Ein viel zu heißer Spätsommertag in Madrid. Mein Oberhemd kapituliert vor der Mischung aus Schweiß und Sonnencrème auf meiner Haut, es umspannt meinen Körper wie ein deutlich zu enger Neoprenanzug. Die Sonne steht hoch über den mächtigen Prachtbauten der Gran Vía, Menschen powerwalken die Bürgersteige entlang, eine Gruppe Männer in Anzügen rennt sonnenbebrillt und Aktentaschen schwenkend an mir vorbei, so als sei die spanische Krise eine Erfindung der Medien, als gebe es hier für alle ausreichend Arbeit, als mangele es an gar nichts, höchstens an Zeit.

Es ist der dritte Tag meines Aufenthalts, und schon jetzt bin ich mit dem Versuch gescheitert, mich nicht wie ein Tourist zu verhalten. Ich stehe an einer Fußgängerampel und verpasse Grünphase nach Grünphase, weil ich damit beschäftigt bin, Gebäude und Menschen zu fotografieren, die ich nicht kenne. Ich stehe dabei genau diesen Menschen im Weg und höre mich mehrmals "Scusi" und "Sorry" sagen, obwohl ich weiß, dass beides falsch ist. Ich bin eine einzige Verkrampfung, dabei sollten mir die vier Tage im herrschaftlichen Madrid eigentlich Lebensfreude und neuen Glauben an die europäische Idee einhauchen, mich über schönheitstrunkene Nächte endlich wieder mit dem vertraut machen, was ich seit meiner Jugend für Freiheit halte.

Das Gegenteil ist passiert. Mit jeder missverstandenen Bestellung in Restaurants, mit jedem Verlorengehen in den Gassen von Lavapiés, dem Kreuzberg Madrids, mit jedem beim Spaziergang im Stadtpark Retiro eingefangenen Sonnenbrand wird deutlicher, dass es mir nicht gelingen wird, mich einfach unauffällig reinzuschleichen in diese beeindruckende und weitläufige Stadt, dass ich nicht einfach so tun kann, als gehörte ich dazu. Ich trage diesen Stempel auf der Stirn: "German Tourist" – das steht da für alle unübersehbar, und in weniger gastfreundlichen Städten der Welt wäre ich längst schon mehrmals hinters Licht geführt und irgendwann in der Dunkelheit zurückgelassen worden.

Was ist falsch an Tapasbars?

Dabei ist das Vorhaben vor jeder Städtereise das gleiche: so wenig Tourist zu sein wie möglich. Der jämmerliche Versuch, sich von der sogenannten Masse abzugrenzen. Vielleicht glaube ich ja wirklich, ich sei einer dieser Lebenskünstler-Weltenbummler, also etwas Besonderes. Bin ich aber nicht. Ich bin Angestellter bei der Onlineausgabe einer Wochenzeitung. Warum also diesen ungeheuren Aufwand betreiben? Warum Airbnb-Wohnung statt international renommierte Bettenburg, öffentlicher Nahverkehr statt Taxi, fensterlose Schinkenspeisung im Hinterhof statt Touristenrestaurant auf dem baulichen Gesamtkunstwerk Plaza Mayor? Was ist eigentlich so falsch an zentrumsnahen Hotels, an Tapasbars mit mehrsprachigen Speisekarten oder Kneipen mit Flamencoprogramm? Das ist doch alles nur für mich da, denke ich plötzlich, das alles soll mir bieten, wovon ich im Großraumbüro wochenlang geträumt habe.

Ich beschließe in einem Anflug von Resignation und Selbsthass, für den Rest meines Aufenthalts nur noch Tourist zu sein, Tourist mit Haut und Haaren, mit jeder Faser meines hitzegeplagten, sonnenverbrannten Körpers. Ich werde jeden Bierflatrate-Flyer, der mir nachts auf der Puerta del Sol in die Hand gedrückt wird, nicht nur aufmerksam lesen, sondern als Vorschlag ernst nehmen. Ich werde die Puerta del Sol angemessen bestaunen, diesen Platz in der Mitte der Stadt, dessen Namen die Madrilenen an Vodafone verscherbelt haben und der jetzt Vodafone Sol heißt. Von dort aus werde ich mich von meinem Smartphone durch die Gassen der Ausgehviertel navigieren lassen, auf der Suche nach dem besten Pubcrawl-Angebot. Und wer weiß: Vielleicht werde ich schon vor Mitternacht auf allen Vieren durch einen dieser Pubs krabbeln und "La Paloma, olé!" singen.

Unser Autor auf dem Segway. Alles andere wäre Wahnsinn. © ZEIT ONLINE

Doch bevor es Abend wird in Madrid, bevor die Tische der Restaurants und Bars im gesamten Innenstadtbereich belegt sind, bevor das Lachen der Menschen durch die Straßen hallt und uns alle glauben macht, dass eine friedliche Zukunft möglich ist, muss ich noch etwas tun, das sich niemand aus meinem Dreitagebart- und Duttfreundeskreis jemals trauen würde. Ich muss mich befreien aus dem Gefängnis der Scham, muss ein Mal zum Gipfel aller Peinlichkeiten und zurück, muss mir beweisen, dass auch ich eines Tages ein T-Shirt tragen könnte mit der Aufschrift: Bier formte diesen schönen Körper. Ich muss international anerkannter Diplomtourist werden. Mit einem Partyhut und kurzen Hosen. Oder auf einem Segway. Alles andere wäre Wahnsinn.

Du Anfänger!

Es ist ein mächtiger Schnurrbart. Er wuchert so stark über die Oberlippe, dass sich im deutschen Winter Eiszapfen an seinen haarigen Enden bilden würden. Dazu diese Stimme: so basslastig, dass sie Lautsprecher zum Bersten bringen könnte. Und während sich meine Hand noch von der Wucht seines Händedrucks erholt, erklärt mir Bartinhaber und Touristenversteher Herr Campillo, dass er sich bereits vor fünf Jahren selbstständig gemacht habe. Er sei die meiste Zeit seines Lebens selbst Tourist gewesen und habe eines Tages in Washington D.C. mit einer Meniskusverletzung nach einer Möglichkeit gesucht, die Stadt ohne Hop-on- and Hop-off-Bustour zu erkunden. "Meine Kniekehle schmerzte wie nach zwei Dutzend Wespenstichen, Amigo. Ich wollte nicht hoppen, geschweige denn zu Fuß gehen. Dann gab mir ein Taxifahrer den entscheidenden Tipp."

Vor Herrn Campillos kleinem Büroraum, den wir Touristen direkt neben einer McDonalds-Filiale finden, sammeln sich langsam all jene Paare, die ihren Weg zum Touristendiplom bereits zurückgelegt haben und dementsprechend fröhlich-unbeschwert sind. An ihren Laufhilfen sollt ihr sie erkennen: Ich sehe Sportschuhe aller namhaften Hersteller, sie umschließen farbenfroh und unerschrocken Füße, die ihrerseits die Resultate von Tausenden "Maxi Menüs" durch Madrid tragen. Ich sehe kurze Hosen, die so weit geschnitten sind, dass bei jedem Schritt ein Windzug kühlend die Beine hochfahren kann. Und ich sehe wasserfeste, aber atmungsaktive Funktions-T-Shirts in allen Polyethylen-Farben, die so lange haltbar sind, dass sie noch in zweihundert Jahren Zeugnis unserer fortschrittlichen Kultur sein werden. Als ich an mir herabsehe, schäme ich mich für Lederschuhe und lange Hose. 35 Grad und Lederschuhe, denke ich: du Anfänger!