnhäuschen, wenige Einkaufsläden, eine Mini-Tankstelle, das war's. Der Name der Insel ist Programm, Shelter bedeutet Zuflucht. Wer Ruhe sucht, wird im Großraum New York wohl kaum einen abgeschiedeneren Fleck finden.

Der hübscheste Ort in den Hamptons, so sehen es viele Einheimische, ist Sag Harbor. Das ehemalige Walfänger-Dorf wirkt wie eine Puppenstube. Ein Holzhaus niedlicher als das andere. Auch in Sag Harbor sind die Immobilienpreise explodiert, trotzdem wirkt hier alles "normaler" als an der Südküste, die Grundstücke sind kleiner und kaum eine Ligusterhecke versperrt den Blick auf diese US-Postkarten-Idylle. Sag Harbor fehlt der Ozean, es liegt inmitten von Buchten. Im Westen ist es die Peconic Bay, fast schon ein kleines Binnenmeer, und im Osten mussten die Walfänger einst erst Gardiners Bay durchqueren, bevor sie im offenen Atlantik waren. Dennoch ist Sag Harbor ferientauglich, denn an den sauberen Bays kann man nicht nur baden, sondern im Gegensatz zum rauen Ozean sogar richtig schwimmen.

Während in Los Angeles Bustouren mit dem Versprechen angeboten werden, den Prominenten nahe zu kommen, gerät in den Hamptons niemand aus dem Häuschen, weil hier so viele Stars wohnen: Auf halbem Weg zwischen Sag Harbor und Southampton kommt man an der Ranch von Madonna vorbei, und Paul McCartney hat seit Jahrzehnten ein Haus in Amagansett. Überhaupt die Rock- und Popmusiker, wer ist eigentlich nicht hier? Jon Bon Jovi (East Hampton), Roger Waters (Bridgehampton), Billy Joel (Sagaponack), Jennifer Lopez (Water Mill), Paul Simon (Montauk) und viele mehr. Auch die Filmbranche hat hier ihre Schlupfwinkel: Scarlett Johansson, Renée Zellweger, Gwyneth Paltrow, Sarah Jessica Parker. Ebenso wie Robert de Niro, Richard Gere, Alec Baldwin oder Steven Spielberg. Mitunter ist der Prominentenstatus auch vererbbar: Gabby Karan de Felice, die Tochter der Modeschöpferin Donna Karan, betreibt beispielsweise zwei florierende Restaurants in Sag Harbor und Southampton.

Haustür an Haustür mit den Stars © Matthew Eisman / Freier Fotograf / Getty Images

Wenn es in den Hamptons nur um die Reichen und Schönen ginge, wäre es am Ende wohl doch ein langweiliges Reiseziel. Doch der Ostzipfel von Long Island bietet mehr, er war zum Beispiel immer auch ein Lieblingsort der Schriftseller und Künstler: Truman Capote, Kurt Vonnegut, E.L. Doctorow haben hier geschrieben, und James Salter war bis zu seinem Tod in diesem Sommer eine Institution in Sag Harbor. John Updike lässt Sucht mein Angesicht, seinen Schlüsselroman über die New Yorker Kunstszene nicht in der City, sondern in den Hamptons spielen. Kaum verklausuliert beschreibt Updike das Leben von Jackson Pollock, einem der großen Maler der Hamptons. De Kooning, Roy Lichtenstein, Andy Warhol und viele andere haben in den Hamptons gearbeitet. Ein wunderschönes Denkmal zu Ehren der hiesigen Kunstszene haben die Star-Architekten Herzog & de Meuron gesetzt: das Parrish Art Museum. Wie futuristisch der Bau ist, erkennt man erst bei genauem Hinsehen, so perfekt schmiegt sich das Museum in die Landschaft. Wenn dort an Sommerabenden Jazz-Combos im Museumsgarten spielen und sich die Besucher bei freiem Eintritt ein bescheidenes Picknick mitbringen, dann erlebt man die Hamptons ohne neureiches Geprotze.

Ziemlich geerdet und ursprünglich geht es auch am Westrand der Hamptons, in den Ortschaften Hampton Bays und Westhampton zu. "Cor-J" heißt zum Beispiel ein unscheinbarer Fischladen, wenige Steinwürfe von den Anlegestellen der Fischkutter entfernt. Wer das Geschäft betritt, läuft zunächst an vier, fünf gummibeschürzten Männern vorbei, die knöcheltief in Fischkarkassen stehen und mit chirurgischer Präzision einen Fisch nach dem anderen filetieren. Im zweiten Teil des Ladens stehen ebenso viele Frauen und verkaufen die Ware. Tracy ist eine von ihnen, seit 30 Jahren dabei, über Fisch weiß sie alles. "Sie wollen lokalen Fisch", fragt sie. "Sie können diesen Striped Bass nehmen, das ist der Star unter den einheimischen Fischen, kostet 24 Dollar das Pfund. Haben Sie schon mal den wunderbaren Blue Fish probiert? Kommt auch von hier, kostet nur sechseinhalb Dollar das Pfund."

Von "Cor-J" kann man hinüber zum Heliport in der Meadow Lane sehen. Hubschrauber-Landeplätze gibt es etliche, weil die Straßenverbindungen von New York City in die Hamptons miserabel sind. Gleichgültig ob man die Interstate 495 oder den Southern State Parkway nimmt, die Straßen sind oft verstopft, es dauert lange, bis sich New York City ausmäandert hat. Am Wochenende kann man gerne mal drei Stunden bis in die Hamptons brauchen. Nur der Hubschrauber kann das Versprechen vom "New Yorker Naherholungsgebiet" einlösen, er schafft die Strecke in nur 30 Minuten und ist ab 550 Dollar aufwärts pro Person zu haben, One-Way versteht sich. Vor allem freitag- und sonntagabends hängen die Hubschrauber in Warteschleifen über den Heliports. In Easthampton haben entnervte Anwohner jetzt eine Initiative gestartet. Sie wollen erreichen, dass in Zukunft die Registriernummern der Hubschrauber vermerkt werden und nur noch eine Landung und ein Start pro Maschine in der Woche gestattet werden.

Ob mit oder ohne Hubschrauber, der entscheidende Reiz der Hamptons war, ist und bleibt ihre Nähe zu New York City. Dort draußen kann man kaum glauben, wie viel Ruhe, Natur und Idylle es so nahe an einer der glitzerndsten Metropolen dieser Welt gibt.