ZEIT ONLINE: Herr Urbański, seit Kurzem geht das Gerücht um, in der niederschlesischen Region um Wałbrzych (Waldenburg) liege ein gepanzerter Zug der Nationalsozialisten verschüttet, der womöglich Gold oder anderes von Wert beherberge.

Krzysztof Urbański: Ja, aber ich kann Ihnen leider auch nicht sagen, ob das stimmt. Wir wissen nicht, was da liegt, niemand weiß es. Ich nehme allerdings wahr, dass sich für uns …

ZEIT ONLINE: … die Verwaltung von Zamek Książ, also des Schlosses Fürstenstein, das die Region des Eulengebirges überragt…

Urbański: … eine sehr gute Möglichkeit ergeben hat, unsere Region touristisch zu promoten. Wenn wir das vorletzte und das letzte August-Wochenende vergleichen, kann man sagen, die Besucherzahlen am Schloss haben sich mehr als verdoppelt. Es gibt deutlich mehr Nachfragen, auch nach Hotelbuchungen. Und wir hoffen natürlich, dass der Trend anhält. Wir haben unsere fünf Minuten, die wollen wir über das Jahr strecken.

ZEIT ONLINE: Von welchen Besucherzahlen sprechen wir hier?

Urbański: Zuletzt besuchten an einem Wochenende etwa 2.000 Besucher das Schloss. Am vergangenen Wochenende waren es beinahe 5.000.

ZEIT ONLINE: Kommen die Menschen, weil sie sich für die Geschichte des Schlosses und der Region interessieren, oder weil sie alle Indiana-Jones-Filme gesehen haben und nun den Zug selber finden wollen?

Urbański: Derzeit wollen natürlich alle etwas über den Zug herausfinden. Unsere Touristen-Guides wurden alle nach ihm gefragt, na klar. Das Schloss hat eine 700-jährige Geschichte, aber im Moment interessiert sich kaum jemand für die ersten 620 Jahre. Alle fragen nach dem Zweiten Weltkrieg, nach den Tunneln unter dem Schloss, nach dem Zug.

ZEIT ONLINE: 1943 plante Rüstungsminister Albert Speer, das Schloss zu einem neuen Führerhauptquartier umzubauen. Im umliegenden Eulengebirge entstand ein Stollensystem, das "Projekt Riese". Die Geschichte, dass es Tunnel für Panzerzüge gegeben habe, deren Zufahrten gesprengt worden seien, gibt es schon lange.

Urbański: Für alle hier in der Gegend ist es nicht neu, dass irgendwo etwas liegen könnte. Es gab immer wieder einmal vage Hinweise und Gerüchte. Aber jetzt ist die Geschichte sehr, sehr populär. Sie überlagert alles.

ZEIT ONLINE: Sie legen Wert darauf, dass es bei Ihnen auch anderes anzuschauen gibt, oder?

Urbański: Klar. Der Zug ist nur ein kleiner Teil dessen, was man hier besuchen und sehen kann. Wir wissen ja nicht einmal, ob er existiert. Aber diese Zug-Geschichte ermöglicht es den Leuten, sich über die Gegend zu informieren. Befeuert durch das Interesse der Medien können wir nun neue Angebote machen, auch für die Menschen, die sich für Geschichte interessieren, nicht nur für die des Zweiten Weltkriegs. Wir organisieren nun etwa spezielle Reisen. Die polnische Fremdenverkehrsbehörde könnte den Zug nutzen, um das ganze Land als Reiseziel zu vermarkten. Mit den Hoteliers und Wirten aus der Region erörtern wir gerade auch eine gemeinsame Strategie, wie wir weiterhin vorgehen.

ZEIT ONLINE: Klingt, als hätten Sie schon einen Schatz gefunden – mehr Touristen.

Urbański: In der Tat ist es so, dass jeder Landstrich auf der ganzen Welt einen Haufen Geld für die Art von Rummel bezahlen würde, die wir hier gerade erleben. Wir müssen diese Gelegenheit nutzen, so gut wir können. Ein T-Shirt mit "Goldzug"-Aufdruck gibt es schon, um die Region noch besser zu promoten, "wAUbrzych" steht darauf, eine Kombination aus dem polnischen Namen für Waldenburg und dem Zeichen "Au" für Aurum – Gold. Hinzu kommen natürlich die Spekulationen rund um den Inhalt des Zugs.

ZEIT ONLINE: Kennen Sie die beiden Männer, die sagen, dass sie den Zug gefunden hätten?

Urbański: Ich habe die Namen gehört, aber mehr weiß ich nicht über sie.

ZEIT ONLINE: Ein verschütteter Zug. Ein Georadarbild, das die Öffentlichkeit noch nicht gesehen hat. Widersprüchliche Aussagen. Könnte es sein, dass alles ein PR-Gag ist?

Urbański: Wenn es so wäre, dann wäre es ein Meisterstück. Anfangs hat ja niemand damit gerechnet, dass die Aufmerksamkeit ein solches Ausmaß annehmen würde.

ZEIT ONLINE: Das Beste für Sie wäre ja eigentlich, wenn niemand jemals die Existenz des Zugs beweisen oder widerlegen könnte.

Urbański: Dann hätten wir eine Loch-Ness-Geschichte, das stimmt schon. Aber man muss derzeit wirklich darauf hinweisen, dass man nicht übermütig werden sollte bei der Schatzsuche. Es gibt Eisenbahnschienen hier und Züge, die tatsächlich verkehren. Ich persönlich drücke die Daumen, dass dieser Zug gefunden wird. Das wäre die bessere Touristenattraktion.

Korrektur: "Ich kreuze meine Finger" wurde im Nachhinein geändert in "Ich drücke meine Daumen". Wir bitten, den Übersetzungsfehler zu entschuldigen.