Matthias Stolz steigt aus. Für ein Jahr. Hier schreibt er, was er erlebt – er hat ja sonst nichts zu tun.

Als ich 20 war, Anfang der Neunziger, gehörte eine Reise durch die USA zum Männlichsein irgendwie dazu. Am besten, man fuhr von Ost nach West (volle Punktzahl), an der Westküste entlang von L.A. nach Seattle (8 Punkte), oder man verbrachte ein Auslandsjahr in der elften Klasse irgendwo in Kalifornien und fuhr am Ende noch ein bisschen rum (auch 8 Punkte). Natürlich fuhr man in einem halb schrottreifen Auto, das man sich gebraucht gekauft hatte, das Unmengen Benzin schluckte und das am Ende wieder verkauft wurde, wenn es noch nicht ganz kaputt war. In dem Auto musste übrigens auch übernachtet werden, komme, was wolle.

Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände habe ich diese Männlichkeitspunkte damals nicht verbucht. Einmal fehlte mir das nötige Geld, ein anderes Mal gesellte sich ein Mitfahrer unter die Reisegruppe, den ich nicht ausstehen konnte, weshalb ich doch durch Europa fuhr, per Interrail (3 Punkte). Irgendwann, dachte ich mir, hole ich die große Reise quer durch die USA aber nach.

Es dauerte nur 22 Jahre. In dem mittlerweile erlangten Alter hatte ich keine Lust mehr, ein schrottreifes Auto für die Reise zu besorgen. Ein richtiges Wohnmobil natürlich auch nicht, und so landete ich bei einem Vermieter namens Jucy, der sich auf besonders kleine, für Amerika unübliche Vans spezialisiert hatte.

"This Jucy RV comes with everything including the kitchen sink." © Matthias Stolz

Es muss als großes Reiserisiko gelten, nicht zu wissen, welche Werbesprüche auf einem gemieteten Auto stehen. Ich hatte jedenfalls keine Ahnung, dass auf dem Van, einem Dodge, folgender Satz stehen würde, in aus 30 Metern noch zu lesender Schrift: "This Jucy RV comes with everything including the kitchen sink." Dieser Camper hat alles, sogar eine Küchenspüle. Das Auto war in Teilen lila, in Teilen grün angemalt. Man konnte es nicht übersehen. Kinder, die offenbar gerade lesen gelernt hatten, blieben vor dem Auto stehen, um sich den Satz laut vorzulesen. Sehr, sehr viele Mitcamper verwickelten uns in einen Small talk über die Spüle. Bald waren wir geübt darin, uns selber über das Auto lustig zu machen: Ja, ohne die Spüle hätten wir das nicht genommen.

Immerhin, Marshmallows!

Wie viele Männlichkeitspunkte ich mit diesem Auto wohl nachholen konnte? Einen? Keinen? Überhaupt fiel mir nach einigen Wochen auf, dass die, die uns ansprachen, im Schnitt so alt waren wie ich oder noch etwas älter. Jungs in schrottreifen Autos begegneten mir auf den Campingplätzen Kaliforniens, Arizonas, Utahs und Nevadas praktisch nie. Sehr oft hingegen amerikanische Jungeltern mit ihren Kindern, die sich im Marshmallow-überm-Lagerfeuer-Karamellisieren übten (unbedingt nachmachen, schmeckt super, vor allem, wenn die Marshmallows eine Zuckerkruste haben).

Der deutsche Jungmann hingegen strebt, so scheint es, nicht mehr massenweise nach Amerika, um dort in alten Autos zu kiffen oder von der Polizei bei einem anderen Verkehrsdelikt erwischt zu werden und zu Hause dann von einer Quasi-Verhaftung zu erzählen. Vielleicht gilt Amerika heute als zu unexotisch, verliert gegen Indonesien oder Madagaskar. Vielleicht gilt Autofahren nicht mehr als Abenteuer oder jedenfalls nicht mehr als männlichkeitsbildend. Vielleicht müssen 20-Jährige ihre Männlichkeit heute weniger beweisen. Gute Nachricht, vielleicht.

Ich wurde übrigens nicht bei einer Verkehrsstraftat erwischt. Dafür aß ich immerhin sehr viele halbrohe Burger (3 Punkte) auf der alten (Zusatzpunkt) Route 66. Und einmal traf ich beim Zähneputzen in der Wüste Anza-Borrego eine Klapperschlange (8 Punkte). Die herbeigerufenen Ranger jedoch fanden, dass keine akute Gefahr bestehe, weil das Tier recht friedlich unterm Busch lag (3 Punkte?). Den Kitchen Sink habe ich übrigens nicht ein einziges Mal benutzt. Aus Selbstachtung.

Kurz vor San Francisco trafen wir ein Paar, sie hatten das gleiche Auto mit der gleichen Aufschrift. Sie sagten, sie hätten es für einen Dollar pro Tag gemietet, Sonderpreis, weil sie es zurück nach Los Angelos brächten. Alle Autos sollten dort umlackiert werden. Ach, dachte ich.